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Brauchen wir überhaupt noch Bargeld?

25.09.2022 • 17:59 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Hat Bargeld eine Zukunft?
Hat Bargeld eine Zukunft? (c) PantherMedia / Jiri Hera (Jiri Hera)

In Österreich läuft ein Bargeld-Volksbegehren.

Wer in den Norden Europas reist, kann einen Eindruck der Zukunft gewinnen. Zahlen mit Smartphone und Karte ist Standard, Nutzer von Bargeld in der Minderheit. In Österreich ist das Verhältnis umgekehrt. Aber wie lange noch?

Für das Recht auf das analoge Bargeld: Eva Gabriel, Wirtschaftsredakteurin

Den zweiwöchigen Familienurlaub im Hotel in bar zu zahlen: Niemand wird ernsthaft behaupten, dass man dafür einen eigenen Bargeld-Koffer mitnehmen sollte. Kreditkarten und die diversen Bezahlsysteme, die die Digitalisierung möglich gemacht hat, machen unser Geldleben leichter, unbeschwerter.

Digitales Bezahlen aber zur Bedingung zu machen, würde das Gegenteil bewirken: Es macht unfrei und abhängig.

In Dänemark hat die Notenbank angekündigt, wegen mangelnder Nachfrage bald keine neuen Banknoten mehr zu drucken. Italien und Frankreich haben die Obergrenze für Barzahlungen auf 1000 Euro herabgesetzt.

Die Zurückdrängung des Bargeldes soll auch die Bekämpfung der organisierten Kriminalität verbessern, heißt es. Handelsbetriebe argumentieren mit den hohen Umlaufkosten, die sie durch Annahme(-pflicht) und Einzahlung von Scheinen und Münzen hätten. Geldpolitisch hat die hinter uns liegende Epoche der Niedrig- bzw. Negativzinsen dem Bargeld geschadet. Der Zinssatz kann bei Bargeld, das den Wert aufgedruckt hat, nicht unter null gesenkt werden – das geht nur bei elektronischem Geld.

Eine Welt ohne Bargeld? Selbst, wer es nicht nutzt, sollte sie sich eine solche nicht wünschen.

Bargeld schützt die Privatsphäre, es ist nicht rückverfolgbar. Bargeld kostet keinen Strom, funktioniert auch bei einem Blackout. Bargeldzahlung ist verständlich und zugänglich, man braucht dafür keinen PIN-Code, keine App, keinen Vertrag, ja nicht einmal ein Konto.
Bargeld ist keine (digitale) Repräsentation von Geld, es ist körperlich und analog. Man hat es in der Hand. Vom “Recht auf analoges Leben” schreibt Philosoph Alexander Grau. Ich darf ergänzen: Der Mensch hat auch ein Recht auf analoges Geld. Und hier meine ich nicht nur ältere Menschen, die per Hand ausgefüllte Überweisungen abgeben wollen. Wobei ältere Menschen nicht per se technikfeindlich sind.

Ein Wort zur Bekämpfung der Kriminalität. Ökonomen gehen davon aus, dass, wird das Bargeld gegen den Willen der Bevölkerung abgeschafft, nach einer anderen Form der anonymen Transaktion gesucht wird. Alternative Bargeldformen können sich etablieren, Warengeld zum Beispiel. Cyberwährungen haben ohnehin bereits Interesse gefunden, wenn es um illegale Transaktionen geht.

Ob elektronisches Geld effizienter bzw. der Bezahlvorgang damit billiger wird, ist auch nicht gesagt. Es braucht dafür Rechnerkapazität, Infrastruktur. Und Daten.
Nichts ist umsonst.

Bargeld ist ein Auslaufmodell: Roman Vilgut, Wirtschaftsredakteur

Nur Bares ist Wahres! Mit Leidenschaft ausgerufen, wird dieser Spruch zum Fundament der Verteidiger des bunten Baumwoll-Papiers. Sie fechten einen Glaubenskrieg, den es so nicht gibt. Niemand will Bargeld verbieten, weder die Regierungen der EU-Staaten, noch die Parteien in Opposition, weder die EU-Kommission noch die Europäische Zentralbank (EZB).

Doch bei aller Nostalgie für knisternde Scheine und klingende Münzen, die Realität ist eine andere: Bargeldloses Bezahlen ist allgegenwärtig. Und das nicht erst seit der Erfindung des Internets. Bereits 1891 wurden die Reisechecks von American Express eingeführt, ab 1950 konnte man in New York mit Kreditkarte bezahlen. Schecks schafften es 1969 nach Europa. 1980 folgte die Umstellung auf die Karte. Der “Eurocheque” überlebt in Deutschland nur als Abkürzung im Wort “EC-Karte”.

Ab diesem Zeitpunkt begann in Europa ein Wandel im Umgang mit Geld. Bar wich nach und nach der Karte. Und ja, es gibt vereinzelt Menschen, die sich auch heute ihr Gehalt bar auszahlen lassen und Monat für Monat bringt die Post vielen Empfängern ihre Pension in Bar. Doch bei der Mehrheit kommen die Zahlungen direkt aufs Konto.

Und auch beim Einkaufen zücken viele heute die Bankomatkarte und legen sie auf das Terminal bis es piepst. Und selbst die Tage der Karte sind bald gezählt. Das Handy wird zur Geldbörse, wenn die Bezahllösung von Apple oder Google aktiviert ist. Auch der größte Handyhersteller Samsung hat eine eigene Bezahl-App. Da lassen sich auch die Banken nicht zweimal bitten. Die Raiffeisen-Bankengruppe verknüpft mit der App Rai-Pay das Handy mit dem Konto und die Sparkassen haben diese Funktion in ihre Banking-App George integriert.

Mit der Geburt von Bitcoin vor 13 Jahren hat die Diskussion um die Zukunft des Bargelds eine neue Komponente bekommen. Die Jünger der dezentralen und in der Menge begrenzten Bitcoins bezeichnen Währungen wie den Euro, Dollar, Pfund oder Franken abschätzig als “Fiat” und sehen in unserem heutigen Geld ein Betrugssystem. Für sie ist nur Bitcoin die Zukunft des Wirtschaftslebens.

In dieser Debatte um die Zukunft des Geldes waren Regierungen und Notenbanken lange Statisten. Erst als Facebook-Mutter Meta sein eigenes Geld erschaffen wollte, wurden EU-Kommission und EZB aktiv und begannen mit der Arbeit am digitalen Euro. Nicht als Ersatz des Bargelds, sondern als Ergänzung. Und das ist gut so.

Im digitalen Zeitalter sollten wir die Frage, wie wir Waren und Dienstleistungen bezahlen, nicht ausschließlich gewinnorientierten Unternehmen überlassen.

Umfrage: So sehen es die Leser

Und wie halten Sie es mit dem Bezahlen? Haben Sie immer Bargeld eingesteckt oder zücken Sie bei jeder Gelegenheit die Karte? Diskutieren Sie mit oder beantworten Sie unsere Umfrage.

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