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Wahrnehmung der virtuellen Vergangenheit

14.09.2022 • 19:54 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Making-of von "Destined To Return" <span class="copyright">Markus Oberndorfer, Bildrecht Wien</span>
Making-of von "Destined To Return" Markus Oberndorfer, Bildrecht Wien

Ab heute führt Markus Oberndorfer in „Destined to Return“ im Bildraum Bodensee mit 360 Grad-Videos durch 50 Jahre Medienentwicklung.

Mitte der 1960er-Jahre fuhr Edward Ruscha auf dem legendären Sunset Strip in West Hollywood und fotografierte mit einer auf einem Auto montierten automatischen Kleinbildkamera die am Straßenverlauf liegenden Häuser, Shops, Restaurants und Nachtclubs. Aus den Einzelaufnahmen entwickelte er das Leporello „Every Building on the Sunset Strip“ – eines der ersten fotografischen Street-Panoramen, die jemals gemacht wurden. Das einfache Buch, das damals für einige Dollar verkauft wurde, war ein Resultat der motorisierten Welt in Amerika, in der man für jeden Weg ein Auto braucht. Diesen alltäglichen Weg versuchte Ruscha damals in einem Experiment mit der Fotografie abzubilden.

Fünfzig Jahre später haben sich die technischen Möglichkeiten in der Fotografie stark erweitert und machen ganz neue Perspektiven erfahrbar. Virtual-Reality-(VR-)Brillen geben den Betrachtern die Freiheit, die Position des Künstlers zu verlassen und sich in den Arbeiten frei zu bewegen und dabei eigenständig zu agieren.

Ausstellung "Destined To Return"    <span class="copyright">Markus Oberndorfer, Bildrecht Wien</span>
Ausstellung "Destined To Return" Markus Oberndorfer, Bildrecht Wien


Inspiriert von der Wahrnehmung durch die VR-Brillen wollte der oberösterreichische Künstler Markus Oberndorfer die neuen Technologien der 360-Grad-Videos im Hinblick auf Zeit und Raum erkunden. Sein eigenes Erleben der virtuellen Welt in der Zerrissenheit von Körper und Geist veranlassen ihn dazu, sich näher damit auseinanderzusetzen, was computergenerierte Wirklichkeiten in den Menschen auslösen. „Diese Ambivalenz aus: Mein Hirn glaubt, ich bin auf dem Rollercoaster, aber mein Körper weiß, er steht in der Mitte von einem Raum“, beschreibt Markus Oberndorfer auf der Ausstellungseröffnung am Dienstag die Wirkung der virtuellen Realität.


Darauf basierend habe er sich ein Konzept überlegt, das „dieses neue Medium hinterfragt und in eine Zeitleiste der Medien einbaut“, sagt Oberndorfer. So begab er sich auf eine Reise durch die Zeit, um Ed Ruschas Panorama des Sunset Strip nochmal mit neuen technischen Möglichkeiten erfahrbar zu machen. Vor sechs Jahren fuhr er, mit sechs Kameras ausgestattet, den Sunset Strip entlang und entwickelte daraus vier 360-Grad-Videos. Mit dieser Werkserie „Revisited“ untersucht er die Dimensionen von Raum und Zeit und beleuchtet eine 50jährige Mediengeschichte. Dabei beschäftigte er sich auch mit visuellen Komponenten und versuchte zu erfassen, was es bedeutet, wenn die Komposition vom Produzenten auf den Konsumenten übergeht.

Freiheit und Machtwechsel

Wenn man sich Ruschas Panorama ansieht, sieht man „den Inbegriff der Fotografie, man kann aus dem fotografischen Ausschnitt nicht ausbrechen, man ist in dem gefangen und könnte nicht sagen, wie der Moment auf der anderen Seite ausgesehen hat“, erklärt der Künstler.

In Film und Video werden ebenfalls die Bildausschnitte vorgegeben, als Betrachter habe man da wenig Einfluss. Mit den Möglichkeiten der Virtual Reality passiert ein Machtwechsel: Der Betrachter kann beim Aufsetzen der Brille sofort selbst entscheiden, welche Ausschnitte er sehen möchte, auch wenn er immer wieder in die Aufnahmen des 11. Mai 2016 zurückkehrt und aus dieser Zeitleiste des Sunset Strip nicht ausbrechen kann. Immer wieder werden VR-Besucher in die gleiche Straße einer vergangenen Zeit gebracht und doch erhalten sie je nach persönlichen Vorerfahrungen individuelle Erlebnisse. Oberndorfer spricht daher von einem Machtverlust der Künstler, „weil die Macht der Komposition wegfällt“.
Neben Oberndorfers VR-Sunset-Strip-Projekt „Revisited“ stellt er in weiteren Arbeiten die freie immersive Umgebung hinter der VR-Brille der analogen Fotografien gegenüber. Die Ausstellung gewährt ein Ausprobieren und Eintauchen in die neuen technischen Möglichkeiten der Kunst, welche die Besucher in Sekunden in eine Hängematte an den Strand von Malibu befördert und ein künstliches Erleben von vergangenen Zeiten möglich macht.


„Destined to Return“: in Kooperation mit Bildrecht und Ars Electronica 2022, geöffnet ab heute bis 27. Oktober im Bildraum Bodensee.