Allgemein

„Kulinarik bringt Leute zusammen“

17.09.2022 • 21:32 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Im Geschäft darf der Vorarlberger Bergkäse natürlich nicht fehlen. <span class="copyright">Schwärzler</span>
Im Geschäft darf der Vorarlberger Bergkäse natürlich nicht fehlen. Schwärzler

Vorarlberger in Wien müssen dank Katrin Schedler nicht auf Bergkäse und Subirer verzichten.

Die meisten Studentinnen und Studenten kennen das Dilemma: in Wien, Salzburg, Innsbruck oder Graz genießen sie zwar unzählige Vorzüge der Stadt, doch wollen sie trotzdem nicht auf die kulinarischen Spezialitäten aus der Heimat verzichten. Der Koffer ist dann voll mit Bergkäse, wenn es nach den Ferien wieder zurück in die Wohngemeinschaft am Studienort geht. Diese Erfahrung hat auch Katrin Schedler während ihres Theater-, Film- und Medienwissenschafts-Studiums gemacht. Immer wieder schleppte sie Käsemischungen und Spätzlemehl nach Wien. Dort wohnt sie mittlerweile schon seit zwölf Jahren und will auch bleiben.

Kontakt und Öffnungszeiten

Adresse: Magaretenstraße 78/III, 105 Wien

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 10 Uhr bis 19 Uhr, Samstag 10 bis 18 Uhr

Telefonnummer: 0676 4929890


Die kulturelle Vielfalt der Großstadt ist seither nämlich unabdingbar für sie geworden. Nicht nur bei Konzert- und Kabarettbesuchen möchte Schedler keine Abstriche mehr machen – auch bei der Kulinarik ist für sie eine breitgefächerte Auswahl wichtig. Es gäbe zwar Feinkostläden aus diversesten Ländern, wie Frankreich und Italien, in Wien, erklärt die 33-Jährige. Doch ein Vorarlberger Lebensmittelgeschäft habe bisher gefehlt. Deswegen eröffnete Schedler im Jahr 2017 ein Spezialitätengeschäft im fünften Wiener Gemeindebezirk, das im Oktober das Fünfjährige Jubiläum feiert. Heute transportiert sie zwar immer noch Produkte aus der Heimat in die Hauptstadt, doch aus dem Koffer wurde ein Lieferwagen und aus dem Kühlschrank eine Käsevitrine. Regionalität bedeutet bei Schedlers Ladenkonzept, dass die Lebensmittel aus Vorarlberg stammen. Die Besuche bei ihrer Familie in Feldkirch sind seitdem im Gegensatz zur Studienzeit sogar häufiger geworden. Die Betreiberin beschreibt das als „perfekten Spagat“ zwischen Wien und Ländle. Beim monatlichen Besuch tankt sie nicht nur Energie durch die Zeit mit der Familie oder in der Bregenzer Altstadt, am See oder am Pfänder. Sie fährt selbst die Produzenten ab und sammelt alle Produkte ein. Dadurch trifft sie die Hersteller persönlich — viele kennt sie schon durch ihren früheren Beruf in einer Agentur im Bereich Kulinarik.

Landjäger und Würste gibt es auch im Sortiment. <span class="copyright">Schwärzler</span>
Landjäger und Würste gibt es auch im Sortiment. Schwärzler

Die Produktpalette umfasst von Raclettekäse über Gin bis zum Mostbröckle alles, was das Vorarlberger Herz begehrt. Kartoffeln stecken dabei nur im Namen „Grundbira“. Sie sind in den Regalen nicht zu finden, denn Gemüse und Obst verkauft Schedler nicht. Der Name funktioniert aber immer wieder als Eisbrecher und Gesprächseinstieg mit Kunden. Den persönlichen Kontakt mit den Kunden und das Feedback schätzt Schedler am meisten an ihrem Job. Besonders freut sie sich, wenn sich dabei herauskristallisiert, dass viele Wahlwiener zuvor Spätzlemehl und Ähnliches in der Hauptstadt vermisst haben. „Es ist schön, wenn ein Plan aufgeht“, schwärmt Schedler. Auch abseits des Namens macht der Dialekt der Feldkircherin keinen Halt vor der Ladentür. Statt einem „Sackerl“, wie sonst in Wien üblich, bietet Schedler ein „Säckle“ an. „Niedlich“ fänden viele Wiener das, sagt sie.

Die Betreiberin kennt die Produzenten aller Produkte.<span class="copyright">Schedler</span>
Die Betreiberin kennt die Produzenten aller Produkte.Schedler

Geschichten erzählen

Denn nicht nur Vorarlberger und solche Kunden, die diese Produkte in Wien vermissen, kaufen bei Schedler ein. Manche Bewohner des Grätzels probieren zum ers­ten Mal Bergkäse. Für Beginner hat Schedler jungen Käse im Angebot. Selbst bevorzugt sie die goldene Mitte: zehn Monate gereift. Manche Kunden würden sogar aus dem Burgenland anreisen, um im „Grundbira“ den Vorrat an Bergkäse oder Bier aufzustocken, erzählt Schedler. Dabei könne vorkommen, dass sie das Auto mit Kartons voller Sennereibutter füllen und diesen zu Hause einfrieren.

In Wien können Käseliebhaber zwar auch beispielsweise am Marktstand oder im Supermarkt Bergkäse erwerben. Dort bekämen sie jedoch nicht die Vielfalt der Produkte aus dem Ländle an einem Ort, erklärt die Wahlwienerin. Und Vorarlberger Kalbsbratwürste gäbe es sonst in Wien nicht. Doch nicht nur das Sortiment ist besonders, auch die Beratung bewirkt eine Greißler-Atmosphäre. „Ich kann zu jedem Produkt eine Geschichte erzählen“, erklärt die Betreiberin. So erfährt ein Kunde beim Einkauf den Unterschied zwischen Bergkäse und „sura Käs“ – dieser liege bei der Herstellung. Dabei komme es auf die Verwendung von Lab oder Milchsäurebakterien an. „Beim Essen entsteht ein Bild im Kopf, wenn ich davor erzählt habe, wie der Bergkäse auf der Alm hergestellt wird“, sagt Schedler. Qualität steht dabei im Vordergrund. Manche Kunden seien überrascht, dass der Käse zwei bis drei Wochen nicht verderbe, während welcher aus dem Supermarkt schon nach einem Tag schimmle, erklärt die Wahlwienerin. Meistens sei der Käse aber schon früher aufgegessen, beteuert sie mit einem Augenzwinkern.

Das Geschäft liegt auf der Magaretenstraße in Wien. <span class="copyright">Schwärzler</span>
Das Geschäft liegt auf der Magaretenstraße in Wien. Schwärzler

Freier Kopf durch Brettljause

Nicht nur unter den Kunden des Feinkostladens befinden sich Genussmenschen, auch Schedler wurde in ihrem Leben schon immer vom Thema Kulinarik begleitet. Begonnen mit dem früheren gut bürgerlichen Restaurant der Großeltern in Feldkirch, über ihre Ausbildung in der Tourismusschule bis hin zu ihrer Arbeit als Redakteurin im Bereich Kulinarik. Auch in ihrer Familie hatte Genuss immer schon einen großen Stellenwert. Mit Heimat verbindet sie Käsefladen und Käsespätzle. Sowohl in ihrer Familie als auch in ihrem Freundeskreis stellt das gemeinsame Kochen immer wieder ein besonderes Erlebnis dar. „Kulinarik bringt Leute zusammen“, ist die Feldkircherin überzeugt. Deswegen darf in ihrem Vorratsschrank nie Käse, Landjäger und Lustenauer Senf fehlen, damit sie eine spontane Brettljause für Gäste zubereiten kann. Nach einem anstrengenden Tag helfe das Zusammensitzen am Esstisch, um den Kopf frei zu bekommen, so die Ladenbetreiberin. Zu viel Kopfzerbrechen will sie generell vermeiden. Sie verfolgt das Motto, dass man im Leben etwas abseits der Sicherheit wagen soll. Genau das hat sie mit der Eröffnung des Geschäfts gemacht – mit Erfolg.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.