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Schachfiguren der Erinnerung

20.10.2022 • 22:07 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Sigmund Freud, Marie Antoinette und Egon Schiele dienen als Figuren. <span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Sigmund Freud, Marie Antoinette und Egon Schiele dienen als Figuren. Klaus Hartinger

Mit Schachfiguren erinnert Künstlerin Anna Boghiguian an Ereignisse der Weltgeschichte.

Auf den silbernen und schwarzen Feldern des Schachbretts spiegeln sich die Figuren. König gibt es keinen, auf dessen Platz steht Marie Antoinette, Erzherzogin von Österreich und Königin von Frankreich mit Hut und Chemisenkleid als Pappfigur. Ihre Rückseite ist schwarz bemalt. Daneben gesellen sich ihre Mutter Maria Theresia und ihre Schneiderin Rose Bertin mit roten Rücken von der gegnerischen Partei.
Insgesamt 24 Figuren stehen, springen oder schweben auf und über dem Schachbrett im ersten Stock des Kunsthaus Bregenz und spiegeln auf dem glänzenden Boden einen bedeutenden Ausschnitt österreichischer Geschichte wieder.

Die Künstlerin vor dem Schachbrett  <span class="copyright"> Klaus Hartinger</span>
Die Künstlerin vor dem Schachbrett Klaus Hartinger

Historische Personen

Neun der Figuren hat die Künstlerin Anna Boghiguian für die Ausstellung „Period of Change“ im Kunsthaus Bregenz (KUB) zusätzlich angefertigt, sagt Direktor Thomas Trummer in der gestrigen Pressekonferenz. Die anderen der Arbeit „The Chess Game“ waren bereits beim 25-jährigen Jubiläum des KUB im Sommer in Venedig. Wie auch die weiteren Arbeiten der Ausstellung zeigen, geht es der belesenen Künstlerin Boghiguian in ihren Werken darum, historische Ereignisse und Gegebenheiten in Erinnerung zu rücken und geschichtliche Zusammenhänge darzustellen.

Zeichnungen der Serie "Time of Change"   <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Zeichnungen der Serie "Time of Change" Klaus Hartinger


Im Interview mit Trummer sitzt die Künstlerin vor einem mit protestierenden Menschen bedrucktem Segeltuch und erzählt engagiert über Hintergründe und Recherchen zu den einzelnen Figuren und Zeichnungen. Es sind die wesentlichen Protagonisten rund um die Jahrhundertwende, die sich in Boghiguians „Chess Game“ als mit Wachsfarbe bemalte Karton- und Holzfiguren versammeln: Autoren wie Felix Salten mit seinem Reh Bambi, Stefan Zweig und Tolstoi, der ermordete Thronfolger Franz Ferdinand und sein Attentäter Gavrilo Pricip, der den ersten Weltkrieg auslöste. Der Expressionist Egon Schiele wird in Mundschutz und Unterhose auf dem schwarzen Feld dahinge­rafft. Friedrich Nietzsche ist als Reiter vom Spielfeld weggaloppiert. Sigmund Freud sitzt mit seiner Zigarette auf dem Sessel. Einen Springerzug entfernt ist Ludwig Wittgenstein.

Drehbühne, Guillotine, Licht, Sound.   <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Drehbühne, Guillotine, Licht, Sound. Klaus Hartinger


Eine der zentralen Figuren der Künstlerin ist der Lagerarzt Aribert Heim, der KZ-Häftlingen bei Operationen Organe entnahm, bis sie starben. Nach dem Krieg floh er nach Ägypten und lebte bis zu seinem Tod 1992 in Kairo. Um die Hundert Zeichnungen im expressionistischen Stil hat die Künstlerin in ihrer Heimat in Kairo, bei Recherchen in Versaille und Berlin oder während ihres Arbeitsaufenthaltes in Bregenz angefertigt. Nun sind die Arbeiten im zweiten Stock in der Serie „Period of Change“ zu sehen. Mit vielen Farben, unruhigen Linien, ausdrucksstarken Bildern und geschriebenen Worten erzählt Boghiguian in vielen kleinen Details vom Abschluss des Friedensvertrages in Versailles, den Gräueltaten von Aribert Heim oder der haitianischen Revolution.
Sie illustriert die Zeit, in der ihre auf dem Schachbrett arrangierten Figuren lebten, und zeigt, wie sich weltpolitische Ordnungen veränderten. Und auch im Obergeschoss verarbeitet die Künstlerin in „Dive into the Dark“ mit einer Guillotine, Marie Antoinettes schwarzem Witwenkleid und Stimmen aus dem Off unter anderem Gewalt und den von herrschenden Eliten ausgelösten Terror.

Anna Boghiguian im Interview.  <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Anna Boghiguian im Interview. Klaus Hartinger

Über die Künstlerin
Die 1946 in Kairo geborene ägyptisch-kanadische Künstlerin mit armenischer Herkunft wurde mehrfach international ausgezeichnet, zuletzt auf der 56. Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen. Ihre Themen sind Politik und Gesellschaft, Geschichte und Literatur. Sie ist eine politisch interessierte und philosophisch inspirierte Erzählerin, die Vergangenheit und Gegenwart verknüpft. Seit 2010 arbeitet sie an dreidimensionalen Settings. Sie hat mehrere Bücher illustriert und gestaltete eine Serie von Buchumschlägen für den befreundeten Literaturnobelpreisträger Naguib Mahfouz. Boghiguian studierte Politikwissenschaft und Wirtschaftswissenschaft in Kairo und danach Bildende Kunst und Musik an der an der Concordia University in Montreal.

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