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„Lohn-Preis-Spirale ist ein Schwachsinn“

15.10.2022 • 21:10 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Der designierte AK-Präsident Bernhard Heinzle.                                 <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Der designierte AK-Präsident Bernhard Heinzle. Klaus Hartinger

Am 3. November soll Bernhard Heinzle zum neuen AK-Präsidenten gewählt werden. Ein Gespräch.

Sie treten das Amt des AK-Präsidenten in einer Zeit an, in der es auf der einen Seite eine niedrige Arbeitslosigkeit, auf der anderen eine massive Teuerung gibt. Wie schwierig ist die Situation für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer derzeit?
Bernhard Heinzle: Jedenfalls herausfordernd.

Was heißt das?
Heinzle: Schwierig mit der Unsicherheit nach Corona, mit der Teuerung, mit der Energiefrage. Andererseits gibt es steigende Löhne, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden gebraucht. Die Qualifizierung muss aber erhöht werden. Die Quote bei der Erwerbstätigkeit von Frauen sollte erhöht werden, gleichzeitig fehlt es an Kinderbetreuung. Es ist auf jeden Fall für alle eine herausfordernde Zeit.

Wie hat sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahrzehnten verändert?
Heinzle: Wenn es heißt, früher war alles besser, stimmt das nicht. Früher gab es auch Herausforderungen, andere. Die Digitalisierung hat extrem zugenommen, der Wandel der Arbeitswelt hat extrem zugenommen. Insgesamt ist der Druck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die Leistung zu erhöhen, größer geworden.

Also größer, als er war?
Heinzle: Das glaube ich schon. Es ist auch der Druck auf junge Menschen gestiegen, für die es finanziell kaum mehr möglich ist, ein Eigenheim zu schaffen.

Bernhard Heinzle 2014 mit dem aktuellen AK-Präsidenten Hubert Hämmerle – in der Mitte Marcel Gilly (GPA).   <span class="copyright">Neue-Archiv/Mathis</span>
Bernhard Heinzle 2014 mit dem aktuellen AK-Präsidenten Hubert Hämmerle – in der Mitte Marcel Gilly (GPA). Neue-Archiv/Mathis

Stichwort junge Menschen: Es ist immer wieder die Rede davon, dass für Jüngere die sogenannte Work-Life-Balance immer mehr an Bedeutung gewinnt. Wollen die Jungen nicht mehr arbeiten?
Heinzle: Doch, ich bin überzeugt, dass sie arbeiten wollen. Die Frage ist: Kann ich die Ziele mit meiner Arbeit erreichen? Und wenn ich erkenne, ich kann gar nicht so viel arbeiten, dass ich mir jemals eine Wohnung mit derartigen Mietpreisen leisten kann oder Eigentum schaffen, dann ist die Frage, wieso soll ich noch mehr arbeiten, wieso soll ich Überstunden machen, wenn ich mir nicht einmal mehr ein Auto leisten kann? Das Zweite ist, die Jungen erleben ihre Eltern- und Großelterngeneration und fragen sich, was ist der Sinn des Lebens? Ist es nur arbeiten und zu warten, bis ich in Pension kann? Das wird sicher öfters hinterfragt als vor 30, 40 Jahren.

Bei der vorherigen Generation war das anders?
Heinzle: Also für meine Generation, ich bin Jahrgang 1976, war ohne darüber zu reden klar: Wir machen eine Ausbildung, eine Lehre, ein Studium. Anschließend gründen wir eine Familie, schaffen ein Eigenheim, werden ein Leben lang arbeiten und dann in Pension gehen.

Und dieses Modell funktioniert nicht mehr?
Heinzle: Ob dieses Modell heute noch funktioniert, bin ich mir nicht sicher.

Bernhard Heinzle im Jahr 2010.   <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Bernhard Heinzle im Jahr 2010. Klaus Hartinger

Sie haben vom kaum mehr zu erwerbendem Eigenheim gesprochen: Die AK hat sich immer wieder zum Thema leistbares Wohnen geäußert. Werden Sie das auch tun, wobei, mehr als appellieren und vorschlagen können Sie ja nicht, oder?
Heinzle: Wir können appellieren und vorschlagen. Wir haben das Land gebeten, sie sollen bitte Grundstücke kaufen, denn sonst ist es so, dass zehn große Unternehmer das Land zusammenkaufen. Das können wir inzwischen auch nachweisen. Das Land soll dann diese Flächen als Pacht zur Verfügung stellen. Denn sonst ist es nicht mehr möglich, dass sich junge Menschen ein Eigenheim leisten können. Das machen dann einige Bauträger unter sich aus. Das Interessante ist, dass das mittlerweile auch Arbeitgeber erkennen: Wenn meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kein Interesse mehr haben, Überstunden zu machen, am Wochenende zu arbeiten oder überhaupt in Vorarlberg zu arbeiten, weil hier „nichts mehr“ leistbar ist, dann werden sie ins Ausland oder in den Osten gehen.

Derzeit laufen die Metaller-KV-Verhandlungen. Was wäre für Sie ein fairer Abschluss?
Heinzle: Ein fairer Abschluss ist die Inflation, die rollierende Inflation – das heißt der letzten zwölf Monate – plus eine Beteiligung an den unglaublichen Gewinnen, die die Arbeitgeber gemacht haben. Wir gönnen sie ihnen auch, aber da sollte schon auch was für die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer abfallen.

Wie hoch wäre ein fairer Abschluss in Prozent?
Heinzle: Jedenfalls über der Inflation. Die Verhandlungen laufen. Spannend ist sicherlich der Unterschied zwischen den Branchen: Metall, dem Sozial- und Pflegebereich und beispielsweise dem Handel. Aber einen Prozentsatz zu sagen, ist für mich wahnsinnig schwierig.

Wobei zuletzt auch große Metaller-Betriebe im Land auf die Bremse gestiegen sind. Was heißt das für die Verhandlungen?
Heinzle: Es gibt eine gewisse Abkühlung. Die Sozialpartner haben aber vorgesorgt, wie auf solche Situationen reagiert werden kann. Natürlich wird das bei den Verhandlungen thematisiert. Aber es ist auch ganz üblich, dass es am Anfang des Jahres der Industrie wahnsinnig gut geht und mit dem Start der KV-Verhandlungen wahnsinnig schlecht. Das ist ein Spiel, das seit Jahrzehnten so abläuft.

Sind diese jährlichen, öffentlich zelebrierten Inszenierungen und Spielchen bei den Verhandlungen nicht aus der Zeit gefallen?
Heinzle: Ich bin einer derjenigen, der sagt, ist das notwendig, können wir nicht schneller zur Sache kommen? Es gibt auf beiden Seiten, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite, welche, die sagen, können wir diese KV-Verhandlungen nicht anders gestalten? Es haben beide Seiten noch nicht die optimale Lösung gefunden. Wenn eine Seite sich bewegt, zelebriert die andere und umgekehrt. Das ist ein Teil unserer Geschichte und unserer Kultur – mit all ihren Vorteilen und auch Nachteilen.

Zur Person

Bernhard Heinzle

Geboren am 22. Jänner 1976 in Feldkirch, Lehre als Werkzeugmaschineur bei Elko König Rankweil, Jugendvertrauensrat und Betriebsrat. Seit 2000 bei der GPA, seit 2006 GPA-Landesgeschäftsführer, seit 2015 Mitglied der Bundesgeschäftsführung.

Seit 1999 Kammerrat, seit 2011 AK-Vizepräsident.

Lebt in Feldkirch, zwei Töchter.

Sehen Sie die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale, vor der immer wieder gewarnt wird?
Heinzle: Ich kenne Schwachsinn, aber das mit der Lohn-Preis-Spirale ist eine der größten Schwachsinnigkeiten. Fakt ist, wenn Preise erhöht werden, dann geben dies Wirtschaft, Handel, die Industrie sofort an die Kunden weiter, und ganz am Ende der Kette ist immer der Kunde, und die Kunden sind nun mal die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen und die Konsumenten und Konsumentinnen. Sie können die Preise nicht weitergeben. Somit – und das müsste jedem, auch Wirtschaftsliberalen klar sein – wenn ich die Kaufkraft nicht erhalte, dann werden wir in Österreich­ und in Europa ein Problem haben. Die Arbeitgeber müssen mir erklären, wie das sein kann, dass sie die Preise weitergeben können und die Kunden das am Schluss alles bezahlen. Übrigens: Was wir aktuell haben, ist eine Gewinn-Preis-Spirale bzw. eine Spekulations-Preis-Spirale. Stichwort „Gierflation“.

Derzeit ist Heinzle noch GPA-Landesgeschäftsführer.   <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Derzeit ist Heinzle noch GPA-Landesgeschäftsführer. Klaus Hartinger

Was werden die ersten Punkte sein, die Sie als AK-Präsident angehen werden bzw. wo werden Sie Ihre Schwerpunkte setzen?
Heinzle: Das ist sicher die Qualifizierung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Bei den Arbeitsbedingungen für Frauen gerade auch im Hinblick auf Kinderbetreuung muss das Tempo der Politik erhöht werden. Mein Vorteil ist, ich habe gute Kontakte zu den anderen Arbeiterkammern, zu den Gewerkschaften, ich kenne das Wiener Parkett, und das werde ich voll einbringen.

Wo werden Sie sich von Ihrem Vorgänger Hubert Hämmerle unterscheiden bzw. werden Sie sich überhaupt unterscheiden?
Heinzle: Der größte Unterschied ist mein Vorwissen als Arbeitnehmervertreter. Ich benötige keine Einarbeitungszeit.

Und inhaltlich?
Heinzle: Inhaltlich, dass ich noch mehr Augenmerk auf die Veränderung der Arbeitswelt lege. Da wollen wir auch die Serviceleistungen der Arbeiterkammer so schnell wie möglich noch mehr ausbauen, besonders auch in der Digitalisierung. Das bedeutet in Zukunft noch mehr Serviceangebote digital.

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