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Für den Anfang
ist das nicht so schlecht

29.09.2022 • 13:16 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Die Pioneers arbeiten grundsätzlich hart gegen die Scheibe - darauf lässt sich aufbauen. <span class="copyright">GEPA/Meindl</span>
Die Pioneers arbeiten grundsätzlich hart gegen die Scheibe - darauf lässt sich aufbauen. GEPA/Meindl

Nach fünf Spielen der Bemer Pioneers Vorarlberg in der ICE-Liga ist es Zeit, für eine erste vorsichtige Bewertung.

Es ist weder eine Überraschung noch eine Schande, dass die Pioneers als Liganeuling nach fünf absolvierten Spielen am Tabellenende liegen. Das Auftaktprogramm der Feldkircher war mit den Auswärtsspielen bei Bozen, Villach, Fehervar und Wien sowie dem Heimspiel in der zweiten Runde gegen Rekordmeister KAC mehr als happig. Es ist im Gegenteil eine Überraschung, dass die Mannen von Marc Habscheid bereits anschreiben konnten und beim 2:1-Heimsieg gegen Klagenfurt drei Punkte holten.

Realistischerweise musste man nämlich damit rechnen, dass die Pioneers nach fünf Runden noch punktelos sein würden. Auch wenn also die nackten Fakten ernüchternd wirken: Tabellenletzter mit vier Niederlagen – die Pioneers sind erstmal durchaus im Soll. Das zeigt auch ein Vergleich mit dem anderen Liganeuling Asiago: Die Venetier haben nach vier absolvierten Spielen ebenfalls drei Punkte.

Defensiv-Konzept

Klar ist: Bei den Pioneers muss noch viel wachsen. Aber es war von vornherein klar, dass die Feldkircher Zeit brauchen würden. Zumal sie auch bei den Imports auf viele junge respektive auf dem Niveau völlig unerfahrene Spieler setzen, viele von ihnen kamen direkt aus dem nordamerikanischen College-Eishockey. Mit Marc Habscheid, so viel ist schon klar, haben die Pioneers einen Trainer verpflichtet, der es innerhalb kürzester Zeit verstanden hat, der Mannschaft ein System zu verpassen. Die Feldkircher spielen ein kompaktes Eishockey. Sie setzen auf ein defensives Hockey, verteidigen dabei vor allem das Zentrum – so, wie es sich gehört. Der Gegner soll, so der Plan, nur von der Bande zum Abschluss kommen.

Pioneers-Coach Marc Habscheid hat ein klares Konzept. GEPA/Lerch

Starker Caffi
Ein durchaus unerwarteter Trumpf bei dieser Herangehensweise ist Goalie Alex Caffi. Der Langzeit-Feldkircher überzeugt bislang mit sehr sicheren Auftritten, kommt auf eine Fangquote von 92,7 Prozent, was ob der geringen Erstliga-Erfahrung des Italieners dann doch eher eine Überraschung ist. Nun hat ein guter Saisonstart noch nicht zu bedeuten, dass Caffi dieses Niveau über eine lange Saison hält; aber bis dato hat er die Pioneers bei seinen drei Einsätzen mit vielen starken Paraden im Spiel gehalten. Backup David Madlener wiederum hat bei seinen zwei Einsätzen bereits seine altbekannten beiden Gesichter gezeigt: Gegen den KAC überragend, gegen Villach wacklig. Bis auf weiteres dürfte deshalb wohl Caffi die Mehrzahl der Spiele bekommen. Womit sich der Kreis in der Defensive schließt: Die Pioneers brauchen so starke Torhüterleistungen wie von Caffi am Dienstag in Wien, sonst wäre man nämlich nach dem ers­ten Drittel fast schon hoffnungslos in Rückstand gelegen gegen die Caps. Das Problem der Pioneers ist nämlich, dass sie bisweilen im Spiel gegen die Scheibe etwas passiv werden und den Gegner einfach machen lassen. Gegen formstarke Gegner könnte das teuer werden.

Für den Anfang<br>ist das nicht so schlecht
Alex Caffi kommt bislang auf eine Fangquote von 92,7 Prozent. GEPA/Meindl

Schwankende Leistungen
Wie überhaupt dem Spiel der Feldkircher noch die Konstanz fehlt. Gute und schlechte Drittel wechseln einander auf fast unerklärliche Weise ab – in Wien begann man schwach, zeigte ein starkes zweites Drittel und ein drittes Drittel, in dem sich gute und schlechte Wechsel abwechselten. Diese schwankenden Leistungen erinnern so ein bisschen an die Bulldogs der Vorsaison. Damals analysierte DEC-Coach Kai Suikkanen, dass die Dornbirner nur dann uneingeschränkt konkurrenzfähig sind, solange alle Spieler an ihrem Limit spielen. Eine gewisse Parallele ist in Feldkirch nicht von der Hand zu weisen, was perspektivisch zu einer Herausforderung wird. Dem Kader fehlt es aktuell noch an der Breite, in der Defensive nimmt die Qualität ab der dritten Reihe merklich ab. Wobei, und das ist kein Widerspruch, die gestandenen Verteidiger Alexander Pallestrang und Layne Viveiros mit minus sechs einen weitaus schlechteren Plus-/Minuswert haben als die Drittlinien-Verteidiger Ivan Korecky (-3) und Tobias Reinbacher (-2) sowie Verteidiger Nummer sieben Aron Summer (-1): die gestandenen Verteidiger sind, zumindest gefühlt, im Dauereinsatz. Da die Liga es aufgegeben hat, eine Time-On-Ice-Statistik zu führen, lässt sich dieser Eindruck allerdings nicht mit Zahlen belegen. Starke Plus-/Minuswerte haben die Erstlinienverteidiger Steven Birnstill (+4) und Christian Bull (+2). Was auch daran liegt, dass sich in dieser Linie gerade auch in der Offensive die Spieler als Typen sehr gut ergänzen. So zeigt Julian Metzler sehr starke Leitungen. Der 22-Jährige ist einer der Gewinner des Saisonauftakts bei den Pioneers, was auch auf den sehr agilen Jack Jacome zutrifft.

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Trotz des Defensivkonzepts fangen sich die Pioneers zu viele Tore, weil sie sehr schwankend bei ihren Leistungen sind und oft passiv werden. GEPA/Jannach

Es fehlt ein starker Center

In der Offensive, da muss man nicht lange drumherum reden, fehlt zumindest ein Center, der das Spiel ordnet. Hampus Eriksson macht das zwar ordentlich und ist mit fünf Punkten der beste Scorer bei den Pioneers, vier dieser fünf Scorer sammelte er allerdings gegen Villach. Die erste Linie zu führen ist jedenfalls ein bisschen gar viel Verantwortung für den Schweden, aber da er aktuell der beste Center im Kader der Pioneers ist, hat Headcoach Habscheid keine Alternativen zum Nordländer. Beim Zweitlinien-Center Tryout Sandhu Tyler wechselten einander Licht und Schatten ab, der Kanadier ist stark beim Face-off, als Strukturgeber hat er sich bislang noch nicht sonderlich aufgetan. Da der Center fehlt, sind die Feldkircher oft auch sehr harmlos im Powerplay, was jedoch nicht zuletzt daran liegt, dass die Pioneers schmerzlich einen Torjäger vermissen.
Hier bleibt zu hoffen, dass die Pioneers nachbessern – denn auch, wenn das Spiel auf eine stabile Defensive aufgebaut ist: Die Feldkircher müssen in der Offensive zwingender werden. Das 5:8 in Villach außen vorgelassen, haben die ­Pioneers in vier Spielen fünf Tore erzielt. Manchmal, so hat man den Eindruck, fehlt einfach noch etwas der Mut, denn wenn die Pioneers attackieren, sieht das durchaus gut aus.

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Zweitlinien-Center Tyler Sandhu kam als Tryout, konnte bislang dem Spiel der Pioneers aber keine Struktur geben. GEPA/Jannach

Heimspielserie

Die Feldkircher, und das ist beeindruckend, machen die da und dort fehlende individuelle Qualität mit viel Einsatz und Leidenschaft wett. Inwieweit sie diese Intensität auch dann dauerhaft aufs Eis bringen können, wenn ab November der Spielrhythmus deutlich höher wird, wird sich zeigen. Generell bleibt es dabei, dass man die Erwartungen an die Feldkircher nicht allzu hochschrauben darf und ihnen Zeit geben muss.
Da die Pioneers bis Jahresende einen sehr asymmetrischen Spielplan haben, haben die Feldkircher in den kommenden zehn Partien acht Mal Heimrecht. Morgen gastiert Linz in der Vorarlberghalle. Nach dieser Heimspielserie wird man schon deutlich klarer sehen, wo die Reise hingeht, zumal aus Erfahrung die starken Teams im Laufe des Novembers an Fahrt aufnehmen. Tendenziell ist es zu Saisonbeginn einfacher gegen die Top-Teams zu punkten als im Verlauf der Spielzeit. Nach der Heimspielserie steht für die Pioneers bis Weihnachten jedenfalls eine ähnliche Serie an Auswärtsspielen an.

In den kommenden zehn Partien haben die Pioneers acht Mal Heimrecht, am Freitag gastiert Black Wings Linz in der Vorarlberghalle. GEPA/Lerch

Erste Schritte

Letztendlich kann man aktuell nur erste Tendenzen bewerten. Dabei kann man den Pioneers mit gutem Gewissen bescheinigen, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten gute Arbeit leisten. Dass längst noch nicht alles perfekt ist und man wohl auch für den eigenen Geschmack ein paar Kompromisse zu viel eingehen muss, ist das Los vieler Liganeulinge.
Für die Pioneers gilt es zu lernen – und manchmal wird man bei der Bewertung eines Spiels das Ergebnis ausblenden müssen. In der ICE-Liga anzukommen ist kein Sprintrennen, sondern ein Marathon. Aber: Die ersten Schritte gemacht. Fortsetzung folgt.

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