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Abschlussprüfung für die neuen Lehrpläne

19.09.2022 • 16:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP)
Bildungsminister Martin Polaschek (ÖVP) APA/FLORIAN WIESER

Ein Prozess, der seit mehr als vier Jahren andauert.

Es dauert seine Zeit, bis klar ist, was Österreichs Kinder in Zukunft an den Schulen beigebracht werden soll. Seit mehr als vier Jahren wird im bzw. um das Bildungsministerium herum an einem –gewaltigen Reformwerk geschraubt – an komplett neuen Lehrplänen.

In einem Jahr – mit Start des Schuljahrs 2023/24 – sollen diese neuen Programme schon an den Volksschulen, Mittelschulen sowie den AHS-Unterstufen der Republik in Kraft treten. Und heute ist ein Schlüsseltag: Seit 10. Juli – bequemerweise über die Sommerferien – konnten Expertinnen und Experten ihre Bewertung zu den Entwürfen abgeben, die das Ministerium online gestellt hatte.

Dass das nicht ganz ohne Rumpeln ablaufen würde, hat sich vergangene Woche gezeigt: Während die meisten Gremien sich damit zufriedengaben, ihre fachliche Kritik an den Entwürfen direkt ans Ministerium zu schicken, wählten die Lehrstühle für Wirtschaftspädagogik den Weg über die Öffentlichkeit – und das in ziemlich deutlichen Worten.

„Keine tragfähige Basis für verantwortbaren Wirtschaftsunterricht“ sei der Entwurf für das Fach, das bisher „Geographie und Wirtschaftskunde“ heißt und künftig unter „Geographie und wirtschaftliche Bildung“ firmieren soll.

“Große Chance vertan”

Der enthalte „empfindliche inhaltliche Auslassungen“ und setze „auf die irregeleitete Hoffnung, man könne junge Menschen kritikfähig machen, wenn man ihnen Werte vermittelt, ohne die für kompetentes Werten unverzichtbaren kognitiven Grundqualifikationen mitzuvermitteln“, heißt es in der – verheerenden – Stellungnahme der Wirtschaftspädagogen.
Die Rektorin der Wiener Wirtschaftsuniversität Edeltraud Hanappi-Egger sieht eine „große Chance vertan“. „Das Verstehen wirtschaftlicher Zusammenhänge ist für Menschen jeden Alters essenziell. Die wirtschaftliche Wissensvermittlung im Unterricht ist in Österreich – positiv formuliert – sehr ausbaufähig.“

Seit 2018 wurden die neuen Lehrpläne in zahlreichen Arbeitsgruppen erstellt, den Prozess hatte noch der seinerzeitige Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) angestoßen. Fixe Fristen oder Zeitabstände, in denen Lehrpläne erneuert werden, gebe es nicht, sagt der Sprecher von Minister Martin Polaschek, Andreas Jilly. Der bisher gültige Unterstufen-Lehrplan stammt teilweise noch aus dem Jahr 2000. Jener für die AHS-Oberstufe ist seit 1. September 2018 in Kraft.

Technisch ist der Lehrplan eine Verordnung, zwecks breiter Debatte wurde trotzdem ein Begutachtungsverfahren abgewickelt, das jenem bei Gesetzen ähnelt – wenn auch nicht öffentlich. Inhaltlich erarbeitet werden die Lehrpläne von Expertengruppen, in denen mindestens zehn in der Praxis tätige Lehrer vertreten sind. Dazu kommen einschlägige Wissenschaftler und Beamte aus den Fachgruppen des Ministeriums. Zusätzlich hatte Faßmann seinerzeit auch ein Begleitgremium („Sounding Board“) aus Bildungsexperten etabliert.

Lehrplanreform nicht unumstritten

Neben den Inhalten legen die Pläne auch viele Strukturfragen fest – es steht etwa ganz konkret drinnen, wie viele Unterrichtsstunden in welchen Fächern erteilt werden müssen. Zunehmend sind auch pädagogische und didaktische Fragen relevant. So soll der nun fertige Lehrplan ausdrücklich einen „nachhaltigen fachlichen, überfachlichen und fächerübergreifenden Kompetenzerwerb als Basis für den Bildungserfolg“ sichern, wie es im Ministeriumsdeutsch heißt.Angestrebt seien „inhaltlich kohärente und gut aufeinander abgestimmte Lehrpläne“. Ausdrücklich wurde auch als Ziel genannt, das Bildungssystem durchlässiger für Schulwechsel zu machen.

Die aktuelle Lehrplanreform ist in Fachkreisen nicht unumstritten. So lehnte der Wiener Bildungsforscher Stefan Hopmann seine Teilnahme am „Sounding Board“ aus Protest ab. Seine Begründung in einem Offenen Brief: Der Trend zur Reduktion auf wesentliche Bildungsziele, die stärkere Kompetenzorientierung sowie die „Verknüpfung von Lehrplänen und Leistungsbeurteilung“ würden Schulen und Schülern schaden. Es werde den Lehrern damit der Spielraum genommen, den Unterricht an die örtlich herrschenden Gegebenheiten anzupassen. Hopmann meinte damals: „Das schadet unweigerlich den Schwächsten, die der Unterrichtsbeschneidung nicht genug eigene Ressourcen entgegensetzen können. Große Leistungsunterschiede und soziale Schieflagen sind historisch und empirisch gut belegte Folge.“

Während die Details der Pläne vor allem Fachkreise beschäftigen, ist eine Neuerung auch der breiten Masse zugänglich: Die Namen etlicher Fächer werden sich ändern. So wird aus „Musikerziehung“ künftig nur noch „Musik“, aus „Technischem und Textilen Werken“ künftig „Technik und Design“, und statt „Bildnerischer Erziehung“ genießen Schüler künftig „Kunst und Gestaltung“.