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„Das Leben liefert immer ab“

18.10.2022 • 21:38 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Der Comedian Michi Buchinger <span class="copyright">Dominik Pichler</span>
Der Comedian Michi Buchinger Dominik Pichler

Am Mittwoch ist der Comedian Michael Buchinger mit seinem zweiten Kabarett-Programm erstmals in Vorarlberg zu erleben.

Das neue Programm heißt „Ein bisschen Hass muss sein“. Wieso hast du dich für den Hass entschieden und was kann das Publikum erwarten?
Michi Buchinger: Ich habe mich für den Hass entschieden, weil es ein sehr polarisierendes Wort ist. Ich hab das Gefühl, ganz viele Comedians sprechen auch über Dinge, die sie nicht mögen, aber die betiteln sie meistens nicht als Hass. Ich glaub, ich hab das im Jahr 2013 angefangen, dass ich auf Youtube damals sehr viel über Hass gesprochen habe und dann ist das hängen geblieben. Ich werde sehr viele Situationen aus meinem Alltag schildern, die zwar mich persönlich betreffen und aus meinem Leben kommen, aber ich glaub, dass sich da ganz viele Leute wiedererkennen werden.

Wo fängt Hass für dich an?
Buchinger: Hass fängt für mich in jeder Situation an, wo ich mich so fühle, als wäre mein Gegenüber jetzt nicht wahnsinnig rücksichtsvoll. Vielleicht ist Hass dann ein bewusst übertriebenes Wort, ich verwende es natürlich für Dinge, die ich sehr nervig finde. Wenn man meinen Hass runterreduzieren müsste, dann sind es immer die anderen Leute, die sich so verhalten, dass ich mir dabei blöd und unhöflich behandelt vorkomme. Die Rücksichtslosigkeit ist das, was mich ganz oft nervt. In meinem Programm schildere ich ­Situationen, wo mich vielleicht jemand auf meine Sexualität reduziert oder mir blöde Fragen zu meiner Beziehung stellt.

Du beschäftigst dich sehr intensiv mit negativen Dingen …
Buchinger: Ich mein damit nervige Situationen und suche mir die ja nicht gezielt aus, sondern hab das Gefühl, das Leben liefert immer ab. Ich gehe jetzt nicht bewusst in Situationen, die ich anstrengend finde, sondern es passiert halt einfach. Natürlich, die meisten Leute würden sich denken: Ok, Schwamm drüber, aber nein, ich mach das zum Thema und spreche das öffentlich aus und ich glaub, das gefällt vielen Menschen ganz gut.

Du zählst vor allem bei der jüngeren Generation zu den beliebtesten österreichischen Kabarettisten der heutigen Zeit. Was macht dich für Junge so interessant und lustig?
Buchinger: Ich bin mir gar nicht sicher, woran es liegen mag, vielleicht auch daran, dass ich für die (Jungen) ganz leicht zu erreichen bin, weil ich jetzt eben seit über zehn Jahren die sozialen Medien bespiele. Wenn jemand gratis Unterhaltung haben möchte, dann weiß er ganz genau, er oder sie kann meinen Podcast hören, meine Instagram-Reels oder meine Youtube-Videos schauen. Ich habe im Jahr 2009 damit angefangen, Dinge im Internet zu veröffentlichen und es gibt einfach Stunden und Aberstunden an Buchinger-Content, den man sich online anschauen kann.

Du schreibst das Programm also nicht speziell für ein junges Publikum?
Buchinger:
Ich schreib mir von der Seele, was mich beschäftigt und gut, ich bin jetzt 29, ich glaub schon, dass das dann Themen sind, die Leute tangieren, die in einem ähnlichen Alter sind. Natürlich ergibt es Sinn, dass wenn ich mir mein Herz ­ausschütte über die Themen, die mich beschäftigen, wie zum Beispiel dass alle Menschen in meinem Umfeld heiraten und Kinder bekommen, dann verstehe ich schon, dass das grad Leute erreicht, die sich in einer ­ähnlichen Lebensphase befinden.

Wie reagiert dein Umfeld, wenn du in deinem Content über sehr persönliche Dinge redest?
Buchinger: Mir ist es ganz wichtig, dass wenn ich über eine bestimmte Person etwas Negatives sage, dass ich das dann so sehr anonymisiere, dass sich diese Person im besten Fall nicht wiedererkennt beziehungsweise dass zumindest andere Leute nicht merken, wen ich meine. Ich habe eine ganz klare Grenze. Ich weiß, über was ich nicht spreche, über was ich schon spreche und die Dinge, die ich dann im Endeffekt diskutiere sind meistens recht oberflächlich. So Dinge wie Familie, Politik und Religion versuche ich bewusst zu vermeiden. Über die meisten Dinge, über die ich rede, ist genug Gras gewachsen, dass ich reflektiert darüber sprechen kann. Wenn ich jetzt wirklich aktuell in einer Sinneskrise stecken würde, würde ich darüber nicht im Podcast und auch nicht auf der Bühne erzählen.

Wie würdest du deine Art von Humor beschreiben?
Buchinger: Ich glaub, mein Humor ist sehr bissig und funktioniert ganz gut dadurch, dass ich ehrlich bin und auch diese Verwundbarkeit zeigen möchte. Ich geb sehr viel von mir und meinem Privatleben her und glaub, dass sich da dann sehr viele Leute darin wiedererkennen. Ich versuche mir den absurderen Situationen des Alltags bewusst zu werden und das dann zu einem Gag zu verarbeiten. Das kommt meistens ganz gut an. Wenn mir im Leben etwas Blödes widerfährt, was nicht selten der Fall ist, dann bin ich vielleicht kurz traurig, aber im nächsten Moment überleg ich mir dann: Okay, wie kann ich das zu einer lustigen Geschichte machen?

Also du machst aus deinem Alltag das Material?
Buchinger: Ich hab jetzt mittlerweile für mich ein Leben kreiert, dass von selbst am laufenden Band Material liefert, aber das finde ich eigentlich ganz gut. Schon allein wenn ich im Zug sitze, beobachte ich ständig andere Fahrgäste und krieg dann halt mit, wie die Leute zum Teil drauf sind. Schon allein da ist dann manchmal was Witziges dabei. Man muss einfach nur mit offenen Augen und offenen Ohren durch die Welt gehen und dann kommt das Material wirklich von selbst.

Wie lange brauchst du dafür, so ein Programm zu entwickeln?
Buchinger: Das Programm, das ich aktuell spiele, da hab ich ein Jahr lang definitiv so ein Dokument am Laufen gehabt, wo ich mir meine lustigsten Beobachtungen aufgeschrieben habe. Nach einem Jahr hatte ich das Rohmaterial gesammelt und dann hab ich mich irgendwann bewusst hingesetzt, war zwei Wochen in einem Haus im Wald, bin jeden Tag um sechs aufgestanden und hab angefangen, dieses Programm zu schreiben. Dann musst du es halt ein paar Mal aufführen, damit du verstehst, was funktioniert.


Reagiert das Publikum aus unterschiedlichen Bundesländern anders auf dich?
Buchinger: Ich hab die Beobachtung gemacht, dass Menschen aus großen Städten und ganz besonders aus Wien ein bisschen brauchen, bis sie aus ihrer Schale herauskommen. Die ersten fünf Minuten sind sie noch leicht zögerlich und dann sagen sie: Okay, jetzt will ich lachen. Aber in den Bundesländern ist es wirklich so, dass die Menschen von Anfang an laut lachen und ihren Spaß haben.

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