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Ist die Angst vor einem Blackout übertrieben?

09.10.2022 • 12:38 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Ist die Angst vor einem Blackout übertrieben?
(c) apa/georg hochmuth

Hysterie oder reale Bedrohung? Die Meinungen sind geteilt.

Die Transformation zu einem nachhaltigen Energiesystem ist eine Mammutaufgabe. Bis 2040 wollen wir den gesamten Energieverbrauch – rund 300 Terawattstunden (TWh) – dekarbonisieren. Jedoch haben wir verabsäumt, diesen Prozess ganzheitlich zu steuern. Die Liberalisierung schaffte Effizienz, die Anreize für Versorgungssicherheit fehlten. Im Zuge der Energiewende wurden europaweit thermische Kraftwerke reduziert bzw. der Atomausstieg vorangetrieben – gleichzeitig erfolgte der Ausbau der Netzinfrastruktur, Speicher bzw. Erneuerbaren viel zu langsam. Dies führte zu Risiken: Das Fehlen u. a. der Salzburgleitung kostet uns zehn Millionen Euro monatlich, da Netzüberlastungen durch den Einsatz thermischer Kraftwerke nahezu täglich verhindert werden müssen.

Die europäische Vernetzung der Strominfrastruktur hilft, die Defizite zu „sanieren“. Die massive Störung im europäischen Stromsystem am 8. Jänner 2021 in Kroatien konnte durch europaweite Maßnahmen binnen Minuten behoben werden.

Die Herausforderungen der Netzbetriebsführung sind stark gestiegen. Deshalb müssen alle Maßnahmen zur Krisenabwehr permanent weiterentwickelt werden. Simulationen, internationale Schutz- und Betriebsführungskonzepte sowie die Digitalisierung ermöglichen es uns, wesentlich automatisierter und abgestimmter zu agieren.

Ein unerwarteter Störfall kann nie ausgeschlossen werden. Die Faktenlage verneint, dass ein Blackout wahrscheinlicher geworden ist: 99,99 Prozent Versorgungssicherheit für Österreich ist Weltklasse. Unsere Defizite liegen woanders: Wir sind zu langsam beim Umbau des Stromsystems und zahlen heute den gewaltigen Preis des Verzögerns. Als Folge haben wir fehlende Kapazitäten bei Erzeugung und Stromnetzen. Trockenheit führt zu reduzierter Produktion aus Wasser- bzw. Atomkraft und Stromsparen ist noch nicht im Bewusstsein der Menschen angekommen. Gepaart mit der geopolitischen Lage ist dies ein toxischer Cocktail, der nicht zwangsweise zum Blackout führt, jedoch zu Stromverknappung, Preissteigerungen und Unleistbarkeiten.

Wir sollten uns nicht vor einem Blackout fürchten: Bauen wir die Energieinfrastruktur aus, entledigen wir uns bürokratischer Hürden und sind wir stolz auf die sichtbaren Zeichen – Windräder, PV-Anlagen, Strommasten – der Energiewende! Hören wir damit auf, jeden Tag damit zu argumentieren, das etwas nicht geht! Werden wir zu einem Land der Gestalter! Am Spiel steht nicht ein Blackout, sondern das Ende unseres Wohlstandsmodells.

Zur Person

Gerhard Christiner ist seit 2012 Technischer Vorstand der Austrian Power Grid, die das überregionale österreichische Stromnetz betreibt. Einer seiner Schwerpunkte ist die grenzüberschreitende regionale Kooperation für Systemsicherheit.

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Sonstiges

Die EU-Kommission hat diese Woche vor möglichen Blackouts im kommenden Winter gewarnt. Das Grundproblem: Der Begriff Blackout wird häufig sehr unterschiedlich verwendet: bei normalen Stromausfällen über geplante oder ungeplante Lastabwürfe, um ein wirkliches Blackout zu verhindern bis hin zu einem überregionalen und länger andauernden Strom-, Infrastruktur- sowie Versorgungsausfall.

Letzteres wird häufig als sehr unwahrscheinlich abgetan, oder als Angstmacherei bezeichnet. Gleichzeitig ist es eines der gefährlichsten Szenarien, die wir derzeit kennen. Da es zum Glück noch kein solches Ereignis in Europa gab, meinen viele, das sei daher unmöglich, was aber schlichtweg falsch ist. Es gibt kein hundertprozentig sicheres System. Schon gar nicht in Zeiten großer Unsicherheiten und der größten Energiekrise seit Jahrzehnten. Wir sind heute völlig von vernetzten Systemen, wie von der Strom-, Gas- oder Logistikversorgung abhängig. Das scheint von jenen, die eine Vorsorge als unnötig abtun, noch nicht realisiert worden zu sein.

Angst ist immer ein schlechter Berater und nicht dazu geeignet, vernünftig zu handeln. Die Auseinandersetzung mit dem Szenario Blackout ist sicher aufrüttelnd und manchmal auch schockierend, wenn man sich einmal der vielschichtigen Abhängigkeiten und damit auch der eigenen Verwundbarkeit bewusst geworden ist.
Gleichzeitig können wir mit einem sehr kleinen Aufwand unsere eigene Selbstwirksamkeit und Sicherheit erhöhen. Diese ist auch Voraussetzung, damit die Mitarbeiter in der kritischen Infrastruktur oder Lebensmittelversorgung wieder nach dem Stromausfall rasch in die Arbeit kommen und die Produktion und Warenverteilung hochfahren. Derzeit schafft es aber nur rund ein Drittel der Bevölkerung, sich zumindest länger als eine Woche selbst zu versorgen, also bevor noch die Versorgung wieder anlaufen wird können.

Es kann jedoch niemand Millionen Menschen versorgen, wenn nichts funktioniert. Daher ist es grob fahrlässig, wenn in Zeiten großer Unsicherheiten die Gefahr eines Blackouts oder großer Lieferkettenprobleme heruntergespielt wird. Damit wird den Menschen die Handlungsfähigkeit genommen.
Eine Basisvorsorge ist nicht nur überlebenswichtig, sondern auch die wichtigste Voraussetzung für eine resiliente Gesellschaft. Jede und jeder von uns sollte sich daher zumindest 14 Tage selbst versorgen können! Mach mit! Österreich wird krisenfit!

Zur Person

Herbert Saurugg ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge und Blackout-Experte. Davor war er 15 Jahre lang Berufsoffizier. Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem Ausfall des europäischen Stromversorgungssystems.

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