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Hochsaison für Wildunfälle

08.10.2022 • 20:13 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
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Im Schnitt kommen täglich 200 Tiere auf Österreichs Straßen ums Leben. Welche Gefahren es zu beachten gilt.

Wildunfälle passieren das ganze Jahr über. Im Herbst ist allerdings Hochsaison. Und das nicht nur, weil die Tage immer kürzer werden und während den Dämmerungszeiten viel Berufsverkehr herrscht. Aktuell sind die Tiere vermehrt unterwegs, um Nahrung zu suchen und sich so auf den kommenden Winter vorzubereiten (siehe unten). Das knapper werdende Nahrungsangebot zwingt die Lebewesen häufiger dazu, ihr Revier zu wechseln. Dabei nehmen sie instinktiv den kürzesten Weg zum Ziel und unterscheiden nicht, ob sie Straßen oder Feldwege betreten.

Wildbiologe Hubert Schatz informiert, wie sich die Tiere derzeit für die kalte Jahreszeit wappnen und was sie den Winter über machen. „Um zu überleben gibt es nur drei Möglichkeiten: Winterschlaf bzw. Winterruhe, wegfliegen wie die Vögel oder sich weiter täglich auf die Suche nach Nahrung begeben“, meint er. Vor allem aber sei Ruhe für die Tiere im Winter wichtig. Skitourengeher würden bei den Tieren zum Beispiel Stress auslösen.

<span class="copyright">hartinger</span>Wildbiologe Hubert Schatz.
hartingerWildbiologe Hubert Schatz.


Generell seien wir Menschen mit einer der Gründe, weshalb Wild auf den Straßen auftaucht, denn immer mehr Personen nutzen den Wald. Egal ob als Jogger oder für einen Spaziergang mit dem Hund. Wildtiere versuchen, solche Begegnungen zu vermeiden und flüchten. Jürgen Wagner, Pressesprecher des ÖAMTC Vorarlberg, klärt auf, was es aktuell auf den Straßen zu beachten gilt und wie man sich bei einem Unfall verhalten soll.

<span class="copyright">hartinger</span>ÖAMTC-Pressesprecher Jürgen Wagner
hartingerÖAMTC-Pressesprecher Jürgen Wagner


1. Wo und wann kreuzt Wild die Straße?

Die Wahrscheinlichkeit ist dort am größten, wo Lebensräume des Wildes nahe der Straße liegen. In der Regel also in Waldgebieten und Riedlandschaften. Da und speziell im Bereich von Wildwechsel-Warnschildern sollte man besonders aufmerksam und vorausschauend fahren. Außerorts zudem am besten das Fernlicht einschalten. Unbedingt auch daran denken, dass Wild oft in Rudeln unterwegs ist. Mit Wildwechsel ist vermehrt während den Dämmerungszeiten zu rechnen. Allerdings gilt, je weniger Verkehr, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, auf ein Wildtier zu treffen. Daher auch in der Nacht aufmerksam bleiben.

Wildwechsel-Warnschild.
Wildwechsel-Warnschild.


2. Was tun, wenn Wild auf der Fahrbahn auftaucht?

Sofort abblenden, vom Gas gehen und hupen. Keinesfalls sollte man die Lichthupe einsetzen. Das Wild wird dadurch irritiert. Beim Bremsen den Nachfolgeverkehr im Auge behalten.


3. Zusammenstoß oder Ausweichmanöver?

Grundsätzlich gilt nach der Straßenverkehrsordnung, dass ein Fahrzeuglenker nicht für den nachfolgenden Fahrer überraschend abbremsen darf. Zum Thema Bremsen sei die Rechtslage nicht ganz klar. Bei einem Zusammenstoß mit einem Wildschwein, Reh oder Hirsch rechtfertige die Gefahr für den Menschen eine Vollbremsung. Treffe man beispielsweise mit 50 km/h auf einen 20 Kilogramm schweren Rehbock, wirke eine halbe Tonne auf Fahrzeug und Fahrer, bei 100 km/h betrage die Aufprallwucht bereits zwei Tonnen. Oft werden die Tiere gegen Windschutzscheibe oder Autodach geschleudert. Bei Kleintieren wie Wildvögel oder Hasen kann eine Vollbremsung für den Nachfolgeverkehr gefährlicher sein als ein Zusammenstoß mit dem Tier. Bei einem Auffahrunfall riskiert man ein Mitverschulden. Und zwar auch dann, wenn der nachfolgende Fahrer zu wenig Abstand gehalten hat. Wenn ein Zusammenstoß unvermeidlich ist, unbedingt die Spur halten. Bei einem riskanten Ausweichmanöver sind die Unfallfolgen meist noch schlimmer.


4. Was tun, wenn es zum Unfall kommt?
Wildunfälle müssen gemeldet und Tiere dürfen auf keinen Fall mitgenommen werden. Nach einem Wildunfall gilt: Warnblinkanlage einschalten, Warnweste anlegen, Unfallstelle mit einem Pannendreieck absichern, eventuell verletzte Personen versorgen, Polizei oder örtliche Jägerschaft verständigen und die Tiere nicht berühren. Auch bei geflüchteten, verletzten Tieren muss die Jägerschaft informiert werden. Damit der zuständige Jäger sich auf die Suche nach dem verletzten Tier machen kann. Für die Kaskoversicherung wird eine polizeiliche Meldebestätigung des Unfalls benötigt. Der Unfall muss dafür aber umgehend gemeldet werden.


5. Wie viele Wildunfälle passieren jährlich?

Auf Österreichs Straßen kommen jährlich rund 75.000 Wildtiere ums Leben. Im Schnitt sind das 200 Tiere pro Tag. Um die 300 Personen werden im Durchschnitt bei solchen Unfällen verletzt. In Vorarlberg waren es im vergangenen Jahr drei Personen, Todesfälle gab es keine.

Damit sind die unterschiedlichen Tiere aktuell beschäftigt

Fuchs

Füchse sind im Winter in der Regel aktiv und halten keine Winterruhe. Die Paarungszeit fällt zudem auf die Monate Dezember und Jänner. Bei Schlechtwetterphasen zieht er sich auch mal für ein paar Tage in den Bau zurück. Auch er frisst sich im Herbst etwas Fett an, bleibt aber auch im Winter auf Nahrungssuche. Am liebsten ist er Fleischkost.

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Feldhase

Der Feldhase kann nur wenig Fett für den Winter anlegen und muss sich daher fast täglich auf die Suche nach neuer Nahrung machen. Zudem ist er oft Beute von anderen Tieren wie etwa dem Fuchs. Aus diesem Grund sieht und hört der Feldhase sehr gut. Im Winter isst er Zweige oder nagt an Rinden. Er hat weiters zwei Arten von Kot, eine davon kann er wieder aufnehmen und ein zweites Mal verdauen. Er lebt auch im Winter nicht in einer Höhle, sondern scharrt sich eine Mulde an einem geschützten Ort.

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Dietmar stiplsovsek

Reh

Rehe nehmen aktuell und schon seit dem Sommer viel mehr Nahrung zu sich als benötigt wird, um Körperfett anzulegen. Im Winter zehren sie dann von ihren Nahrungs- und Wasserreserven. Zur kalten Jahreszeit fahren sie den Stoffwechsel stark herunter, bewegen sich kaum und versuchen, so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Sie halten sich im Wald dort auf, wo sie Ruhe haben und klimatisch geschützt sind.

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Hartinger

Eichhörnchen

Die kleinen Nager vergraben im Sommer und Herbst Nahrungsvorräte wie Samen oder Nüsse für den Winter im Boden. Im Kobel, dem Nest des Eichhörnchens, wird aber keine Nahrung gelagert. Die Tiere halten keinen Winterschlaf, sondern eine Winterruhe. Das heißt, dass sie ihre Aktivität einschränken und den Energiebedarf senken. Mit Essen müssen sie sich aber trotzdem laufend versorgen.

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Igel

Aktuell fressen sich Igel noch einen Winterspeck an. Von November bzw. Dezember bis März halten die Tiere dann ihren Winterschlaf. Meist ohne Unterbrechung. Die Insektenfresser sind auf diese Form der Ruhe angewiesen, um bis im Frühling zu überleben und Energie zu sparen. Dafür eignen sich am besten Verstecke, in denen sie ungestört schlafen können. Zum Beispiel in dichten Hecken oder Laubhaufen an Waldrändern oder in Gärten.

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Dachs

Der Dachs hält eine Winterruhe, ähnlich wie der Bär. Er befindet sich in einer Art Winterschlaf, wird dazwischen aber immer wieder wach und verlässt seinen Bau – natürlich nur, wenn es die Witterung zulässt. Spätestens im Dezember verabschiedet er sich in die besagte Ruhe, um so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen. Er frisst sich, wie ein Großteil der anderen Waldbewohner, im Herbst etwas Reserven an. Generell ist der Dachs ein Allesfresser, hauptsächlich isst er aber vegetarisch.

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Eichelhährer

Viele Vogelarten fliegen über den Winter in den Süden. Der Eichelhäher gilt als Teilzieher. Das heißt: Nur manche Populationen ziehen dort hin, der Rest bleibt hier. Er versteckt jetzt im Herbst unter anderem mehrere 1000 Bucheckern, Eicheln oder Nüsse, um einen Vorrat für den Winter anzulegen. Einen großen Teil davon findet er auch wieder. Der, den er vergisst, trägt zur Vermehrung des Baumes bei.

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