Allgemein

Größe ist nicht immer Trumpf

15.10.2022 • 20:59 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Susanne Rauch-Zehetner.     <span class="copyright">hartinger</span>
Susanne Rauch-Zehetner. hartinger

Susanne Rauch-Zehetner, Sprecherin für Ein-Person-Unternehmen, im Gespräch.

Inwiefern können Statistiken Sie in Ihrer Arbeit als EPU-Sprecherin unterstützen? Wozu sind die Statistiken gut, und wo braucht es den Blick dahinter?
Susanne Rauch-Zehetner: Statistiken liefern uns ein umfassendes und objektives Bild der Unternehmerlandschaft. Sie sind die Basis für gezielte Maßnahmen in der Interessenvertretung und im Service für Ein-Personen-Unternehmen. Natürlich braucht es auch einen Blick hinter die Statistik: Wo drückt der Schuh, welche Megatrends beeinflussen Wirtschaft und Gesellschaft, welche Chancen bieten sich für Kleinunternehmen? Daher ist für mich als EPU-Sprecherin der Wirtschaftskammer der persönliche Austausch mit anderen Unternehmerinnen und Unternehmern unerlässlich.

Zur Person

Susanne Rauch-Zehetner

Akademischer Mentalcoach und Supervisorin.

WKV: Fachgruppenobfrau Personenberatung und Personenbetreuung, Spartenobmann-Stellvertreterin Gewerbe und Handwerk, EPU-Sprecherin

Können Sie die Zahlen aus Ihrer Erfahrung bestätigen, oder haben Sie in der Praxis andere Eindrücke?
Rauch-Zehetner: Ich bin selbst seit 23 Jahren mit Leib und Seele Ein-Personen-Unternehmerin. EPU zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie in einem Netzwerk von Kommunikation und Information leben. Insofern beobachte ich in den verschiedenen Netzwerken, in denen ich mich bewege, wie viele andere EPU es gibt und wie vielfältig, innovativ und kreativ deren Geschäftsideen und Spezialisierungen sind.

Was sagen die Zahlen aus, und was sagen sie nicht aus?
Rauch-Zehetner: In statistischen Zahlen lässt sich keine Emotion abbilden. Dabei steckt in Ein-Personen-Unternehmen sehr viel Emotion: Begeisterung für das eigene Business, Mut zum Risiko, Freude am selbstständigen Arbeiten.

Welche Zahlen, die interessant wären, werden nicht erhoben?
Rauch-Zehetner: Vielleicht eine Art Index für Unternehmergeist? Da würden die heimischen Ein-Personen-Unternehmer und -unternehmerinnen den mittelständigen Unternehmern und Großunternehmen sicher in nichts nachstehen.

Welche EPU werden bei der Erhebung der Gesamtanzahl berücksichtigt?
Rauch-Zehetner: Als Interessenvertretung der gewerblichen Wirtschaft erheben wir die Situation von Ein-Personen-Unternehmen, die der gewerblichen Wirtschaft zuzuordnen sind. Natürlich gibt es darüber hinaus auch weitere Ein-Personen-Unternehmer – beispielsweise aus dem Bereich der Freien Berufe, der Landwirte oder der sogenannten „Neuen Selbstständigen“. Daher gibt es in Vorarlberg aktuell weit mehr als die genannten 13.634 EPU.

Warum sind Gewerbe und Handwerk die am stärksten vertretene Sparte?
Rauch-Zehetner: Die Sparte Gewerbe und Handwerk hat eine hohe Gründungsdynamik und bietet mit ihren vielen Berufen natürlich auch sehr viele Möglichkeiten, um innovative und spannende Geschäftsideen zu verwirklichen. Neben Branchen wie Fußpflegern, Kosmetik, Masseure, Kunsthandwerk, Fotografen und Film und Musik gibt es besonders viele EPU im Bereich von persönlichen Dienstleistungen wie zum Beispiel Humanenergetik oder in der Personenbetreuung (24-Stunden-Betreuung).

Warum sind die meisten Ein-Personen-Unternehmer zwischen 50 und 60 Jahre alt?
Rauch-Zehetner: Das überrascht, nicht wahr? EPU sind deshalb so erfolgreich mit ihren Geschäftsideen, weil sie auf Erfahrung und auf ihr Wissen aus langjährigen Berufskarrieren bauen, bevor sie den Sprung in die Selbständigkeit wagen. Außerdem ist die Unternehmensform des Ein-Personen-Unternehmens – also ein Unternehmen, das nur aus der Person des Unternehmers oder der Unternehmerin besteht und keine weiteren Mitarbeitenden hat – für die meisten EPU eine dauerhafte Unternehmensform. Sie definieren den Erfolg ihres Business nicht anhand von Faktoren wie der Anzahl an Mitarbeitenden oder Umsatzsteigerungen. Für sie ist auch die Qualität ihrer Dienstleistung ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Größe ist nicht immer Trumpf. Und: EPU tragen wesentlich zur Leistungsfähigkeit der heimischen Wirtschaft bei.

Was sind die Unterschiede in den Bezirken?
Rauch-Zehetner: Prozentual hat der Bezirk Feldkirch mit einem EPU-Anteil von 58,2 Prozent die Nase vorne, Dornbirn liegt mit einem EPU-Anteil von 52,4 Prozent an letzter Stelle der Bezirke im Land. Offenbar fühlen sich EPU im Bezirk Feldkirch am wohlsten. Tatsächlich ist es aber vor allem so, dass im Bezirk Dornbirn überdurchschnittlich viele Arbeitgeberbetriebe angesiedelt sind und der EPU-Anteil dadurch etwas geringer ausfällt.

Welche Zahlen haben sich coronabedingt geändert?
Rauch-Zehetner: Was ganz besonders auffällt, ist die Einstellung der EPU zur fortschreitenden Digitalisierung. Hier haben die Erfahrungen während der Lockdowns, als viele EPU auf digitale Tools in der Kommunikation, im Vertrieb, in der Dienstleistungserbringung ausweichen mussten, um überhaupt am Markt bestehen zu können, einen spürbaren Schub bewirkt. 50 Prozent aller EPU haben nach Covid die Möglichkeiten der Digitalisierung für das eigene Unternehmen als Chance identifiziert und bereits umgesetzt. Vor der Krise war man noch deutlich skeptischer in Bezug auf digitale Optimierungsmöglichkeiten.

Ab kommender Woche werden wieder Ein-Person-Unternehmen in der NEUE am Sonntag von sich und ihrem Business erzählen.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.