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Luca Huber will noch mehr

16.09.2022 • 21:51 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Luca Huber will noch mehr
Luca Martina Huber sitzt hier seit dem Frühjahr einmal im Monat einer Expertin gegenüber. Hartinger

Die Intermedia-Studentin Luca Martina Huber will mit ihrem Podcast „Sunsch no was!“ starke Frauen sichtbar machen. Dieser soll zeigen, was das weibliche Geschlecht kann und anderen Mut machen.

Luca Martina Huber sitzt im Technikraum der Fachhochschule Vorarlberg mit aufgesetzten Kopfhörern und spricht in ein Mikrofon. Für gewöhnlich sitzen Huber in diesem Setting erfolgreiche Frauen aus Vorarlberg gegenüber und sie interviewt diese. Denn nicht nur im Zuge von Vorlesungen verbringt die InterMedia-Studentin Zeit im Fachhochschulgebäude. Hier nimmt sie monatlich ihren privaten, derzeit nicht kommerziellen Podcast „sunsch no was!“ auf, von dem sie im April dieses Jahres die erste Folge veröffentlicht hat.
Der Name basiert auf einer allseits bekannten Phrase, die uns beim Einkaufen an der Fleisch­theke oft begegnet. „Im Supermarkt fragt man einen immer: Sunsch no was? Und ja, wir wollen noch etwas!“, bekräftigt sie.

Sie kann, ohne lang nachdenken zu müssen, eine lange Liste von Forderungen aufzählen. „Wir“, damit meint sie Frauen, würden einen höheren Gehalt, mehr Sichtbarkeit und Wahrnehmung der Fähigkeiten und bessere Chancen im Berufsleben wollen. Mütter bräuchten ein umfangreicheres Kinderbetreuungsangebot und gleiche Chancen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dafür benötige es gleichen Lohn, damit Männer überhaupt die Möglichkeit hätten, Zuhause bei den Kindern zu bleiben. Auch finanzielle Unabhängigkeit fordert Huber.

Luca Martina Huber nimmt ihren Podcast in der Tonwerkstatt der Fachhochschule in Dornbirn auf. <span class="copyright">Hartinger</span>
Luca Martina Huber nimmt ihren Podcast in der Tonwerkstatt der Fachhochschule in Dornbirn auf. Hartinger

Sunsch no was!

Erscheinungsperiode: monatlich, erscheint immer am 3. des Monats

Produziert von Luca Huber

Verfügbar auf Spotify, Apple Podcasts

Instagram: sunsch_no_was

Die Radiomoderatorin verweist auf einen aktuellen Bericht der Vereinten Nationen, der besagt, dass mit dem derzeitigen Tempo Frauen und Männer erst in fast 300 Jahren gleichberechtigt seien (siehe Artikelende). Das Thema Gleichberechtigung sei ihr immer schon am Herzen gelegen, erzählt Huber. Der endgültige Auslöser für die Umsetzung des Podcasts zu diesem Thema war der Weltfrauentag am achten März. Sie wollte etwas Längerfristiges und mehr als nur einen einzelnen Tag im Jahr, der auf Gleichberechtigung aufmerksam macht.
Ihren Podcast gestaltet sie allein mit einer Interviewpartnerin pro Folge, mit der sie über ein bestimmtes Thema spricht. Dabei ist ihr wichtig, dass der Podcast im Gegensatz zu anderen einen hohen Informationsgehalt vorweist. Auf der Agenda waren bereits Themen wie Tabus in Verbindung mit Sex, Frieden und Konflikt, Gründung und Führung eines Unternehmens, Mutterschaft und Sichtbarkeit. Als Inspirationen für die Themenauswahl dienen dabei ihr Umfeld, Dokus oder Erlebnisse im Alltag. Etwa wenn sie in Begegnungen mit anderen realisiert, dass Menstruation noch immer ein Tabuthema ist.

Luca Huber will noch mehr
Moderieren ist für sie nichts Neues, da sie schon seit drei Jahren Nachrichtensprecherin bei Antenne Vorarlberg ist. Trotzdem verspürt sie noch immer einen Nervenkitzel. Hartinger

Alte Rollenbilder ersetzen

Auch wenn Huber Handlungsbedarf unter anderem beim Genderpaygap, der Gewaltprävention, dem Opferschutz oder der Sichtbarkeit von Frauen sieht, will sie Veränderung nicht erzwingen, sondern setzt auf die unterbewusste Wirkung. Anstatt auf negative Aspekte und fehlende Gleichberechtigung hinzuweisen, zeigt sie in ihrem Podcast positive Vorbilder. Dabei verbinden laut ihr alle Gäste eine positive Ausstrahlung und die Bereitschaft, Wissen zu teilen und mitzugestalten. „Ich bewundere Frauen, die aus den Strukturen ausgebrochen sind“, so Huber. Auslöser für diesen Weg war eine Aussage eines Dozenten, die einen Eindruck bei ihr hinterlassen hat: „Er sagte, wenn man nur die negativen Aspekte des Frauseins darstellt, kommen sie aus der Opferrolle nicht raus.“
Mit den Interviewpartnerinnen spricht die 22-Jährige nämlich nicht über ihre individuellen Erfahrungen als Frau, sondern über ein Gebiet, über das sie Wissen verfügen. Mit einer Friedensforscherin drehte sich etwa das Gespräch um Konfliktlösungsstrategien.Durch die Darstellung der Gäs­te in der Rolle als Expertin in einem vermeintlichen männerdominierten Beruf möchte Huber zeigen, was Frauen können. Dies soll Hörerinnen im Glauben an ihr eigenes Können bekräftigen. Doch nicht nur bei den Betroffenen erhofft sie sich eine Wirkung. Auch Geschäftsführer von Unternehmen sollen durch die Wahrnehmung von Expertinnen die Erfahrung machen, dass Frauen die Expertise für solche Berufe mit sich bringen, so Huber.

Denn dies sei zu wenig sichtbar. „Wir können vieles gleich gut wie Männer und nicht mal das wird gesehen“, kritisiert die 22-Jährige. Bei der Geburt hätten laut Huber Frauen und Männer die gleiche Grundvoraussetzung. Ausschlaggebend seien dann aber der Einfluss von Stereotypen und Werte, die durch die Gesellschaft vermittelt werden. Rollenbilder würden auch durch die Medienberichterstattung geformt werden. „In Medien werden meist Männer als Experten befragt“, kritisiert sie. Dadurch sei schon vom jungen Alter an in den Köpfen verankert, dass Wirtschaftsexperten und Ärzte meist männlich und Frauen eher Verkäuferinnen seien. „Wenn wir Frauen hören, die in typisch männlichen Berufen tätig sind, können wir neue Rollenbilder festigen“, sagt sie.

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Am Mikrofon fühlt sich Luca Huber wohl. Hartinger

Wer bin ich?

Huber hat sich selbst schon in ihrem Leben mit dem Frausein auseinandersetzen müssen. Als die Radiomoderatorin ein Sportevent in einer großen Halle moderieren sollte, hätte sie der Geschäftsführer immer wieder gefragt, ob sie denn witzig sei und das überhaupt schaffen würde. „Ich habe klar gespürt, dass er es mir als junge Frau nicht zugetraut hat“, erzählt sie. Schluss­endlich habe er einen Rückzieher gemacht und stattdessen die geplante Aufgabe einem weniger erfahrenen männlichen Moderator erteilt.

Das war nicht die erste Konfrontation mit ihrem Geschlecht. Sie wurde schon im Alter von drei Jahren gefragt, warum sie Luca heiße. Dadurch kam auch in ihrem Kopf diese Frage auf: „Ich habe dann meine Mama gefragt, was ich bin. Sie hat dann gemeint, dass ich ein Mädchen bin.“ Um solcher Verwirrung aus dem Weg zu gehen, nennt sie seitdem zusätzlich ihren zweiten weiblichen Rufnamen Martina.
Den vollen Namen gibt sie heute auch auf den Plattformen in Verbindung mit dem Podcast an. Dieser steht mit etwa 1500 Zugriffen noch in den Startlöchern. Den Großteil machen Rezipientinnen aus, 22 Prozent sind Männer und zwei Prozent Divers. Auch wenn das Publikum noch überschaulich ist, ist Huber überzeugt, dass jeder einzelne einen Teil zur Sichtbarkeit von Frauen in Medien beitragen kann. Am Fußballplatz oder in Bars wird sie schon vermehrt von Fremden auf den Podcast angesprochen.

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Jede Expertin, die zu Gast ist, bekommt eine Dankeskarte und ein Präsent. Hartinger

Gleichberechtigung erst in 300 Jahren

Ein neuer Bericht der Vereinten Nationen stellt wachsende Armut unter Frauen und Mädchen fest und beklagt die anhaltende Ungleichheit zu Männern. „Unsere Daten zeigen nicht zu leugnende Rückschritte im Leben von Frauen“, sagte Sima Bahous, Exekutivdirektorin von UN Women.

Verschlimmert hätten ihre Lage die weltweiten Krisen bei Einkommen, Sicherheit, Erziehung und Gesundheit. Um bis 2030 das UN-Nachhaltigkeitsziel zur Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen, brauche es deutlich größere Anstrengungen, sagte Bahous bei der Vorstellung des erst kürzlich veröffentlichten Reports „Gender Snapshot 2022“. So seien beispielsweise Ende 2021 rund 44 Millionen Frauen und Mädchen aus ihrem Zuhause vertrieben gewesen – mehr als je zuvor.

Rund 1,2 Milliarden Frauen und Mädchen im zeugungsfähigen Alter zwischen 15 und 49 Jahren lebten in Gegenden und Ländern, in denen der Zugang zu einer sicheren Abtreibung eingeschränkt ist. Der Bericht betont, dass ein gleichberechtigter Zugang zu Bildung die Lebensverhältnisse deutlich verbessern würde. Bei der aktuellen Geschwindigkeit, mit der diskriminierende Gesetze abgeschafft und Lücken im rechtlichen Schutz geschlossen werden, dauere es noch fast 300 Jahre, bis die Geschlechter wirklich gleichgestellt seien.

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