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Ein Held im instrumentalen Drama

30.09.2022 • 20:02 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Aurora Orchester beim ersten Meisterkonzert in Bregenz <span class="copyright">Udo Mittelberger</span><br>
Das Aurora Orchester beim ersten Meisterkonzert in Bregenz Udo Mittelberger

Unter der Leitung von Nicholas Collon spielte das britische Aurora Orchester Werke von Hector Berlioz und Thomas Adés auf der Werkstattbühne.

Für zwei Konzerte ziehen die Bregenzer Meisterkonzerte während des Umbaus im Festspielhaus vom großen Saal auf die Werkstattbühne, die von den Festspielen meist für das zeitgenössische Musiktheater mit ausgeklügelter Akustik und Raumklang genutzt wird. So wie der Saal aber jetzt bestuhlt ist, kann es nur eine Übergangslösung sein, zumal die Klimaanlage feinere Klänge übertönt. Trotzdem war das Gastspiel des britischen Aurora Orchesters unter seinem Chefdirigenten Nicholas Collon ein Ereignis, denn das Engagement und die Möglichkeiten des jungen Klangkörpers sind außergewöhnlich.

Filigrane Tonsprache

Zu Beginn hatte Nicholas Collon drei Couperin-Studien des englischen Komponisten und Dirigenten Thomas Adès aufs Programm gesetzt: Ursprünglich sind es zierliche Cembalo-Werke des französischen Barockmeisters, die Adès für zwei mit Dämpfern spielende Streichorchester, Bläser und Schlagwerk übertragen hat. Für diese farbenreiche, aber filigrane Tonsprache ist die Akustik im Saal nicht geeignet. Im zweiten Stück („Zaubertricks“) wuseln die Figuren humorvoll durch das ganze Orchester, als wären sie in die Luft geworfen und von verschiedenen Instrumenten aufgefangen worden. Das dritte Stück ist voller Poesie in dunklen Farben mit Seufzerfiguren und warmen Klängen.

Klangchoreographie

Mit Hector Berlioz und seiner Symphonie fantastique kann das sympathische junge Orchester noch mehr zeigen, was in ihm steckt: Den Umbau machen die jungen Musikerinnen und Musiker selbst, Notenpulte und Stühle werden weggeräumt, auch das Dirigentenpult. Nicht nur, dass sie die Symphonie auswendig spielen und dadurch eine ganz andere Präsenz und Hingabe zeigen, macht ihre Interpretation aus. Durch die Positionierung der Instrumente entsteht eine Art Klangchoreographie, die den Aufbau der Symphonie, die verschiedenen Charaktere der sogenannten „Idée fixe“ und die Leidenschaftlichkeit der Fieberträume ungemein plastisch hervorhebt.

„Episoden aus dem Leben eines Künstlers“ heißt die Symphonie im Untertitel, verbunden sind die Sätze durch ein Leitmotiv, die „idée fixe“, die 1830 im Jahr der Uraufführung zukunftsweisend war. Der Held ist in unterschiedlichsten Gefühlslagen gefangen: Verliebtheit, Hoffnung, Zweifel, Traum und Albtraum bilden ein instrumentales Drama. Nicholas Collon formt einen warmen Streicherklang, aus dem sich die Themen der Bläser mit aller Macht entwickeln. Steigerungen gelingen organisch und brausend, umso berührender ist der Bläserchoral zum Ende des ersten Satzes. Zum anmutigen Walzer im zweiten Satz werden die beiden Harfen wie Engelsflügel zu beiden Seiten des Dirigenten postiert, sie verbinden sich mit den Holzbläsern im gemeinsamen Schwingen. Im dritten Satz ist der Englischhorn-Solist vorne an der Rampe, die Echo-Oboe im Saal, die „Szene auf dem Lande“ wandelt sich von der Idylle mit feinen Dialogen zwischen Streichern und Bläsern zur bedrohlichen Vision mit Paukenwirbel.
„Kino für die Ohren“ gibt es im vierten Satz mit der Fagottgruppe vorne, den knallenden Akzenten der Schlagwerker, den straffen Trompetensignalen und dem zeremoniellen Puls beim „Gang zum Richtplatz“, zu dem die Streichergruppe frontal zum Publikum ein „Bogenballett“ zeigt.

Scharfe Soloklarinette

Als gespenstisches Klanggemälde gestalten Nicholas Collon und sein Aurora Orchestra schließlich den „Hexensabbat“ mit fahlem Tremolo, dämonisch scharfer Soloklarinette und entfesseltem Säbelrasseln mit Glocken, „Dies irae“-Motiv und überwältigendem Bläsersatz. Bei den BBC Proms brachten Orchester und Dirigent eine „halbszenische“ Version mit Erzähler und Masken – doch auch in dieser nur musikalischen Interpretation wurde das Publikum mitgerissen und applaudierte begeistert.

Von Katharina von Glasenapp

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