Allgemein

Gewalt: „Die Intensität hat zugenommen“

23.09.2022 • 20:24 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Damit sich der Fußballnachwuchs wie hier beim U14-Finale 2018 friedlich begegnet, setzt der Vorarlberger Fußballverband auf das Projekt „Teamplay.“ <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Damit sich der Fußballnachwuchs wie hier beim U14-Finale 2018 friedlich begegnet, setzt der Vorarlberger Fußballverband auf das Projekt „Teamplay.“ Stiplovsek

Durch T-Shirts und Bälle will das Land Vorarlberg am Fußballplatz auf Kinderschutz aufmerksam machen.

Ein Fußballstadion erscheint im ersten Moment womöglich als unerwarteter Austragungsort für eine Pressekonferenz zum sozialen Thema Gewaltverbot in der Erziehung. Doch genau dort soll im Oktober bei Fußballspielen auf das Thema Kinderschutz aufmerksam gemacht werden – durch Banner, bedruckte T-Shirts, Plakate und bedruckte Fußbälle. Sprüche wie „Jedes Kind hat das Recht auf gewaltfreie Erziehung“ oder „Kinderschutz geht uns alle etwas an“ sollen dann bewusst machen, dass das Zufügen von Gewalt an Kindern in der Erziehung verboten ist. Insgesamt sind 28 Mannschaften aus der ersten und zweiten Bundes-, Elite- und Vorarlbergliga bei der Kooperation des Landes Vorarlberg, den Gemeinden und des Vorarlberger Fußballvereins mit eingebunden.

Die präsentierte Kampagne vermittelt die Botschaft, dass alle Kinder und Jugendliche ein Recht auf ein gewaltfreies Leben haben. Sozialministerin Katharina Wiesflecker will mit der Verknüpfung des sozialen Themas und dem Sport eine neue und breitere Zielgruppe ansprechen. Sie ist der Meinung, dass alle beim Thema Kinderschutz zusammenwirken müssen. Dazu gehören sowohl Familien, Schulen, jedoch auch Vereine. Im Jahr 2018 gab es bereits den ersten Teil der Kampagne, wobei die ganze Bevölkerung mit Bannern auf Bussen etwa angesprochen wurde.

Mit bedruckten T-Shirts und Bällen soll auf Kinderschutz aufmerksam gemacht werden.<span class="copyright">Serra</span>
Mit bedruckten T-Shirts und Bällen soll auf Kinderschutz aufmerksam gemacht werden.Serra

Jeder Zweite kennt Verbot nicht

Wiesflecker weist darauf hin, dass das Gesetz, welches Gewalt in der Erziehung verbietet, schon 33 Jahre lang gelte. Trotzdem sieht sie im Thema noch Aktualität, weswegen es in die Öffentlichkeit getragen werden muss. So würden Zahlen einer Studie aus dem Jahr 2014 zur Bekanntheit dieses Verbots ernüchternd sein, so die Landesrätin. Zwar sei der Bekanntheitsgrad des Verbots von Gewalt in der Erziehung gestiegen. Die 58 Prozent der Befragten, die das Gesetz im Rahmen der Studie kannten, würden im Gegensatz zu den 32 Prozent der Österreicher einer anderen Studie im Jahr 2009 eine Verbesserung darstellen. Trotzdem kritisiert Wiesflecker, dass trotzdem jeder Zweite nicht wisse, dass es ein Gewaltverbot gebe.

Wiesflecker macht dabei auf unterschiedliche Formen von Gewalt aufmerksam. „Gewalt ist viel mehr als nur körperliche Gewalt. Es gibt auch psychische und strukturelle Gewalt“, erklärt sie. Die Bandbreite bei den Zahlen, wie viele Kinder von Gewalt betroffen sind, schwanke wegen solchen Definitionen von Gewalt, so die Landesrätin. Sieben bis 25 Prozent seien international in Familien von Gewalt betroffen. Die sieben Prozent beträfen dabei schwere Gewalt. In Vorarlberg sollen etwa 1100 Kinder und Jugendliche pro Jahrgang im Alter zwischen 6 und 14 Jahren Sanktionsformen einschließlich mehrmaliger Körperstrafen erleben. 300 davon sollen schweren körperlichen Angriffen ausgesetzt sein, heißt es. „Wir sehen, dass die Akzeptanz von Gewalt in der Erziehung nach und nach sinkt, dass sich aber diese Einsicht noch lange nicht überall durchgesetzt hat“, sagt Wiesflecker. Eine Thematisierung reiche nicht aus. Für eine Veränderung benötige es Handeln.

Katharina Wiesflecker und Andreas Kopf.<span class="copyright">Hartinger</span>
Katharina Wiesflecker und Andreas Kopf.Hartinger

Leitfaden für Vereine

Neben der Sensibilisierung für das Thema in der Öffentlichkeit soll die Kampagne auch einen Nachahmungseffekt erzielen. Wiesflecker bezeichnet den Fußballsport als Vorbild beim Thema gewaltfreie Erziehung. Der Vorarlberger Fußballverband (VFV) habe sich bereits damit beschäftigt und engagiert dafür eingesetzt. Im Februar hat der VFV das Projekt „Teamplay – vom Gegeneinander zum Miteinander“ ins Leben gerufen. Auslöser waren Fälle körperlicher Gewalt in der Vergangenheit, wie etwa dass nach einem Spiel wegen Unzufriedenheit mit der Leistung das Messer gezückt wurde. „Die Intensität der Auswüchse am Fußballplatz hat zugenommen“, so VFV-Direktor Andreas Kopf. Dabei betont er, dass die Zahl der Fälle von Gewalt nicht gestiegen sei.

Um präventiv solcher Gewalt entgegenzuwirken, gibt es einen Leitfaden für Vereine. Einen Verhaltenskodex sollen sowohl Kinder als auch Eltern unterschreiben. So ist etwa die Landessprache und gewaltfreie Sprache am Platz vorgeschrieben. Ab Oktober sind erste Workshops vorgesehen. Aus Kapazitätsgründen setzen diese nur bei den U14-Mannschaften, dem jüngsten Nachwuchs an.

Auch Trainer und Schiedsrichter sollen im Umgang mit Kindern sensibilisiert werden. „Kinder sind wehrlos und die Trainer sind die Größten für sie, was ein großes Machtpotenzial mit sich bringt. Wir versuchen, den Trainern diese Macht bewusst zu machen“, so Kopf. Zudem müssten sich Eltern ihrer Rolle bewusst sein, erklärt Kopf. Sie seien essenziell für die Spieler, da sie die Kinder zum Match fah­ren. Bei der Spielorgansiation müsse berücksichtigt werden, dass sich Eltern etwa nicht direkt beim Tor aufhalten. So könne der Druck reduziert werden.