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Inflation: Wenn das Geld nicht mehr reicht

01.10.2022 • 22:00 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Die Supermärkte sprechen von einem stabilen Umsatz. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Supermärkte sprechen von einem stabilen Umsatz. Hartinger

Die Teuerung bei den Lebensmitteln hinterlässt Spuren. Wie Vorarlberger damit umgehen.

Die aktuellen Lebensmittelpreise machen manchen zu schaffen. Wer vor Beginn des Ukrainekrieges schon knapp bei Kasse war, spürt sie nun besonders. „Ich höre Vorarlberger Familien jammern, dass das Geld nicht mehr für alles reicht“, erzählt der Obmann des Vereins „Tischlein Deck dich“ Elmar Stüttler von den vergangenen Monaten. „Die Familien kommen jetzt häufiger und regelmäßiger“, so Stüttler. Er beobachtet eine vermehrte Nachfrage bei Tischlein Deck Dich seit Beginn des Ukrainekriegs. Die Zahl der Familien pro Woche hätten sich von 530 auf 1000 fast verdoppelt.

Unter den Menschen, die derzeit von „Tischlein Deck Dich“ Lebensmittel beziehen, seien sowohl neue Gesichter, wie etwa auch Ukraineflüchtlinge, aber auch Vorarlberger Familien. Aber auch alt bekannte Familien würden teilweise öfters vorbeikommen, erzählt Stüttler. Er nennt mehrere Gründe. Darunter sind die gestiegenen Lebensmittelpreise, die Inflation und dass sich Alleinerzieher oder Pensionisten nun vieles nicht mehr leisten könnten. Früher hätten die Bedürftigen oft erst Mitte Monat die Berechtigungskarte in Anspruch genommen, da sie Anfang des Monats noch auf ihr neues verfügbares Geld zurückgreifen konnten. Nun würden jedoch einige konstant über den gesamten Monat die Ausgabestellen aufsuchen. Diese gibt es in mehreren Städten. Bedürftige im Besitz einer Berechtigungskarte können wöchentlich Lebensmittel holen.

Bei "Tischlein Deck Dich" hat sich die Zahl der Familien pro Woche fast verdoppelt. <span class="copyright">Tischlein Deck Dich</span>
Bei "Tischlein Deck Dich" hat sich die Zahl der Familien pro Woche fast verdoppelt. Tischlein Deck Dich

Erhöhte Nachfrage seit Inflation

Wer keine Berechtigungskarte hat, federt teilweise die Lebensmittelpreise über andere Wege ab. Eine Möglichkeit ist die österreichweite Applikation „Too Good To Go“, über die Kunden Brot oder Lebensmittel von Bäckereien, Supermärkten oder Restaurants beziehen können. Die Lebensmittel müssen am selben Tag noch regulär verkauft werden dürfen. Wenn die Produkte bei den 222 aktiven Vorarlberger Kooperationspartnern keine Abnehmer finden, werden sie über die App mit einem verbilligten Preis angeboten. Auch dort sind Auswirkungen der Inflation spürbar. „Es gibt sicherlich auch andere Einflussfaktoren, aber die Daten zeigen definitiv eine Veränderung im Nutzer:innenverhalten seit die Preise in Österreich so gestiegen sind“, sagt Unternehmenssprecherin Stefanie Krenn. Seit der Inflation würde die Applikation häufiger genutzt werden. Die Nachfrage sei um 20 Prozent im monatlichen Durchschnittswert von März bis August 2022 im Vergleich zu den Vormonaten Dezember 2021 bis Februar 2022 gestiegen. Durch die App werden Produkte vor dem Müll gerettet.

Seit drei Jahren gibt es offene Kühlschränke. Die können alle befüllen und auch jeder kann dort Lebensmittel holen.<span class="copyright">Steurer</span>
Seit drei Jahren gibt es offene Kühlschränke. Die können alle befüllen und auch jeder kann dort Lebensmittel holen.Steurer

Dies macht auch das Projekt „Offener Kühlschrank“. Der Ursprungsgedanke davon ist die Verhinderung von Lebensmittelabfall, doch es kann jeder Produkte holen und hinbringen. Initiatorin Ingrid Benedikt beobachtet, dass im letzten Jahr neben umweltbewussten Personen auch vermehrt Leute die Kühlschränke nutzen, weil sie Lebensmittel aus finanziellen Gründen benötigen.

Kaufverhalten stabil

Dass manche vermehrt die Produkte von Hilfsorganisationen beziehen, spüren die Supermärkte nach eigenen Angaben nicht bei ihrem Umsatz. Dieser und das Kaufverhalten sei stabil. Dies liege auch daran, dass die Schweizer wieder im Ländle einkaufen, heißt es von Seiten von Spar. Das Unternehmen hat nur einen leichten Trend zu mehr Aktionsartikeln und zur günstigeren Eigenmarke beobachtet. Und Sutterlüty beobachtet eine Verschiebung beim Kaufverhalten zu günstigen Eigenmarken seit Einsetzen der Inflation. Die Ketten weisen aber auch auf einen gleichzeitigen Trend zu Bio-Produkten und Premium-Eigenmarken hin.

Die Kunden greifen vermehrt zu günstigeren Eigenmarken und Bio-Produkten. <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Kunden greifen vermehrt zu günstigeren Eigenmarken und Bio-Produkten. Hartinger

Wiener Art des Pilze Sammelns

Wenn bei den Supermärkten das Gemüse dann aber wegen Dellen etwa im Müll landet, bedeutet das jedoch nicht immer ein Ende für die Produkte. In den Müllräumen von Wiener Supermärkten fischt etwa ein Vorarlberger Student mehrmals pro Woche unter anderem Bananen mit braunen Stellen aus den Containern, um Geld zu sparen. Er ist nicht der einzige. „Ich habe das Gefühl, dass man derzeit öfters Leute antrifft beim Dumpstern. Vor allem waren darunter in letzter Zeit öfters alleinerziehende Mütter“, erzählt er. Diesen Trend, bei dem Lebensmittel aus dem Supermarktmüll geholt wird, nennt sich Dumpster Diving oder Containern. Der BOKU-Student möchte anonym bleiben, da es sich im rechtlichen Graubereich bewegt. Denn den Zugang zu den Müllräumen verschafft er sich mit einem Zentralschlüssel der MA48.

Manche reagieren auf die Preise, in dem sie vermehrt in den Supermarktcontainern nach Lebensmittel tauchen.<span class="copyright">Symbolbild/Shutterstock</span>
Manche reagieren auf die Preise, in dem sie vermehrt in den Supermarktcontainern nach Lebensmittel tauchen.Symbolbild/Shutterstock

Hohe Energiepreise kompensieren

Der Student macht das schon seit drei Jahren aufgrund seiner Wertschätzung von Essen, doch in den vergangenen drei Monaten dumpsterte er vermehrt. Er könnte sich die Lebensmittel durch seinen Nebenjob zwar derzeit leisten. Der Antrieb sind jedoch die unsicheren Energiepreise. Durch den Umzug in eine neue Wohnung wurden er und seine vier WG-Mitglieder beim Gas- und Stromvertrag hoch eingestuft. „Wir haben in der WG ausgemacht, dass wir die zu erwartenden hohen Energiepreise irgendwie kompensieren müssen“, so der Student. Ziel der fünf ist es, nie mehr Lebensmittel einkaufen zu müssen. Aus dem Supermarkt beziehen sie nur noch Produkte wie Spülmittel oder Waschpulver.

Mehrere Kilogrammm Bergkäse

Ein Dumpster-Rad entscheidet, wer mit dem Containern an der Reihe ist. Bevor sie mit Rucksäcken losstarten, zoomen sie bei Google Maps bei den Supermärkten in die Innenhöfe – für einen Eindruck über die Zugänglichkeit. Bis jetzt ist den fünf außer Rufen von Nachbarn noch nichts passiert. Auch von Bauchschmerzen oder einer Lebensmittelvergiftung ist der 26-Jährige verschont geblieben. Dabei achtet er auf die Temperatur. Rohe Fleisch- oder Fischprodukte sind ein Tabu. Gemüse säubert er mit Essigessenz. Die schönsten Überraschungen seien beim Containern für ihn als Vorarlberger, wenn er mehrere Kilogramm Bergkäse finde. Dies bezeichnet er als Geschenk. Für den Studenten ist Dumpstern nämlich die „Wiener Art, Pilzeln zu gehen“.

“Offener Kühlschrank” feiert Geburtstag

Morgen feiert das Projekt „Offener Kühlschrank“ sein vierjähriges Jubiläum. Anfang Oktober 2018 wurde das erste Exemplar in der Dornbirner Stadtbibliothek in Betrieb genommen, mittlerweile gibt es 16 Stück im ganzen Land. Das Ziel von Initiatorin Ingrid Benedikt ist es, Lebensmittel vor dem Müll zu retten. Die 65-Jährige spricht den gleichzeitigen Überfluss im Land neben dem Hunger in anderen Ländern an. „Ich will der Welt etwas zurückgeben“, so die Umweltaktivistin. Damals sei genau die richtige Zeit für ein Umweltprojekt gewesen. Auf dem Jubiläum ruht sich Benedikt nicht aus. Sie hat Zukunftspläne in Wolfurt. Dort sei ein weiterer Standort im Gespräch.

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