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Über Moral und Marktmechanismen

19.09.2022 • 20:10 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
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Die heilige Johanna der Schlachthöfesarah mistura (2)

Am Samstag feierte Bertold Brechts „Die Heilige Johanna der Schlachthöfe“.

Schon zu Beginn wendet sich Johanna (Vivienne Causemann) ans Publikum, bezeichnet es und sich selbst als die „Klasse dazwischen“, als „schwankender Rest“. Eine „Klasse, die übrig bleibt“ und „die sich selbst nicht trauen kann.“ Johanna, die zentrale Figur zwischen den Klassen kämpft für die Armen und führt dem Publikum die Welt von 1929 vor Augen, als nach dem Börsencrash die Wirtschaftskrise wütet, der Fleischfabrikant Pierpont Mauler (Jürgen Sarkiss) auf der Viehbörse seine Konkurrenten ausspielt und die Arbeiter vor den Schlachthöfen Chicagos auf Arbeit und Essen warten.

Komplexe Handlungen

Nach Brechts Vorlage bringt die Regisseurin Bérénice Hebenstreit die Machenschaften und kapitalistischen Marktmechanismen der Viehbörse auf die Bühne und versucht die komplexen Handlungen und Konflikte fassbar zu machen. Es ist ein ernstes und anspruchsvolles Stück, das kritisch auf gesellschaftliche Verhältnisse blickt und dabei zeigt, wie die Trageweite der Krise vor allem die Armen und Ausgebeuteten trifft.

Die heilige Johanna der Schlachthöfe_Szenefotos
Die heilige Johanna der Schlachthöfe_Szenefotos

So ist vom Publikum Aufmerksamkeit gefordert, wenn die über 20 involvierten Personen auf den vier Ebenen eines Gerüstes hoch und runterklettern, auf Tafeln Johannas schrittweisen Untergang einblenden, mit Kreide die Preise von Blattspeck und Ochsenlenden ändern und sich hin und wieder persönlcih an die Zuschauer wenden, während die Geschichte der gescheiterten Johanna Dark erzählt wird, die sich mit der Arbeiterschaft solidarisiert und vom Glauben abkommt. Am Ende wird sie dennoch geehrt und kanoniesiert.

Fall der Moral

Während der Lohn der Arbeiter täglich sinkt und Mauers Gegenspieler, der Fleischfabrikant Lennox (Luzian Hirzel) seine Fabriken schließt, zieht Johanna mit den Schwarzen Strohhüte in der Heilsarmee-Uniform vor die Schlachthöfe und verteilt Suppe und Belehrungen über den Glauben an Gott. Der Winter steht vor der Tür und Mauler zieht sich auf Anraten seiner Informanten erstmal zurück, weil sich sein „Herz beim Geschrei der Kreaturen (Ochsen) aufbäumt“, wie er sagt und schlechte Zeiten nicht im Vertrag stehen. Er wartet „bis sich der Markt erholt“. In einem taktischen Zug verkauft Mauler seine Anteile dem Fleischfabrikanten Cridle (David Kopp) und verschafft sich in weiteren geschickten Täuschungen ein Monopol über den Fleischmarkt.

Johanna macht sich auf zum Viehmarkt und versucht mit Worten an Mauler die Lage der Armen zu verbessern. Verblendet sieht sie in ihm einen „reichen“ Verbündeten, der ihr helfen wird, das System zu ändern. Auch als Maulers Makler Swift (Sebastian Klein) ihr die „Schlechtigkeit der Menschen“ vor Augen führt und ihr vorspielt, wie die Armen für den eigenen Vorteil alle und Moralvorstellungen fallen lassen, erkennt sie deren Not. Denn geplagt von Hunger und Elend ist jedes Mittel Recht, um die eigene Situation zu verbessern.

Bis zum Ende kämpft Johanna erbittert gegen das System und verliert schrittweise nicht nur den Kampf, sondern auch ihre eigenen Überzeugungen. Sie wird von Mauler getäuscht, bis sich selbst die Schwarzen Strohhüte von ihr abwenden und dennoch hält sie mit einer unglaublichen Naivität an der Idee fest, Maulers Manöver würden den Markt retten. „Dann wird es für alle wieder Arbeit geben“.

Ein Scheitern

Während der Schauplatz der Handlung zuerst vorwiegend an der Börse stattfindet, findet sich Johanna später auf den Schlachthöfen wieder, wo sie am Ende mit Zehntausenden ausgesperrten Arbeitern in Schnee und Kälte versinkt. Dort schwenkt sie die schwarze Fahne und erkennt in einem schmerzvollen Prozess ihr eigenes Scheitern: „Den Geschädigten war ich ein Schaden, nützlich war ich den Schädigern“. Doch bald werden ihre „unvernünftigen“ Reden von stimmlichen Arbeiterliedern übertönt.

Vivienne Causemann spielt Johanna mit großer Emotionalität. David Kopp, Nico Raschner, Luzian Hirzel, Maria Lisa Huber und Sebastian Klein schlüpfen abwechselnd in die Rollen von Arbeiten, Fleischfabrikanten, Zeitungsleuten und Mitglieder der Heilsarmee und geben sich wandlungsfähig und authentisch. Mit Kostümen aus dem frühen 20. Jahrhundert setzt Mira König die Figuren in die Vergangenheit, das reduzierte Bühnenbild schafft Raum für die komplexen Vorgänge.