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Die Allegorie vom Zahnarzt

17.10.2022 • 13:21 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
UE-Kopfkino, Heidi Salmhofer. <span class="copyright">NEUE</span>
UE-Kopfkino, Heidi Salmhofer. NEUE

Heidi Salmhofer mit ihrer Sonntags-Kolumne in der Neue am Sonntag.

Kurz nachdem mein Erinnerungsvermögen einsetzt, ist mir mein erster Zahnarztbesuch gewahr. Irgendwo im tiefsten Burgenland wurde mir, wegen meines stattlichen Milchzahngebisses, ein Zahn entfernt, um Platz zu schaffen für das, was da noch nachkommen könnte. Wie sich im Laufe der Zeit herausstellte, war das, was nachkam, erstaunlich und erforderte langjährige zahnärztliche Behandlung.

Überschlagsmäßig gerechnet befindet sich etwa eine 40 Quadratmeter Eigentumswohnung in der Südsteiermark in meinem Mund. Meine Zahnwurzelformation der zweiten Zähne ist so dermaßen speziell, dass sie schon die Augen manch Röntgenbildbetrachtender zum Glänzen gebracht haben. Ein Zahnarzt in Niederösterreich lächelte einmal glücklich und meinte, dass man über so etwas einmal auf der Uni gelehrt hat, aber es ein Lottogewinn sei, es einmal real sehen zu dürfen. Das alles prasselte er fröhlich auf mich hernieder, während ich mit weit aufgerissenem Mund den dritten Versuch einer Wurzelbehandlung über mich ergehen ließ. Mein Frohsinn hielt sich in Grenzen.

Für mich ist das eine der perfektesten Allegorien zum Thema Blickwinkel. Nur weil etwas für mich richtig doof ist, heißt es noch lange nicht, dass es für andere ebenso ist. Oder eben umgekehrt. Runtergebrochen meint es, meine Realität ist nicht zwangsläufig die Realität eines anderen. Was man dabei aber nie auslassen sollte, ist der Versuch, sich in das Gegenüber hinein zu versetzen. Es ist für mich wirklich ein wenig grauslich gewesen, als ein Zahnarzt jubelnd mein Röntgenbild betrachtet hat, während ich kurz davor war, einen weiteren Zahn zu verlieren. Mir ist dieser Vergleich eingeschossen, weil ich auch öfters dazu neige, meine Wahrheit auf andere Personen umzulegen. Das, was ich für mich als normal ansehe, wie ich mich etwa in bestimmten Situationen verhalte und ich dadurch unbewusst oder bewusst von anderen selbiges erwarte, heißt noch lange nicht, dass ich recht damit habe. Sei es, wie schnell man auf Mails zu reagieren hat, bis hin zu, wie man eine gute Partnerschaft führt. Jeder Mensch hat seine eigene Wirklichkeit. Toll ist es, wenn sich ähnliche „Wirklichkeiten“ treffen. Übrigens: Niemand sonst in meiner Familie hat dieses Zahnzeug, aber zack, Heidi hat es geschafft, dieses anatomische Phänomen an ihre zwei Mädels weiterzuvererben. Ich hoffe, sie werden bis zum Erwachsensein auch noch ein paar gute Eigenschaften von mir mitnehmen. Übrigens! Mädels! Zähneputzen! Das ist eine unantastbare Realität ohne verschiedene Perspektiven.

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