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Warum die Lebenshilfe in Bedrängnis ist

22.09.2022 • 18:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Elke Drexel, Michaela Wagner-Braito, Klaus Brunner, Sandra Mayer und Adriane Feurstein von der Lebenshilfe. <span class="copyright">Lebenshilfe</span>
Elke Drexel, Michaela Wagner-Braito, Klaus Brunner, Sandra Mayer und Adriane Feurstein von der Lebenshilfe. Lebenshilfe

Personalmangel und die Teuerung bereiten der Lebenshilfe Vorarlberg große Probleme.

Eigentlich hätte die Lebenshilfe Vorarlberg gleich dreifachen Grund zu feiern: Ihre Gründung jährt sich heuer zum 55. Mal, die Selbstvertretung begeht ihr 15-jähriges Jubiläum, und gestern wurde die renovierte Werkstätte Götzis-Eichbühel offiziell eröffnet. „Doch an sich gibt es keinen Grund zu feiern“, sagte Michaela Wagner-Braito, Geschäftsführerin der Lebenshilfe, gestern bei einer Pressekonferenz in der Werkstätte Eichbühel. Denn die Sozialinstitution stehe vor sehr großen Herausforderungen: „Wir haben einen starken Personalmangel und tun uns deshalb schwer, alle Dienstleistungen anzubieten“, so Wagner-Braito. Bei der Familienentlastung sei es schon so weit, dass nicht mehr alle Angebote bereitgestellt werden können, was die betroffenen Familien sehr belastet.


Der Grund für den Personalmangel ist einerseits, dass sich während der Pandemie einige Mitarbeitende anders orientiert haben, andererseits ist die Lebenshilfe – wie viele andere Branchen auch – von einer großen Pensionierungswelle der Baby-Boomer-Generation betroffen. Aktuell hat die Lebenshilfe rund 30 Stellen ausgeschrieben. „Wer eine Arbeit mit Sinn sucht und eine Ausbildung in der Behindertenarbeit mitbringt, ist herzlich willkommen“, rührte Wagner-Braito die Werbetrommel.

Eine Million Kilometer pro Jahr

Die zweite große Herausforderung für die Lebenshilfe ist die Teuerung. „Wir haben an die 100 Fahrzeuge und fahren über eine Million Kilometer im Jahr“, beschrieb Wagner-Braito ein Problem. Aber auch die gestiegenen Lebensmittelpreise machen der Institution zu schaffen: „Wir kochen für 1000 Menschen täglich. Das geht ins Geld“, sagte die Geschäftsführerin und appellierte: „Die Politik darf in der derzeitigen Krisensituation die Sozialorganisationen nicht vergessen. Wir fordern daher, dass der gemeinnützige Sektor von der öffentlichen Hand wie alle anderen Unternehmen auch adäquat unterstützt und für die Zukunft gestärkt wird.“

Geschäftsführerin Michaela Wagner-Braito, Selbstvertreter Klaus Brunner und Adriane Feurstein, Präsidentin der Lebenshilfe Vorarlberg. <span class="copyright">Lebenshilfe</span>
Geschäftsführerin Michaela Wagner-Braito, Selbstvertreter Klaus Brunner und Adriane Feurstein, Präsidentin der Lebenshilfe Vorarlberg. Lebenshilfe

Ein weiteres unerfreuliches Thema für die Lebenshilfe ist der „Nationale Aktionsplan Behinderung“, der im Juli 2022 vom Ministerrat beschlossen wurde – trotz der massiven Kritik von Interessenvertretungen von und für Menschen mit Behinderung. Aus ihrer Sicht ist der Aktionsplan völlig ungenügend. Aus Protest dagegen gehen nächsten Mittwoch, 28. September, in ganz Österreich Menschen auf die Straße, auch in Bregenz werden eine Protestkundgebung und eine Mahnwache stattfinden (nähere Infos siehe Factbox unten).

Leise Feier

Wegen dieser Herausforderungen feierte die Lebenshilfe die Eröffnung der Werkstätte in Götzis gestern nur leise, wie es Wagner-Braito ausdrückte. Dennoch sprach Adriane Feurstein, Präsidentin der Lebenshilfe, davon, dass dies ein besonderer Tag sei, und verwies auf die Geschichte der Lebenshilfe beziehungsweise die Zeit vor der Gründung: Von 1939 bis 1945 sprachen die Nazis Menschen mit Behinderung die Existenzberechtigung ab und gingen mit brutaler Gewalt gegen sie vor. „Danach, nach einer langen Zeit der Stille, wuchs die Hoffnung und Zuversicht. Die Eltern traten aus dem Schatten der Vergangenheit. Es gelang ihnen, mit vielen Helfenden für ihre Töchter und Söhne Tages- und Wohnplätze, wie hier die Werkstätte Götzis-Eichbühel, für ein sinnerfülltes, zufriedenes Leben aufzubauen“, so Feurstein.

Arbeiten in der Werkstätte Götzis-Eichbühel.<span class="copyright"> Lebenshilfe</span>
Arbeiten in der Werkstätte Götzis-Eichbühel. Lebenshilfe

Die erste Werkstätte der Lebenshilfe wurde 1967 in Götzis, im alten Zeughaus, eröffnet. 1974 zog sie nach Götzis-Eichbühel um. 45 Jahre später musste das Gebäude saniert werden, weil es in die Jahre gekommen war und weil sich die Anforderungen für die Begleitung „massiv verändert“ haben, so Geschäftsführerin Wagner-Braito. Während es in den 70er-Jahren keine Rollstuhlfahrer bei der Lebenshilfe gab, sind es heute viele. Darauf müssen auch die Häuser der Lebenshilfe ausgerichtet werden. Außerdem werden immer mehr Menschen begleitet, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben, und es gibt bei der Lebenshilfe nun die erste Generation von alten Menschen mit Behinderung. Das erfordert ebenfalls bauliche Maßnahmen, etwa das Einbauen von Pflegebädern.


Die Werkstätte Eichbühel, in der 22 Menschen tagsüber begleitet werden, entspricht nun den neuesten Anforderungen. Auch wenn die offizielle Eröffnung erst gestern war: Der Einzug erfolgte schon vor zwei Jahren, genau in der ersten Pandemie-Welle 2020. Auch die Wellen danach machten einer offiziellen Eröffnung einen Strich durch die Rechnung. Der Umbau kostete 2,4 Millionen Euro. Finanziert wurde er aus Mitteln der EU, vom Bund und vom Land Vorarlberg.

Barrieren in den Köpfen

Anlässlich des Jubiläums „15 Jahre Selbstvertretung“ war bei der gestrigen Pressekonferenz auch Klaus Brunner, Selbstvertreter und Vorstandsmitglied der Lebenshilfe Vorarlberg, anwesend. Er betonte, wie wichtig die Selbstvertretung ist, denn dadurch können Menschen mit Behinderung selbst mitbestimmen. Es sei auch schon viel umgesetzt worden, sagte Brunner, wenngleich es manchmal vonseiten der Politik sehr lange dauere, bis etwas passiere. Wofür sich die Selbstvertretung immer wieder einsetzt, ist die Barrierefreiheit. „Das betrifft nicht nur Menschen mit Behinderung, sondern es geht uns auch um die Barrieren in den Köpfen mancher Menschen. Die Gesellschaft weiß zu wenig von uns. Das wollen wir ändern.“

Inklusionsdemo

Am Mittwoch, 28. September, findet von 11 bis 13 Uhr beim Platz vor dem Landhaus eine Inklusionsdemo statt. Die Forderung lautet: „Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen umsetzen – jetzt!“ Menschen mit und ohne Behinderungen protestieren für ein inklusives Bildungssystem, für bedarfsgerechte, bundeseinheitliche persönliche Assistenz, existenzsichernde Arbeit, barrierefreie Gebäude, Kommunikation und Online-Anwendungen sowie für Maßnahmen gegen die Teuerung.