Allgemein

Vivienne erzählt ihre private Geschichte

05.10.2022 • 19:04 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Fanny Brunner und Vivienne Causemann.   <span class="copyright">Tino Machalett</span>
Fanny Brunner und Vivienne Causemann. Tino Machalett

Die Regisseurin Fanny Brunner spricht im Interview über „King Kong Vivienne“, Magersucht und die Objektivierung der Frau.

Mit „King Kong Vivienne“ hat die Regisseurin Fanny Brunner ein Stück über eine Frau, die magersüchtig ist, entwickelt. In diesem Fall ist es die Schauspielerin selbst, die als Performerin auf der Bühne offen und ohne Betroffenheit über Erfahrungen aus der eigenen Vergangenheit erzählt, aber auch in verschiedene Rollen schlüpft und dabei Phänomene der Alltagskultur präsentiert. Offen und sachlich erzählt Vivienne Causemann diesen Weg in die Sucht hinein und wieder heraus. Am Samstag ist die Premiere im Landestheater.

Vielfältig und virtuos

Mit vielen Songs (die extra für Causemann geschrieben worden sind) und mit einer gewissen Leichtigkeit und satirischen Überhöhungen nähert sich die Regisseurin einem schweren und ernsten Thema, das oft in der Öffentlichkeit verschwiegen wird. Das Zusammenwirken dieser Geschichte der Schauspielerin und anderer Texte und szenischer Miniaturen soll darauf verweisen, dass Viviennes persönliche Geschichte kein „individuelles Schicksal“ ist und auch kein Einzelfall, sondern „sehr wohl mit den gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun hat, in denen wir leben“, beschreibt Brunner im Interview.

Causemann spielt „nicht sich selbst damals, sondern erzählt aus heutiger Perspektive ihre Geschichte von damals“ und spricht sehr offen über „viele Dinge, die so eine Sucht mit sich bringt.“ Neben diesem persönlichen Zugang gerät sie auch „immer wieder in Situationen, wo sie verschiedene Leute spielt“, wie beispielsweise Alice Schwarzer und Verona Feldbusch, die in einer Talkshow miteinander streiten. Oder sie findet sich wieder in einer Gesprächsrunde aus dem Literarischen Quartett über den Roman Lust von Elfriede Jelinek und spielt dort gleich vier Personen gleichzeitig, beschreibt Brunner und erklärt auch die Zusammenhänge der Inszenierung: Die Texte und Songs sollen dem Publikum zeigen, „wie die Gesellschaft unsere Körper unterwirft“ und „auch fassbar machen, wie misogyn und strukturell ungerecht das Leben für Frauen und natürlich für alle anderen Unterdrückten in patriarchalischen Systemen nach wie vor ist.“

Anerzogene Dinge

Die Regisseurin spricht auch über eine Gesellschaft, in der man als Frau sexualisiert und objektiviert wird und über die Ursachen eines verzerrten Selbstbilds, die alle daraus resultieren, „in welcher Gemengelage man heutzutage speziell als Frau groß wird“. „Der Unterschied zwischen Mann und Frau (im Verhalten und in der Rollenzuschreibung) müsste nicht so groß sein, wie er ständig behauptet wird“, sagt Brunner. So werde man in ein biologisches Geschlecht geboren und dann ganz stark in dieses soziale Geschlecht hineinerzogen, mit all den Aufgaben, die einen erwarten, „wenn man das oder das biologische Geschlecht mitbringt auf die Welt.“ Das sei in uns allen stark habituell verankert, beschreibt die Regisseurin und sagt: „Ich glaube, die Vivienne und viele andere Menschen, die in eine Sucht abrutschen, kommen mit dieser Aufgabe nicht gut klar, die ihnen da zugeschrieben wird.“

Hintergründe

Die Idee, ein Stück über die persönliche Vergangenheit der Schauspielerin zu machen, sei aus einem gemeinsamen Gespräch heraus entstanden. Brunner erzählt: „Wir haben miteinander Zeit gehabt und uns näher kennengelernt. Niemand hat sie dazu gedrängt, und sie ist sehr reflektiert darüber, sie weiß sehr viel. Sie hat alle Stationen durchgemacht von Kliniken zu Rehazentren, ist aus der Gesellschaft rausgenommen worden und dann wieder hinein. Ich find das total wertvoll, wenn ein betroffener Mensch darüber spricht.“ Das Phänomen der Magersucht und der Bulimie ist kein Einzelfall, und mit diesen anderen Texten und Songs soll versucht werden, den Blick zu öffnen, weg vom Individuellen hin zum Strukturellen.

„Wir wollen eigentlich zeigen, wie die Gesellschaft unsere Körper unterwirft“, sagt die Regisseurin und beschreibt auch ihre persönliche Sicht auf die Welt, die von der medialen Präsenz von Vorbildern und einer „immer krasser werdenden Pornoindustrie“ geprägt ist: „Ich erkenne nur, wie sich mir die Welt darstellt: Es geht um Körperoptimierung, ganz viele Frauen lassen sich heute auch operieren. Diese ständige Arbeit am eigenen Körper zur Selbstoptimierung nehme ich ganz stark wahr. Jung bleiben, nicht altern können und dass man ab einem bestimmten Alter gar nicht mehr als Frau wahrgenommen wird gesellschaftlich, all diese Facetten spielen da mit rein, das gestaltet sich bei Männern tatsächlich ziemlich stark anders. Ich glaube, wir als Gesellschaft sind so weit, miteinander anders verhandeln zu können.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.