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Ein Kampf gegen das Fleisch in Massen

15.09.2022 • 21:58 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Szenebild von "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"<span class="copyright">Sarah Mistura</span>
Szenebild von "Die heilige Johanna der Schlachthöfe"Sarah Mistura

Am Samstag feiert Bertold Brechts Stück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ Premiere. Bérénice Hebenstreit spricht im Interview über ihre Inszenierung.


Das Vorarlberger Landestheater startet mit der ers­ten Premiere „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“ in der Inszenierung von Bérénice Hebenstreit in ein neues Theaterjahr. Das Stück von Bertolt Brecht und seinen Mitautoren Elisabeth Hauptmann und Emil Burri thematisiert das Elend der Arbeiter während des großen Industriekapitalismus.

Umkämpfter Fleischmarkt

Die Arbeiter sind ausgesperrt und die Fabriken aufgrund der Marktflaute geschlossen. Die Fleischfabrikanten sind gleichzeitig Spekulanten an der Börse. Die Hauptfigur steht zwischen der Kapitalmacht auf der einen Seite und den leidenden Arbeitern auf der anderen und glaubt, reformatorisch auf das System einwirken zu können: Johanna von der Heilsarmee. Durch Gespräche mit dem Fleischunternehmer Pierpont Mauler soll die Öffnung der Schlachthöfe und damit eine Verbesserung der arbeitslos gewordenen Arbeiter erreicht werden.
Diese Figur der Johanna habe die Regisseurin Bérénice Hebenstreit beim ersten Lesen von Brechts Theaterstück bewegt, wie sie im Interview beschreibt. Denn während die aus menschlicher Motivation handelnde Johanna sich auf den Weg macht und darum kämpft, Veränderungen des Systems zu erreichen, finde die größte Veränderung in ihr selbst statt.

Die Regisseurin Bérénice Hebenstreit  <span class="copyright">Christine Miess</span>
Die Regisseurin Bérénice Hebenstreit Christine Miess

Entsetzt von der Not der Arbeiter, stellt sie die Frage der Verantwortung, wird „zum Schuldigen“ geschickt. Johanna ist geprägt von ihrem großen Idealismus und wendet sich im Gespräch an Mauler: „Ich kann den als Mensch ansprechen, dann wird er menschlich handeln“, sie versucht ihn menschlich zu beeinflussen, beschreibt Hebenstreit die Figur. Tatsächlich zeigen sich erste Erfolge, Mauler kauft Dosenfleisch, dann kauft er Vieh ein, bis Johanna merkt, dass jedes Manöver des Fleischkönigs nicht zu Verbesserungen führt, sondern einzig und allein seinem Profit dient.

Sie scheitert in ihrer Einstellung und erkennt, dass sich das System nicht verbessern lässt, indem man auf Einzelne einwirkt, sondern „von Grund auf verändert gehört und wird dadurch zunehmend radikalisiert“, wie Hebenstreit beschreibt.

Drei Stufen in die Tiefe

In der Inszenierung versucht die Regisseurin die vielen spekulativen Handlungen und ökonomischen Handlungsstränge nachvollziehbar und Manöver verständlich zu machen. In drei Stufen werde die Figur zuerst die Verhältnisse kennenlernen, „bis sie schließlich selbst in Schnee und Kälte sitzt und mitstreikt“ Das Publikum könne „Johannas Weg durch all diese Stufen in die Tiefe im Ringen um Veränderung“ mitgehen, sich mit der Figur identifizieren und dabei Fragen nach den eigenen Vorstellungen zu Veränderung stellen, sagt Hebenstreit. Das von Brecht sehr schematisch angelegte Stück spielt sowohl an der Börse, als auch vor den Schlachthöfen. Diese Orte werden durch die Musik und die Bühne vereint.
„Das Thema der Veränderung ist zentral und zeigt, dass sich unser Blick auf ein System verändert, je nachdem wie gut und real wir wirtschaftliche Verhältnisse einschätzen können“, sagt Hebenstreit.

Veränderung und Wirkung

Brecht stellt die Frage, „wie wirkungsvoll reformative Schritte sind“ und „wie Veränderung funktioniert“. Als er das Werk 1929/1930 verfasste, reagierte er auf den großen Industriekapitalismus in Chicago: Fleisch wird zum ersten Mal in Massen und Fließbandarbeit produziert, jeder Produktionsvorgang des Schlachtens ist aufgeteilt in ganz kleine Teile und die Berufsgruppe der Metzger wird abgelöst durch unqualifizierte, austauschbare Migranten, deren Löhne immer weiter minimiert werden.

Beim Schreiben von „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“ war Brecht fasziniert und inspiriert von Upton Sinclairs „The Jungle“. In dem 1906 veröffentlichten und berühmtesten Werk berichtet der amerikanische Schriftsteller über die schrecklichen Arbeitsbedingungen, mit welchen Einwanderer aus der Arbeiterklasse zur Zeit der Industrialisierung zu kämpfen hatten.
Für die fiktive Geschichte begab sich Sinclair für sieben Wochen undercover unter die 20.000 Arbeiter der Chicagoer Fleischverarbeitungsbetriebe und löste mit seinen Schilderungen über die Produktionsbedingungen einen weltweiten Aufschrei aus.