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Ernte in schwindelerregender Höhe

16.09.2022 • 22:13 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Der kurzweilige Arbeitsplatz der Zapfenpflücker liegt in 30 bis 40 Metern Höhe in den Wipfeln der Weißtanne. <span class="copyright">Agrargemeinschaft Nenzing</span>
Der kurzweilige Arbeitsplatz der Zapfenpflücker liegt in 30 bis 40 Metern Höhe in den Wipfeln der Weißtanne. Agrargemeinschaft Nenzing

Es ist Weißtannenzapfen-Erntezeit. Die Samen liefern den Nachwuchs für einen ­stabilen Bergmischwald der Zukunft.

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In 30 bis 40 Metern Höhe, in den Wipfeln der Weißtannen, ist die Last am größten. Dort oben ist der Nadelbaum am dünnsten und dort oben steht er voll mit Zapfen. Und mittendrin stecken schwindelfreie Pflücker und füllen einen Sack mit dunkelgrüner, wertvoller Ernte: Weißtannenzapfen. Es ist ein wildes, kraftraubendes Unterfangen.

Eine Hand voll Mitarbeiter der Forstbetriebsgemeinschaft Walgau samt Helfern sind dieser Tage oberhalb von Nenzing zugange, um Samen der Weißtanne zu gewinnen. Der Plan hinter der wiederkehrenden Aktion: Ein stabiler Bergmischwald der Zukunft.

Die Zapfen der Weißtanne stehen in den Wipfeln. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Zapfen der Weißtanne stehen in den Wipfeln. Klaus Hartinger

In Vorarlberg werden sämtliche Baumarten beerntet. Es braucht Vielfalt in den heimischen Wäldern, Reinbestände sind problematisch. Anfällig für Krankheiten und Schädlinge wie etwa dem Borkenkäfer. Und besagte Vielfalt gibt es nicht auf Knopfdruck. Die Forstbetriebsgemeinschaft Walgau betreut ein Waldgebiet von fünfeinhalb tausend Hektar und setzt pro Jahr etwa 30.000 Pflanzen. Aufforstung.

Kräftezehrende Arbeit für das Forstarbeiter-Team.<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Kräftezehrende Arbeit für das Forstarbeiter-Team.Klaus Hartinger

Hoffungsträger Weißtanne

In der Debatte, um einen klimafitten Wald spielt die heimische Weißtanne eine besondere Rolle. Denn dieser Nadelbaum hat einerseits Pfahlwurzeln, die vertikal in den Boden wachsen und so rutschige, nasse Böden und Hänge bei Starkregenereignissen sichert. Andererseits kann der Baum mit den Folgen von Trockenheit vergleichsweise gut umgehen. Ohne die Weißtanne geht es also nicht. Allerdings ist es nicht so, dass willkürlich jedes Exemplar geerntet wird. Vielmehr sind ausgewählte Waldbestände vorgesehen, dessen Bäume genetisch klar definiert und von oberster Stelle zertifiziert sind.

Förster Thomas Walter ist verantwortliche für die Ernte-Akton.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Förster Thomas Walter ist verantwortliche für die Ernte-Akton. Klaus Hartinger

Die Agrargemeinschaft Nenzing hat sich schon vor Jahren dazu entschieden eine Beerntung von Weißtannen durchzuführen, damit sie genau die Bäume bekommen, die optimal ins Gelände passen. Der verantwortliche Förster Thomas Walter erklärt das so: „Ein Baum der auf 1200 Meter gewachsen ist, sollte man nicht auf 600 Meter verpflanzen, auch wenn es die gleiche Art ist. Er wird dort nicht gedeihen“. Die Zertifizierung durch das Bundesforschungszentrum für Wald (BFW) ermöglicht auch, dass das Saatgut weiterverkauft werden kann. Nicht alles Saatgut wird im eigenen Forstbetrieb benötigt.

Qualitätskontrolle: Proben der zertifizierten Bäume werden an das Bundesforschungszentrum für Wald geschickt.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Qualitätskontrolle: Proben der zertifizierten Bäume werden an das Bundesforschungszentrum für Wald geschickt. Klaus Hartinger

Die Parzellen oberhalb von Nenzing sind Trockenstandorte. Die Weißtannen dort haben das extreme Trockenjahr 2018 und auch den heurigen Sommer sehr gut überstanden. Der Forst sucht bewusst nach solchen Exemplaren. Plus-Bäume werden sie genannt, dementsprechend zertifiziert und mit Holztäfelchen gekennzeichnet. Sie sind in Vitalität, Wuchs, Keimfähigkeit, Stabilität und Holzqualität herausragend. Sie sind ein Schlüssel in Richtung Klimawandel.

Die Zapfen der Weißtanne zerfallen komplett, sobald sie reif sind. Die Ernte muss also im richtigen Zeitpuntk vonstattengehen. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Zapfen der Weißtanne zerfallen komplett, sobald sie reif sind. Die Ernte muss also im richtigen Zeitpuntk vonstattengehen. Klaus Hartinger

400 Kilogramm Samen

Doch warum der große Aufwand? Man könnte doch warten, bis die Zapfen vom Baum fallen. „Die Zapfen der Weißtanne findet man nicht auf dem Boden – das sind jene von Fichten oder Kiefern“, erklärt Walter. Weißtannenzapfen wachsen am letztjährigen Trieb und stehen aufrecht auf den Ästen. Im Herbst zerfallen die Zapfen komplett, die Samen werden vom Wind überall auf dem Boden verteilt. Am Baum bleibt nur eine dünne Mittelspindel zurück.

<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>"Liegend-Ernte" im Gebiet Gurtis.
Klaus Hartinger"Liegend-Ernte" im Gebiet Gurtis.


Die Zapfenpflücker müssen also rauf, in die Wipfel. Einzige Alternative ist die „Liegend-Beerntung“. Konkret: Die Zapfen von Bäumen, die im Rahmen der nachhaltigen Wald-Bewirtschaftung abgeholzt wurden, werden eingesammelt.
Knifflig ist auch, den optimalen Zeitpunkt zu erwischen. Das Ernte-Fenster öffnet sich nur etwa zwei Wochen im September oder Oktober, bevor die Zapfen zerfallen. Mittlerweile wird der Reifegrad per Drohne gecheckt. „Früher musste regelmäßig einer hoch“, sagt Walter. Heuer wurde drei Wochen früher als üblich geerntet. Das lag am warmen Sommer. Vier Forstarbeiter haben an einem Tag 20 Bäume im Gebiet Triegel bearbeitet. Die Ausbeute der „Stehend-Beerntung“: 400 Kilogramm Zapfen oder 40 Kilogramm Samen. In Gurtis konnten noch einmal soviel liegend beerntet werden.

Die Zapfen sind klebrig, voller Harz. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Die Zapfen sind klebrig, voller Harz. Klaus Hartinger

Die Zapfen sind klebrig. Kaum empfehlenswert, diese ohne Handschuhe anzufassen. „Das bekommt man nicht mehr raus“, sagt Walter. Das zähe Harz – korrekt Terpentin – duftet typisch nach „Wald“ und hat besondere Eigenschaften. Es ist ein Keimhemmer. „Wenn im Herbst oder auch gerne kurz vor Weihnachten der Föhn über das Land zieht, würden ohne das Terpentin die Samen rausfallen und keimen. So muss erst ein Winter über die Zapfen gehen, dann löst sich der Stoff auf“, erklärt der Experte. Im Laufe des Ernte- und Aufzuchtsprozesses wird dieser Schritt künstlich erzeugt.

Insgesamt 800 Kilogramm Zapfen und damit 80 Kilogramm Samen konnten geerntet werden. Ein Teil davon wird verkauft.<span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Insgesamt 800 Kilogramm Zapfen und damit 80 Kilogramm Samen konnten geerntet werden. Ein Teil davon wird verkauft. Klaus Hartinger

Doch zunächst müssen die Zapfen trocknen und kommen dann in sogenannte Klenganlagen. Spezielle Trommeln oder Schleudern, die das Saatgut aus den Zapfen wirbeln.

Schließlich werden die Samen auf einem Feld ausgebracht und wachsen dort zwei Jahre lang. Die so entstandenen Sämlinge werden anschließend noch einmal verschult, in diesem Fall in Töpfe verpflanzt. Noch einmal zwei Jahre später sind die Pflanzen dann endlich bereit zum Aufforsten. „Die Samen die wir jetzt geerntet haben, sind also erst in fünf bis sechs Jahren soweit, dass die eingepflanzt werden können“, konkretisiert der Förster.
Im Gebiet oberhalb von Nenzing stehen 40 zertifizierte Bäume. Der gleiche Bestand wurde vor zwei Jahren schon geerntet. Samenjahre sind normalerweise aber alle vier Jahre. Das ist kein gutes Zeichen. Den Klimawandel zeigt sich deutlich, indem sich die Taktung der Samenproduktion verkürzt.

<span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Klaus Hartinger

Doch hat der Klimawandel nicht längst den Wettlauf gegen den Forst und seine Maßnahmen gewonnen? „Jein“, sagt Walter. Aber es sei ein harter Kampf. Leider sieht man lange nicht, was Aufforstungen und Bewirtschaftungen bewirken. Es braucht Jahrzehnte oder Jahrhunderte während die Gesellschaft in Quartalen denkt.
Der Natur sind Wetterextreme und Klimawandel letztendlich egal. Sie wird sich irgendwann erholen oder neu erfinden. Es ist der Mensch, der Probleme bekommt. Der Forst muss also eingreifen. Besonders bei allem, was groß ist. Windwurfflächen beispielsweise. „Alles der Natur zu überlassen, das wird nicht funktionieren. Wir müssen etwas schneller sein. Denn der Wald hat für den Menschen vielfältige Aufgaben zu erfüllen“, betont Walter. Klingt nach einer Mammutaufgabe.

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Klaus Hartinger
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Klaus Hartinger

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