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“Dachte, ich wäre ein geheilter Homosexueller”

01.10.2022 • 12:44 Uhr / 11 Minuten Lesezeit
<span class="copyright">Hartinger</span>Der 67-Jährige steht zu seiner Sexualität und macht anderen Mut.
HartingerDer 67-Jährige steht zu seiner Sexualität und macht anderen Mut.

Johannes Heil engagierte sich gegen die Diskrimierung von LGBTIQ+ Menschen in der Kirche. Was er erlebt hat und wie sein eigenes Outing war.

Es gab eine Zeit, in der ich von mir selbst behauptet habe, ein geheilter Homosexueller zu sein“, erinnert sich Johannes Heil im Gespräch mit der NEUE am Sonntag zurück. Mittlerweile weiß er aber, dass dies nie der Fall war. Damals, im Alter von 26 Jahren, habe er eine religiöse Gruppierung kennengelernt, die ihm versichert hätte, ihn heilen zu können. Obwohl er schon zum dortigen Zeitpunkt nicht ganz davon überzeugt war, ließ er sich darauf ein. „Vielleicht habe ich mir auch einfach gewünscht, dass es funktioniert“, überlegt der heute 67-Jährige laut. Doch der Reihe nach.

Innerlicher Kampf

Als Jugendlicher bemerkte Johannes Heil, dass er sich nicht zu Mädchen, sondern zu Buben hingezogen fühlte. Dies habe ihm aber ein „unheimlich schlechtes Gewissen“ bereitet, erzählt der Bregenzer. Da es in jenem katholischen Internat in der Schweiz, in welchem er zur Schule ging, keinen Sexualunterricht gab, wusste er anfänglich nicht, was mit ihm los war. „Im Kiosk habe ich dann Zeitschriften entdeckt, die auch über Homosexuelle geschrieben haben.“ Da sei ihm klar geworden, dass es nicht nur Heterosexuelle Menschen gibt und er mit seinen Gefühlen auch nicht allein ist. Lange Zeit habe er diese Erkenntnis aber für sich behalten. Es sei ein innerlicher Kampf gewesen und er bereue bis heute nie mit seiner Mutter darüber gesprochen zu haben. „Ich weiß, sie hätte es verstanden“, ist sich der gelernte Krankenpfleger heute sicher. Allerdings sei sie damals schwer krank gewesen.

Sein Vater hingegen wusste von Johannes Heils sexuellen Orientierung und vermittelte ihn an ein Sonderinstitut für Psychotherapie. Über vier Jahre hinweg besuchte er regelmäßig Therapiesitzungen, der Fokus lag dabei jedoch nicht auf Heilung, sondern auf Selbstfindung. Rückwirkend betrachtet sei dies ein enorm prägender Lebensabschnitt gewesen, von dem er viel profitiert habe. Zum Ende jener Zeit lernte er eine religiöse Gruppierung kennen, die ihm wie eingangs erwähnt versprach, ihn heilen zu können. Schon nach etwa einem halben Jahr behauptete auch er von sich selbst geheilt zu sein.

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Erkenntnis nach Jahren

Geändert hat sich dieses Selbstverständnis erst während seiner Ausbildung als Seelsorger in Salzburg ungefähr zehn Jahre später. Einer der Referenten stellte eine irritierende Frage, nämlich, ob sich die Auszubildenden als Mann oder Frau fühlten. Johannes Heil antwortete, dass es eine „saudumme Frage“ sei und er sich sowohl als auch fühle. Der besagte Ausbildner hätte daraufhin gemeint: „Dann leben sie es auch.“ Obwohl die eigene Geschlechtsidentität für den damals 35-Jährigen kein Thema an sich war, löste die Frage etwas in ihm aus. „Es hat Klick gemacht und ich habe für mich selbst erkannt, dass ich mir die ganze Zeit etwas vorgemacht habe. Ich bin schwul“, gestand sich der Naturliebhaber ein.

Zurück in Vorarlberg informierte er als Erstes seine Ehefrau. Denn während seiner Zeit als „geheilter homosexueller“ heiratete er und wurde Vater von zwei Söhnen. Von seiner Frau geschieden ist er auch bis heute nicht. „Das kam für uns beide nicht in Frage. Uns verbindet eine starke Freundschaft und wird haben uns entschieden, den Weg weiter als Gemeinschaft zu gehen“, erklärt der gebürtige Schweizer.

Ist Homosexualität eine Sünde?

Aus dem Outing hat Johannes Heil nie ein „großes Ding“ gemacht, wie er selbst sagt. Es sei ihm auch nicht schwergefallen. „Unter die Nase gebunden habe ich es aber trotzdem niemandem.“ Den engsten Freunden, Verwandten und Mitarbeitern an seinem Arbeitsplatz im Krankenhaus hätte er es erzählt und es sei kein Problem gewesen. Neben seiner Tätigkeit als Krankenpfleger und Seelsorger in der Diözese Feldkirch absolvierte Johannes Heil schon in jüngeren Jahren Theologiekurse und im Alter von 37 Jahren auch die Ausbildung zum Diakon. Das Spannungsfeld Homosexualität und Glaube begleitet den Hobby-Maler schon lange. Bereits als Jugendlicher suchte er das Gespräch mit einem Kaplan und erzählte ihm von seiner Sexualität. Dieser habe eine sehr offene Einstellung gegenüber Menschen aus der LGBTIQ+ Community gehabt, wollte in der Öffentlichkeit aber nicht dazu stehen.

Jenes Ereignis war schon damals Ansporn für Johannes Heil, in der Kirche etwas verändern zu wollen. „Ich kann aber nur etwas ändern, wenn ich Teil davon bin. Die Kirche muss mit mir rechnen“, erzählt der 67-Jährige entschlossen. Viele Homosexuelle würden sich in der Kirche nicht beheimatet fühlen, denn obwohl Homosexualität an sich keine Sünde ist, wird das Ausleben dieser sehr wohl als eine gesehen. „Das allein ist zu hinterfragen. Gott gibt mir meine Sexualität. Warum sollte das eine Sünde sein?“, überlegt er laut.

LGBTIQ-Begriffe

LGBTIQ+: Eine englische Abkürzunge. Sie steht für lesbisch, schwul (gay), bisexuell, trans*/transgeschlechtlich, inter*/intersexuell und/oder queer. Der Begriff LGBTIQ+ versucht alle Geschlechtsidentitäte, augenommen Heterosexualität, abzubilden. Da dies jedoch nicht ganz möglich ist, steht am Ende das Plus

Queer: Sammelbegriff für alle Orientierungen und Identitäten, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen.

<span class="copyright">Go West - Verein für LGBTIQ+</span>Seekapelle in Bregenz.
Go West - Verein für LGBTIQ+Seekapelle in Bregenz.

Regenbogenpastoral und Manifest

Der Seelsorger setzt sich schon seit Jahren für mehr Offenheit in der Kirche ein. Er war damals auch dabei, als 2015 in Vorarlberg der Arbeitskreis „Homosexuellen Pastoral“ entstand. Nach nur kurzer Zeit wurde dieser dann auf Regenbogenpastoral umgetauft und ist heute im Ehe- und Familienzentrum der Diazöse Feldkirch angesiedelt. Durch diverse Weiterbildungen, Treffen und Veranstaltungen wollen die Mitwirkenden dazu beitragen, dass Grenzen überwunden werden und sich jeder Mensch in der Kirche angenommen und geschätzt fühlt. Eingeladen sind Betroffenen, Angehörige, Bekannte oder auch Mitarbeiter der römisch-katholischen Kirche. Viele kirchlich Engagierte seien nämlich selbst homosexuell. Sie trauen sich allerdings nicht, dafür einzustehen, da sie Angst vor den Reaktionen haben und auch davor, ihren Job zu verlieren.

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Der Diakon engagierte sich in den vergangenen Jahren nicht nur in Vorarlberg aktiv gegen Diskriminierung Homosexueller in der Kirche, auch in Deutschland durfte er im Vorjahr bei der Erarbeitung eines Manifests namens „#OutInChurch- für eine Kirche ohne Angst“ mitwirken. Dieses wurde von queeren (Sammelbegriff für alle Orientierungen und Identitäten, die nicht der heterosexuellen Norm entsprechen) Menschen, die beruflich oder ehrenamtlich in der römisch-katholischen Kirche im Nachbarland tätig sind, entworfen. Es gibt dabei einige Forderungen an die Kirche im Umgang mit der LGBTIQ+ Community (factbox). „Im Vergleich zu Österreich habe man in Deutschland die Zeichen der Zeit erkannt und gehandelt. Dies habe er sich eingestehen müssen.“ Damit das Manifest aber in den Vatikan gelangt, müssten zwei Drittel der deutschen Bischöfe diesem zustimmen. Das ist bisher aber noch nicht geschehen. Der Seelsorger bleibt allerdings optimistisch.

Manifest “Out of Church”

Das Schreiben fordert von der Kirche unter anderem, dass diese die Verantwortung für Vergangenes übernimmt, keine Diskriminierung von LGBTIQ+ Menschen in der Kirche mehr stattfindet und diese ohne Angst dort offen leben und arbeiten können. Unterschrieben wurde es anfangs von 125 queeren Mitarbeitern der Kirche in Deutschland, mittlerweile sind es über 1000.

Ignoriert und verdrängt

Johannes Heil wünscht sich bis dahin von der Kirche, ihre Sexualmoral zu überdenken, mit LGBTIQ+-Menschen in den Dialog zu treten und das Schweigen zu beenden. Er ist sich sicher, dass in der Diözese Feldkirch damals alle von seiner Sexualität Bescheid wussten. Nicht weil er es jedem erzählt hat, aber weil Sticker an seiner Bürotür, an der Tür der Spitalskapelle oder seine Teilnahme an der CSD-Pride Hinweise darauf gegeben hätten. Darüber gesprochen habe aber niemand in der Diözese. „Sie haben es ignoriert und verdrängt“, ist er überzeugt.

Auch wenn der Diakon nie Anfeindungen gegen sich als Person erleben musste, wurde die Regenbogenflagge in seinem Garten schon des Öfteren von Fremden mutwillig entwendet oder abgerissen. So auch vor etwas mehr als einer Woche. Er konnte denjenigen allerdings zur Rede stellen. Es war ein Schüler, der mit seiner Klasse am Garten des 67-Jährigen vorbei ging. Auch ein Lehrer war dabei, dieser hat den Vorfall jedoch nicht gesehen, schildert Johannes Heil. Dennoch appelliert er auch an die Schulen, die Schüler zu sensibilisieren und ihnen sexuelle Vielfalt aufzuzeigen.

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Etwas ganz Normales

Nach vielen Jahren hat der 67-Jährige seine Tätigkeiten als aktives Mitglied im Arbeitskreis Regenbogenpastoral sowie als Krankenhausseelsorger nun niedergelegt. „Diakon und Seelssorger bleibt man aber ein Leben lang“, lacht er. Auch wenn die kirchliche Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren nicht anerkannt wird, segnet der Diakon sie trotzdem. Nach wie vor ist er auch Lebens- und Sozialberater. Seine eigene Geschichte helfe ihm dabei, Menschen in ähnlichen Situationen zu begleiten.“ Allen, die unsicher sind, was ihre Sexualität betrifft, rät er: „Das erste Outing ist an dich selbst. Du musst zu dir stehen.“ Dann könne man sich wichtigen Menschen anvertrauen, sofern man dies möchte. Keinesfalls müsse man rausgehen und sagen: „Hallo, ich bin schwul“, denn Homosexualität soll nichts sein, wofür man sich rechtfertigen muss. „Es ist etwas ganz normales.“

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