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Die Schatten der Vergangenheit

24.09.2022 • 21:11 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">AP</span>Italienischer Rechtsblock jubelt schon vor der Wahl. Von links nach rechts. Matteo Salvini, Silvio Berlusconi und Giorgia Meloni.
APItalienischer Rechtsblock jubelt schon vor der Wahl. Von links nach rechts. Matteo Salvini, Silvio Berlusconi und Giorgia Meloni.

Gibt es einen Grund für die Rückkehr der Postfaschisten in Italien? Die Traumata, die wir alle am liebsten vergessen wollen, sind der Schlüssel zu unserer Gegenwart. Versuch einer persönlichen Annäherung.

Es muss um das Jahr 1989 gewesen sein. Mein Schulfreund Florian und seine Familie hatten mich in die Ferien eingeladen, das Ziel: Terracina. Ich kannte Rom und Südtirol, aber nicht Terracina. Terracina liegt eine gute Stunde südlich von Rom auf dem Weg nach Neapel am Meer. Die Pinien duften, die Wellen des Tyrrhenischen Meers rauschen, der Monte Circeo, an dem Circe Odysseus und seine Gefährten um den Verstand gebracht haben soll, ist nicht weit. Terracina ist ein Traum, nicht nur für jugendliche Münchner. Ich war damals vielleicht zwölf Jahre alt. Den Ort kannte ich vom bayerischen Humoristen Gerhard Polt, der hier jedes Jahr seine Ferien verbrachte und einen unvergesslichen Film über deutsche Urlauber in Italien („Man spricht deutsh“) gemacht hat.

Nie vergessene Vergangenheit

Am letzten Ferientag geht die Familie Löffler im Film noch einmal schwer bepackt an den Strand. Als der Vater einen Parkplatz sieht, stürzt er sich darauf, Frau Löffler verjagt einen italienischen Konkurrenten für den Parkplatz. Zufrieden gehen die Löfflers an den Strand und regen sich über „diese Italiener“ auf, wobei sie sich im Grunde immer selbst daneben benehmen. In seinem Subtext handelt der Film von einer schwierigen Nachbarschaft, von deutschen und italienischen Stereotypen und letztlich, ganz tief, auch von einer nie vergangenen Vergangenheit.

Diese Geschichte schwang auch bei mir und meinem ersten Mittelmeerbesuch mit. Mit Florian aßen wir gelato, spielten Tischfußball gegen die italienischen Kinder, bauten Sandburgen und bewunderten eine junge Strandschönheit namens Giovanna. Einmal kam am Strand ein gleichaltriges italienisches Kind zu uns. Es hatte verstanden, dass wir aus Deutschland stammten und grüßte uns mit „Heil Hitler!“. Es sollte ein Strandurlaub sein, harmlos, frei, kurzweilig. Und doch ist mir vor allem der Hitlergruß in Erinnerung geblieben.

Am Sonntag wird in Italien gewählt

Am Sonntag wird in Italien gewählt. Und Benito Mussolini (1883–1945), der faschistische Diktator des Landes, ist wieder in aller Munde. In den Buchhandlungen liegen Werke oben auf, die den duce und den italienischen Faschismus zum Thema haben. „Der lange Schatten des Faschismus“, lautet der Titel eines der meist verkauften Bücher dieser Tage, Untertitel: „Warum Italien immer noch an Mussolini hängt.“

Hört das denn nie auf? Ende Oktober jährt sich die faschistische Machtergreifung in Italien zum 100. Mal. Mussolinis Marsch auf Rom im Jahr 1922 war der Startschuss des sogenannten ventennio, der mehr als 20 Jahre währenden faschistischen Herrschaft in Italien. Ziemlich genau 100 Jahre später dürfte eine gewisse Giorgia Meloni das Mandat zur Bildung der neuen italienischen Regierung bekommen. Meloni führt die postfaschistische Partei Brüder Italiens an, die stärkste Kraft bei der Wahl werden wird. Sie war als Jugendliche und junge Frau eine Verehrerin Mussolinis und mag den duce auch heute noch, auch wenn sie das so nicht mehr sagen kann. Wie ist das möglich?

Manchmal heißt es, Geschichte wiederhole sich. Sie wiederholt sich nicht. Eine demokratisch gewählte Regierung Meloni hat nichts mit dem brutalen faschistischen Regime ab 1922 zu tun. Aber Geschichte präsentiert sich uns in Variationen wieder. Das hat mit den persönlichen und kollektiven Traumata zu tun, die gesellschaftliche und persönliche Katastrophen mit sich bringen. Die Traumata, die wir alle am liebsten vergessen und vor allem nicht mehr spüren wollen, sind der Schlüssel zu unserer Gegenwart.

Kollektive Traumata

Die herkömmliche Methode im Umgang mit diesen Traumata ist, sie zu ignorieren. Erst wenn der Leidensdruck zu groß wird, ist der eine oder andere bereit, sich von einem Therapeuten helfen zu lassen. Was wir aber nicht haben, ist jemand, der unsere kollektiven Traumata behandelt. Das 20. Jahrhundert war das blutigste Jahrhundert aller Zeiten. Über 100 Millionen Menschen starben alleine in den Kriegen.

Deshalb ist es auch sinnlos, wie Meloni zu behaupten, man habe den Faschismus „der Geschichte überlassen“. Man denkt dann, man habe mit dieser Angelegenheit nichts mehr zu tun. Doch hinter dem Schlagwort „Faschismus“ verbirgt sich nicht nur in Italien Bekämpfung und Ausgrenzung Andersdenkender, eine menschenverachtende Rassenideologie, systematische Vernichtung vermeintlich minderwertiger Menschen, ein wahnsinniger Eroberungskrieg, Kolonialverbrechen und vieles mehr.

Gut möglich, dass der Hitlergruß des Buben in Terracina Ende der 1980er-Jahre nur eine harmlose Provokation war. Vielleicht steckte aber mehr hinter der Geste. Terracina übrigens hatte die letzten Jahre Bürgermeister aus der Meloni-Partei.

„Wenn eine innere Situation nicht bewusst gemacht wird, erscheint sie im Außen als Schicksal.“ Diesen Satz hat der Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung, über die Macht des Unbewussten geschrieben. Wir alle sind persönlich, kollektiv, transgenerational in die Geschichte des 20. Jahrhunderts verwickelt, ob wir wollen oder nicht.

Rechtspopulistin und Postfaschistin

Und ja, Giorgia Meloni ist eine Rechtspopulistin, Postfaschistin, sie ist nationalistisch und europafeindlich. Man kann das gut finden oder den Kopf schütteln. Fast scheint es jetzt so, als lodere der ideologische Kampf von damals wieder auf, rechts gegen links, Faschisten gegen Antifaschisten.

Eine Geschichte, die bis heute tabuisiert wird, ist die Partisanen-Gewalt gegen Mitglieder des faschistischen Regimes nach 1945. Der linksgerichtete, 2020 verstorbene Journalist Giampaolo Pansa hat die Racheakte der Resistenza, die Massenexekutionen, Akte der Folter und Vergewaltigungen in seinem Buch „Il sangue dei vinti“ (Das Blut der Besiegten, 2003) beschrieben und damit das Narrativ vom heroischen Widerstand, dem Italien seine republikanische Staatsgründung und seine Verfassung verdankt, infrage gestellt. Die Partisanen kämpften gegen die Faschisten und Nazideutschland, in vielen Fällen waren sie Opfer – aber auch Täter. In Italien gibt es diejenigen, die den Jahrestag der Befreiung vom Nazifaschismus am 25. April feiern, und diejenigen, die den Gedenktag am liebsten abschaffen wollen. Viele der letzteren sind Anhänger Melonis. Das Tabu, das Pansa brach, war so groß, dass er sogar tätlich angegriffen wurde, Lesungen nur noch unter Polizeischutz machte.

Pansa berichtete, er habe etwa 20.000 Briefe vor allem von Frauen, auch jüngeren Alters, bekommen. „Sie alle erzählen von gelebtem Leben, von erlittenen Schmerzen, von ertragenen Schändlichkeiten“, schreibt er im Vorwort der Neuausgabe 2013. Man kann nun mutmaßen, welche politische Einstellung diese Familien heute haben. Was ist im 20. Jahrhundert in den Familien derjenigen passiert, die am 25. September die Postfaschistin Giorgia Meloni wählen werden?

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