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Wie verwundbar ist die deutsche Infrastruktur?

10.10.2022 • 17:07 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Wie verwundbar ist die deutsche Infrastruktur? Der Zugverkehr im Norden Deutschlands stand wegen durchtrennter Kabel still
Wie verwundbar ist die deutsche Infrastruktur? Der Zugverkehr im Norden Deutschlands stand wegen durchtrennter Kabel still APA/AFP/JOHN MACDOUGALL

Sabotageakt legt den Bahnverkehr im Norden Deutschlands lahm.

Zunächst war es nur ein Raunen zwischen dem Bahnpersonal im ICE von Mannheim nach Hamburg. Dann kam vor dem Bahnhof Bochum über Bordlautsprecher die offizielle Durchsage: “Der Bahnverkehr von und nach Hamburg ist vorerst eingestellt.” Was viele zunächst für einen schlechten Scherz hielten, war Wirklichkeit: Mehr als drei Stunden ruhte der Bahnverkehr im Norden Deutschlands. Das war am Samstag. Am Montag teilte die Polizei in Bochum mit, sie gehe von einer “politisch motivierten Tat aus”. Noch deutlicher äußerte sich Bundesverkehrsminister Volker Wissing von der FDP: Seit Beginn des Ukraine-Krieges “sind die Infrastrukturen ins Visier vieler Täter geraten”, sagte er. Der Staatsschutz ermittelt. Offiziell in alle Richtungen.
Zwar halten sich die Ermittler noch bedeckt. Dieses Mal lässt das

Vorgehen jedoch Insiderwissen und eine größere logistische Planung vermuten. So wurde zunächst ein Glasfaserkabel im nordrhein-westfälischen Herne durchgetrennt, es lag verborgen in einem Schacht, den eigentlich nur das Wartungspersonal kennt. Vier Stunden später wurde in Berlin-Hohenschönhausen ein weiteres Kabel gekappt, das als Back-up funktionierte. Damit war der gesamte interne Funkverkehr der Deutschen Bahn für Norddeutschland lahmgelegt.

Was kommt da noch?

Nun fragt sich Deutschland irritiert, was noch kommen kann. Die Anschläge auf die Erdgasverbindungen Nord Stream 1 und 2 hat gezeigt, was technisch möglich ist. Noch sind die Urheber unklar. Aber viele in den Sicherheitsapparaten deuteten das als dezenten Hinweis, dass der Krieg in der Ukraine mit anderen Mittel entgrenzt werden könne. Strom- und Wasserverbindungen sind in Deutschland in privater Hand, sie werden recht gut geschützt.

Anders sieht es mit Bahngleisen aus. “Wir haben 34.000 Kilometer Schienennetz in Deutschland. Dass man das nicht lückenlos mit einer ständigen Präsenz überwachen kann, ist klar”, gestand Verkehrsminister Wissing. Andere urteilen härter: “Die letzten drei Bundesregierungen haben diesen Bereich in einer empörenden Art und Weise vernachlässigt”, warnte der Grünen-Politiker Konstantin von Notz schon im Sommer vor deutschen Nachlässigkeiten bei der Cybersicherheit. Der einflussreiche Europaparlamentarier Andreas Schwab (CDU) organisierte vor Jahren schon in Brüssel ein Hintergrundgespräch zum Thema mit einem deutschen Sicherheitsexperten. Tenor: Es laufen viele Attacken. Aber niemand will darüber reden. Unternehmen fürchten ein schlechtes Image.


In Deutschland sortiert man sich erst einmal nach dem Bahnschreck vom Wochenende. “Wir haben keine Hinweise auf die Urheberschaft”, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD). Doch deuten sich erste personelle Konsequenzen an. Arne Schönbohm, Präsident des Bundesamts für Sicherheit und Informationstechnik (BSI) steht vor der Ablösung.

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