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Für immer im Atomkraftwerk

04.10.2022 • 19:05 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Bei der Aufstellung von Bechtolds Skulptur "Mitten durchs Herz". <span class="copyright">EVN</span>
Bei der Aufstellung von Bechtolds Skulptur "Mitten durchs Herz". EVN

Gottfried Bechtolds Pietà-Skulptur „Mitten durchs Herz“ wurde im Atomkraftwerk Zwentendorf aufgestellt.

Gottfried Bechtold hat 2016 eine Pietà, Gottesmutter mit totem Jesus, mit einer Schiene durchstoßen und im Kunstraum Dornbirn unter dem Titel „Mitten durchs Herz“ gezeigt. Nun wurde eben diese Skulptur im September im Atomkraftwerk Zwentendorf in Niederösterreich aufgestellt.

Glaube an die Technik

Den Konzeptkünstler Gottfried Bechtold interessiert dabei der Glaube an die Technik, dass eben das AKW nicht in die Luft geht, auch im Vergleich zum Glauben an Gott, wie er in den Kirchen praktiziert wird. So macht der Bregenzer Künstler sichtbar, was im technischen Zeitalter unsichtbar zu werden droht: Der Glaube, das Vertrauen, ist eine große Kraft. Er kann unsere Existenz erfüllen, unser Dasein prägen, trotz aller AKWs dieser Welt.
Das beschossene Atomkraftwerk in Saporischschja in der Ukraine und die Tatsache, dass die letzten zwei deutschen AKWs jetzt doch definitiv nicht vom Netz gehen, machen die Arbeit Gottfried Bechtolds auf schauerliche Weise aktueller denn je.

Das Bechtold-Werk „Schiene Kofler“ ist eine langgezogene Metall-Schiene auf einer Halterung, die genauso schwer ist, dass sie sich selbst noch tragen kann. Es handelt sich um ein typisches Werk des typischen Post-Minimalismus Bechtoldscher Prägung. Solch ein Stahlträger findet sich auch in der Skulptur „Mitten durchs Herz“, die auf einem 3,2 Tonnen schweren Sockel steht. Diese Skulptur wurde im Kunstraum Dornbirn vor sechs Jahren bei einer Vernissage der Öffentlichkeit vorgestellt, übrigens just am 15. September, dem alljährlichen kirchlichen Fest der Schmerzen Mariens.
Hier durchstößt eine Schiene eine stehende Pietà, die von Gottfried Bechtolds Onkel Albert Bechtold stammt. Die Mutter hält ihren toten Sohn im Arm und hält die Schwere des Leids gerade noch aus, so wie die Schiene Kofler sich selbst gerade noch tragen kann. In der christlichen Ikonographie gilt die Pietà, Maria mit dem toten Jesus im Arm, als zentraler Bildtypus der Leidensgeschichte Christi.

Antiblasphemisches Werk

Der Künstler sieht sein Werk „antiblasphemisch“. Ein typischer Bechtoldscher Gegenteilsbegriff, implizit verwandte Wörter wie „fromm“ oder sogar „heilig“. Auch wenn der Künstler sich natürlich kaum in die Nähe des Glaubens stellen würde. Den Begriff „Glaube“ verwendet Bechtold wie ein Readymade, er sieht das Wort genau an und verändert den Kontext. Aus der Welt der Religion überträgt er diesen in die Welt der Technik. Er sagt: „Ein Astronaut, der sich mit einer Rakete auf den Mond schießen lässt, muss einen immensen Glauben an die Technik haben.“
Nun hat das Energieunternehmen EVN, die – zehnmal so große – VKW Niederösterreichs, das Werk um einen sechsstelligen Betrag zum hundertjährigen Firmenjubiläum angekauft. Die EVN verfügt seit 1995 über eine respektable Kunstsammlung mit Größen wie Valie Export, Lois Weinberger und anderen. Es gibt kein konkretes Sammlungsprofil, sondern es geht darum, dass Künstler – in welchem Medium auch immer – Fragen an unsre Zeit stellen. Die Ankaufsjury ist unter anderem bestückt mit Kunsthausdirektor Thomas Trummer und Hans Ulrich Obrist.

Von langer Hand geplant

Heike Maier-Rieper von der EVN-Sammlung gibt zu Protokoll, dass sie das Werk von Gottfried Bechtold schon länger verfolgen. So gab es 2019 ein Tapetenprojekt, und auch Fotos aus der Serie der Übermalung der Coyote Aktion von Joseph Beuys durch Gottfried Bechtold sind in der EVN Sammlung schon vertreten. Zunächst beim Hauptquartier in Maria Enzersdorf aufgestellt wurde es nun in den Eingangsbereich des nie in Betrieb gegangenen AKW Zwentendorf verbracht und dort von Gottfried Bechtold gemeinsam mit seinem Sohn eigenhändig aufgestellt.
s reizt den Vorarlberger Künstler der Gedanke, dass das AKW Zwentendorf als einziges Atomkraftwerk weltweit vom Atomzeitalter übrigbleiben wird, weil alle benutzten AKWs abgetragen oder mit einer Betonschicht wegen der Strahlung unschädlich gemacht werden müssen. Es ist vereinbart, dass „Mitten durchs Herz“ auch für immer das AKW-Zwentendorf „verschönern“ soll. Ein Werk, das etwa im Gegensatz zur Signatur im Schnee, das einen Winter gehalten hat, für alle Zeiten ein bleibendes Werk von Gottfried Bechtold sein wird und jährlich von circa 30.000 Besucherinnen bei Führungen bestaunt werden kann.

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