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„Darf unterrichten, aber nicht an Ausbildung teilnehmen“

11.10.2022 • 16:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Zu Schulbeginn wurden an Vorarlberger Pflichtschulen 131 und an höheren Schulen 44 Quereinsteiger angestellt. <span class="copyright">symbolbild apa/Schneider</span>
Zu Schulbeginn wurden an Vorarlberger Pflichtschulen 131 und an höheren Schulen 44 Quereinsteiger angestellt. symbolbild apa/Schneider

Quereinsteiger an Schule bemängelt Hindernis, um einen besseren Vertrag zu bekommen.

Quereinsteiger unterrichten seit mehreren Jahren an Vorarlbergs Schulen, für das heurige Schuljahr aber wurden mehr als sonst angestellt, weil der Lehrermangel immer eklatanter wird. Um möglichst viele Menschen zu bewegen, am Lehrerpult Platz zu nehmen, wurden die Regeln für den Quereinstieg erleichtert. So besteht seit dem heurigen Schuljahr die Möglichkeit, nicht mit einem Sondervertrag angestellt zu werden. Der Sondervertrag beinhaltet Schlechterstellungen wie eine befristete Anstellung oder zehn Prozent weniger Gehalt, als ihn ein Lehrer mit denselben Erfahrungsjahren bekommt. Bildungsminister Martin Polaschek verkündete im Sommer öffentlich das Aus des Sondervertrages, erwähnte in der Öffentlichkeit jedoch nicht, dass es an bestimmte Bedingungen geknüpft sein würde. Diese sind: ein abgeschlossenes Hochschulstudium, drei Jahre Berufserfahrung nach diesem Studium und die Absolvierung einer berufsbegleitenden Ausbildung.

Heiko Richter von der Bildungsdirektion. <span class="copyright">Land Vorarlberg/Serra</span>
Heiko Richter von der Bildungsdirektion. Land Vorarlberg/Serra

Soweit die Situation am Papier. Wie das in der Praxis aussehen kann, berichtet ein 29-jähriger Quereinsteiger, der sich in der Öffentlichkeit nicht als solcher zu erkennen geben und deshalb anonym bleiben möchte. Um einen normalen Vertrag zu erhalten, müsse er – so habe es ihm das Land Vorarlberg mitgeteilt – den Hochschullehrgang „Quereinstieg Lehramt Sekundarstufe in einem Unterrichtsfach“ an der PH Feldkirch absolvieren. Er begann im September mit dem Lehrgang, wurde nun jedoch darüber informiert, dass er damit aufhören muss, weil ihm die drei Jahre Berufserfahrung nach seinem abgeschlossenen Hochschulstudium fehlen. „Das heißt, man darf zwar ohne Berufserfahrung unterrichten, aber nicht an der berufsbegleitenden Ausbildung teilnehmen“, wundert sich der Junglehrer an einer Mittelschule im Oberland. Berufserfahrung hätte er eh, allerdings hat er diese vor seinem Studium gesammelt. Nun heißt es für ihn, nach November mit der Ausbildung aufzuhören.

Grundlegender Einstieg

Jeder Quereinsteiger, auch einer mit Sondervertrag, muss aber im ersten Jahr seiner Tätigkeit einen grundlegenden Einstieg, die sogenannte Induktionsphase, absolvieren. Die ers­ten drei Monate des Lehrgangs „Quereinstieg Lehramt“, an dem der 29-Jährige noch teilnimmt, gelten als Induktionsphase – deshalb darf er bis Dezember dabeibleiben. Ein bisschen kompliziert, das Dienstrecht für Quereinsteiger.
Nicht einfach ist nun auch die Situation für den 29-Jährigen: „Ich möchte weiterhin unterrichten, weil mir die Arbeit gefällt. Aber ich bin enttäuscht, wie mit mir umgegangen wird.“ Er gibt auch zu bedenken: Wenn es – vielleicht in 15 Jahren – einen Lehrerüberschuss geben würde, würde er als Quereinsteiger wohl als einer der ersten seinen Job verlieren. „Könnte ich die berufsbegleitende Ausbildung machen, wäre ich ein richtiger Lehrer“, sagt er.

Gesetzlich festgelegt

Als die NEUE der Bildungsdirektion das Problem des 29-Jährigen schildert, erklärt deren Sprecherin, Elisabeth Mettauer-Stubler: Die Bedingungen, um einen normalen Vertrag zu erhalten, seien gesetzlich festgelegt. Der Sondervertrag habe früher zudem schlechtere Bedingungen enthalten als jetzt. Auf die Frage, weshalb es eine dreijährige Berufserfahrung nach dem Studium brauche, antwortet Heiko Richter, Leiter des Projektes „Arbeitsplatz Schule“ von der Bildungsdirektion: „Zuerst kann ich mitteilen, dass die Dauer auf 1,5 Jahre verkürzt wird, solange es einen erhöhten Lehrerbedarf gibt.“ Dann fährt er fort: Die Motivation hinter der Berufspraxis sei der Mehrwert, den eine Person mit Berufserfahrung aus einem anderen Bereich in das Schulsystem einbringe. Diese Erfahrung könne für Schüler sehr wertvoll sein. Zudem solle zwischen dem vollständigen Lehramtsstudium und einem facheinschlägigen Studium mit engem Bezug zum Lehrfach differenziert werden, „da der Standard weiterhin das Lehramtsstudium bleiben soll“, so Richter. Generell ist er aber nicht dafür, Hindernisse für Quereinsteiger einzubauen, denn: „Wir haben großes Interesse, gutes Personal für die Schulen zu bekommen.“

Bettina Roy von der PH Feldkirch. <span class="copyright">PH Feldkirch</span>
Bettina Roy von der PH Feldkirch. PH Feldkirch

Bettina Roy, die Leiterin des betreffenden Studiengangs, an dem der 29-jährige Quereinsteiger noch teilnimmt, sagt zu der Thematik: Der Studiengang werde zum ersten Mal an der PH Feldkirch durchgeführt. „Da dieser Lehrgang recht kurzfris­tig vom Bund beschlossen wurde, stehen nach wie vor noch nicht alle Regelungen fest. Das gilt auch für die Aufnahmekriterien“, so Roy. Darüber habe sie die Teilnehmenden vorab aber informiert. Sie betont zudem: Der PH, aber auch der Bildungsdirektion, sei es wichtig, Quereinsteigende gut auf dem Weg in den Beruf des Lehrenden zu begleiten.

Nicht plausibel

Für den 29-jährigen Quereinsteiger sind die Argumente von PH und Bildungsdirektion nicht einleuchtend. Er fragt sich, weshalb eine Berufserfahrung vor dem Studium weniger zählt als die geforderte Erfahrung nach dem Studium. „Ich hoffe, der Bildungsminister äußert sich noch zu dem Thema und Quereinsteiger wie ich können den Studiengang weiterführen.“

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