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Was bedeutet schon “gute Reise”?

23.09.2022 • 20:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">dragan tatic</span>Präsident der Ukraine Wolodymyr Selenskyj.
dragan taticPräsident der Ukraine Wolodymyr Selenskyj.

Die Ukrainerin Zhenya Laptii kennt ein Leben unter russischer Besatzung. Während Putin Scheinreferenden in den besetzten ukrainischen Gebieten abhält, erzählt unsere Autorin, wie ihr die Flucht gelang.

Einer der schlimmsten Augenblicke in meinem Leben war der Tag, an dem eine Bombe in unser Haus einschlug. Es geschah vor meinen Augen. Ich stand um sechs Uhr auf, denn um diese Zeit machte der Beschuss normalerweise eine Pause und man konnte sich nach einer Nacht im kalten, schmutzigen Keller waschen.

Genau in diesem Moment setzte der Beschuss ein. Ich habe festgestellt, dass eine Rakete im Durchschnitt 30 Sekunden lang durch die Luft fliegt, aber wenn sie zu dir kommt, hörst du sie nicht. So etwas trug sich an diesem Morgen zu. Ich habe die Rakete einfach nicht bemerkt. Ein kurzer Augenblick, und alles verwandelte sich zu Asche. Ich weiß nicht, was mich gerettet hat, aber jedenfalls flogen die Scherben nicht in meine Richtung – vielleicht waren es die Gesetze der Physik, vielleicht war es einfach reines Glück. Damals habe ich nicht verstanden, dass ich dem Tod nur knapp entronnen war, und ehrlich gesagt kann ich es auch heute noch immer nicht begreifen.

Straße glich schwarzer Wunde

Wo früher Bäume standen, taten sich kraterartige Löcher auf; der Boden rauchte, als ob Dampf aus der Hölle aufstieg. Die Straße glich einer schlimmen schwarzen Wunde, aus der der Eiter des Todes hervorquoll. Die Leute krochen allmählich aus ihren Häusern hervor und begannen, Gerüchte darüber zu verbreiten, wer lebte und wer in den Flammen umgekommen war. Der regenschwangere Himmel war voller Wolken, die prallen Brüsten voller Milch glichen.

Ich sage meinen Großeltern, dass wir flüchten müssten, doch Großvater und Großmutter lehnten kategorisch ab: „Wir werden nirgendwohin gehen!“ Meine Angehörigen zögerten. Niemand von ihnen wollte weg und alles zurücklassen.

Glücklicherweise willigte Onkel Kolja ein, abzureisen, und wir fingen an, unsere Sachen zu packen. Wir nahmen zwei Katzen, drei Hunde und einige Eidechsen mit. Wir verstauten diesen Zoo im Auto und fuhren nach Russland – die einzige Option, denn hinter uns lag nur die Frontlinie. Ich glaube, dass es gerade dieser Zoo war, der uns an den Checkpoints half, denn wir wurden nicht durchsucht.

Das Schlimmste

Das Schlimmste war nicht das Warten, nicht die Kontrollen und auch nicht das Bemühen, mögliche Bombentreffen auf der Straße zu vermeiden – das Schlimmste war der Augenblick, als uns ein russischer Soldat bei der Rückgabe der Pässe mit den Worten „Gute Reise!“ bedachte und dabei lächelte. Wie kann es eine gute Reise weg vom eigenen, brennenden Haus und hinein in ein Land geben, das eben dieses Haus niedergebrannt hat?

Wir erreichten die Grenze. Soldaten wiesen uns an, zu warten. Dort befand sich ein Checkpoint und man wies uns an, auf den Kommandanten zu warten. Irgendwo im Dickicht stand ein Raketenwerfer und feuerte stündlich in Richtung Charkiw. Unser Blick folgte den Raketen, ohne etwas tun zu können. Wir befanden uns auf einer „guten Reise“ weg vom Tod und direkt hinein in ein Gefängnis.

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