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Die neue russische Unruhe

22.09.2022 • 20:45 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
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Die Mobilmachung für die ukrainische Front ist in Russland in vollem Gange. Manche begrüßen sie, andere protestieren. Und Tausende Männer versuchen, ihr zu entkommen.

In der Moskauer Vorstadt Odinzowo wird nicht demonstriert. Am Teich vor dem Lenin-Denkmal stehen Leute herum, jemand spielt Gitarre. „Wir sind alle geschockt. Es ist wie in einem deutschen Märchen, es wird schrecklicher und immer schrecklicher“, Nikolai (Name ist der Redaktion bekannt) grinst schräg. Nikolai ist 34, Damenfriseur, hat bei den Streitkräften gedient und sagt, ihn könnte man zur Nationalgarde „Rossgwardija“ einziehen. „Die Jungs werden ja auch in der Ukraine eingesetzt.“ Aber er werde nicht mitmachen bei dieser Gangsterei. „Ich will niemanden umbringen, schon gar nicht in der Ukraine.“

Wirrwarr aus Entsetzen, Angst und Genugtuung

Wladimir Putins Entscheidung, eine Teilmobilmachung auszurufen, hat bei den Russen ein Wirrwarr aus Entsetzen, Angst und Genugtuung hervorgerufen. Die ersten Einberufungsbefehle wurden bereits zugestellt. Laut Verteidigungsminister Sergei Schoigu sollen nur Wehrpflichtige mit einer militärischen Ausbildung und Kampferfahrung eingezogen werden, das sei ein Prozent der gesamten Mobilisationsreserve. Aber viele Russen befürchten, dass die Teilmobilmachung zu einer Dauerkampagne wird, die sie oder ihre Familienangehörigen sehr willkürlich treffen könnte. Nach Angaben der Exilzeitung Nowaja Gaseta.Europa ist von einer Mobilisierung von bis zu einer Million Russen die Rede.

Am Mittwochabend gingen in Moskau, Petersburg und in über 30 anderen russischen Städten noch einmal wagemutige Russen auf die Straße, um für den Frieden und gegen die Mobilmachung zu protestieren. Ein Großteil, nach Angaben des Bürgerrechtsportal OVD News 1310 Menschen, wurden festgenommen. Allein auf 15 Moskauer Polizeiwachen verteilte man danach Einberufungsbefehle an männliche Demonstranten.

Mobilisierung

Die Mobilisierung läuft auf Hochtouren. Nach Angaben von sibreal.org zogen Beamte der Kriegskommissariate gemeinsam mit Polizisten die ganze Nacht durch den 5500-Seelen-Ort Kurumkan in Burjatien und transportierten die Einberufenen in vier Autobussen ab. Und die Journalistin Janina Nimajewa aus Ulan Ude berichtet auf Instagram von ihrem ungedienten Mann, 38, der ebenfalls eingezogen wurde. Obwohl er fünf Kinder hat, den Regeln gemäß sind Familienväter mit mehr als drei Kindern vom Kriegsdienst befreit.

Obwohl Putin allen Rekrutierten den gleichen Monatssold wie Vertragssoldaten versprochen hat, also mindestens 163.000 Rubel (umgerechnet über 2700 Euro), wollen viele nicht dienen. Zahlreiche Russen bemühen sich, an ärztliche Atteste zu gelangen, um der Einberufung zu entgehen. An den Grenzen nach Kasachstan, Georgien, Belarus und Finnland stauen sich laut dem Portal svoboda.org Pkw, die Russland verlassen wollen. Bei Werchni Las an der georgischen Grenze filmte ein Fahrer den Stau. Er sprach von einer fünf bis sechs Kilometer langen Warteschlange. In der Region Orenburg und der Petersburger Vorstadt Lomonossow wurden laut dem Portal zona.media zwei Kriegskommissariate in Brand gesetzt.

Es gibt aber auch Russen, die die Mobilmachung begrüßen. „Habe ich doch gesagt, darauf lief doch alles hinaus, bisher haben wir in der Ukraine nur mit halber Kraft gekämpft“, sagt der Petersburger Verlagskaufmann Alexander. Alexander, 38, selbst untauglich, glaubt, dass die russische Armee den Feldzug in der Ukraine nun zielstrebig zu Ende führen wird. „Russland startet schlecht in jeden Krieg und gewinnt am Ende doch.“

Am Teich in Odinzowo hält Nikolai einen Plastikbecher mit Wodka in der Hand. „Wenn sie mich einziehen wollen, verstecke ich mich, versuche ins Ausland zu kommen, die müssen mir doch politisches Asyl geben.“ Aber jetzt wolle er trinken. Russland ist auf der Flucht vor sich selbst.