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Vom Pinao-Man zum Riebl-Man

23.10.2022 • 13:23 Uhr / 10 Minuten Lesezeit
Der Rankweiler Markus Linder steht seit einem Vierteljahrundert als Solo-Kabarettist auf der Bühne. <span class="copyright">Raimund Jäger</span>
Der Rankweiler Markus Linder steht seit einem Vierteljahrundert als Solo-Kabarettist auf der Bühne. Raimund Jäger

Am Donnerstag feiert Markus Linder sein 25-jähriges Solo-Kabarett-Jubiläum im Lustenauer Freudenhaus. Ein Porträt.

Es ist das eine oder andere Jahr her, dass sich im Alten Kino in Rankweil bei einer Vorstellung von Markus Linder eine Szenerie abspielte, die so ein bisschen für sich selbst und Markus Linder steht. Der Entertrainer befand sich mitten in seiner Vorführung, als plötzlich auf den Zuschauerrängen ein Handy klingelte. Der Oberländer reagierte wie üblich in solch einer durchaus alltäglichen Situation gelassen – und rechnete damit, dass der mit einem Anruf bedachte Zuschauer peinlich berührt das Klingeln abstellt. Doch es kam anders.

Noch nicht fertig
Die Frau hob ab und nein, sie flüsterte auch nicht verlegen. Sie sprach stattdessen mit lauter Stimme und frönte ihrer Kommunikationslust. Linder unterbrach sein Programm. Nicht um mit erhobenem Zeigefinger die Frau zu ermahnen. Vielmehr ließ er den Dingen seinen Lauf. Und wurde reich belohnt. Denn nach einigem Tratsch ließ die Zuschauerin ihren oder vielleicht doch eher ihre Gesprächspartnerin wissen, dass sie gerade bei einer Vorführung sei. Von, ja von wem eigentlich? Die Zuschauerin fragte ihre Sitznachbarin, wer denn das eigentlich sei, der hier für die Lacher sorgte. Die Sitznachbarin flüsterte ihr ein: Markus Linder. Lachen brandete auf im Saal. Und ja. Auch Linder lachte uneitel herzlich. „Also Markus Linder heißt der. Nein, nein, geht schon. Wir können reden.“ Das Gespräch der Frau wurde zum spontanen Brüller des Abends. Linder saß einfach nur so da auf der Bühne. Als der Redefluss der Frau ein Ende zu nehmen schien, erhob sich Linder und wollte schon weitermachen, bis die Frau plötzlich doch weitersprach. „Ah, sie ist noch nicht fertig“, kommentierte er trocken und setzte sich wieder hin. Das Publikum lauschte der Frau und lachte – nach etwa fünf Minuten war das Telefongespräch zu Ende.

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Linder weiß, wie er für herzhafte Lacher sorgt. NEUE-Archiv

Spontan

Diese Begebenheit charakterisiert Linder deshalb so gut, weil der 63-Jährige die Gabe hat, spontan zu sein auf der Bühne. Und sich selbst auch nicht zu wichtig zu nehmen. Vielleicht kommt er deshalb seit einem Vierteljahrhundert so gut an beim Publikum. Diesseits und jenseits des Arlbergs. Am Donnerstag feiert Linder, inzwischen Wahl-Tiroler, im Lustenauer Freudenhaus sein 25-jähriges Solo-Kabarett-Jubiläum mit einer Aufführung seines aktuellen Programms „O Solo Mio“ – aufgepeppt durch zwei Musiker. Es ist sein einziger Jubiläumsauftritt in Vorarlberg, weil er sowohl mit Maria Neuschmid als auch mit Hubert Trenkwalder auf Tour ist und deshalb gar keine Zeit hat zu jubilieren.

Pianist

Linder macht Musikcomedy. Er spielt bisweilen Gassenhauer – und wenn die Zuschauer gerade mittendrin beim Mitsingen sind, hört er schlagartig mit dem Spielen auf und bringt einen Gag. Und das nicht mit einem gekünstelten Schriftdeutsch. Sondern auf Vorarlbergerisch. Gut, wenn er in Tirol oder Südtirol auftritt, dann muss er mit vertonten Untertiteln agieren, also die eine oder andere Stelle erklären oder anpassen. Aber was an „ghöriga Riebl“ ist oder eben ischt, das traut er auch den Hinterarlbergern zu wissen zu.

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Haut gerne auf die Tasten bei seinem Programm: Markus Linder. NEUE-Archiv

Kleine Prinz
25 Jahre ist es her, da war Linder Bar-Pianist und verdiente sich seine Brötle damit, dass er in Bars Rhythm-’n’-Blues-Klassiker wie „What I’d say“ von Ray Charles zum Besten gab, ein Lied, das, nur so am Rande, einst auch die blutjungen John Lennon und Paul McCartney in seinen Bann zog.
Jedenfalls, Linder führte ein feines Leben. Es gab Schlechteres, als in Bars am Klavier für Stimmung zu sorgen. Zudem trat er mit verschiedenen Bands auf, unter anderem mit Raimund „Tschako“ Jäger als Tschako & Der kleine Prinz. Vielleicht war es dann ein Moment, in dem Linder ein wenig Blues verspürte, als er sich fragte, wo er sich selbst in zwanzig Jahren sehen würde. Linder war 38. Noch jung genug, um einen völlig neuen Weg einzuschlagen. Aber auch in einem Alter, in dem er nicht mehr endlos lange warten konnte, sich selbst neu zu erfinden.

Wühlmäuse
Linder, Linder – war da nicht mal was? Richtig, die schon etwas länger auf der Erde verweilenden Seelen wissen, dass Linders Eltern Heiner und Trudy dem legendären Kabarett-Ensemble „Die Wühlmäuse“ angehörten. Als junger Mensch wollte Markus diesen Weg nicht einschlagen. Es gibt für die meis­ten Heranwachsenden eben spannenderes, als es ihren Eltern gleichzutun. Markus verfiel, wie das schon klingt, er verfiel also als schon in Kindesjahren dem Blues, nahm klassischen Klavier­unterricht, gründete Bands und studierte schließlich in Innsbruck erst Jus und dann Lehramt in den Fächern Deutsch, Latein und Geschichte. Was im Gegensatz zum Kabarettisten-Leben natürlich nervenzerfetzend spannend klingt. Nicht.

Beseelt vom Katzenklo

Sei es, wie es sei, weil er nach dem Studium ohnehin keine Festanstellung als Lehrer bekam, zog es ihn immer mehr auf die Bühne. Als freiberuflicher Profi-Künstler, wie Linder es rückblickend nennt. Freiberuflicher Profi, die Bezeichnung hat was. 1997 also fragte er sich, ob er in 20 Jahren noch immer als Piano-Man vielleicht just auch den Klassiker von Billy Joel spielen wollte. Und beantwortete diese Frage bei aller Liebe für die großen Liedermacher mit einem Nein. Und weil es mit 38 nun eben doch durchaus spannend war, den Weg seiner Eltern fortzusetzen, beschloss Linder, fortan in Humor zu machen. Zum Leidwesen seines Vaters wollte Markus Linder allerdings nicht so wie einst die Wühlmäuse politisches Kabarett aufführen, nein, Linder wollte Musikcomedy machen.
Linder hatte es Helge Schneider angetan. Genau, der Mann mit dem Katzenklo. Zugegeben, musikalisch war das nicht ganz auf einer Stufe mit Ray Charles und Billy Joel, aber was Helge Schneider da auf der Bühne vollbrachte, das war sehr wohl einzigartig. Der Mann schaffte es, Schrägheit zum Mainstream zu machen, und gefiel damit bei „Wetten, dass …?“ einem Millionenpublikum. Linder gefiel und gefällt an Schneider vor allem, dass sich Schneider keinem Genre zuordnen lässt. Beseelt von Schneider und angetrieben von den eigenen Träumen wagte sich Linder also 1997 als Solokünstler auf die Kabarettbühne. Das Debüt gab er sinnigerweise in seiner Heimatgemeinde Rankweil – und war, mit Verlaub, nervös wie Sau. Denn es war etwas anderes, als Piano-Man zwischen all den großartigen Songs eine Pointe zu bringen, als zwei Stunden auf der Bühne zu stehen und das Bedürfnis der Zuschauer zu erfüllen, belustigt zu werden.

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Linder 1995 mit dem damaligen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel im Tastenduell – an Schüssels 50. Geburtstag. APA

Gags

Als Spätberufener musste Linder seinen Stil nicht finden. Schon in seinen Anfangsjahren bestand sein Programm wie heute etwa zur Hälfte aus Musikeinlagen. Sein Vater hätte zwar gerne gesehen, dass sein Sohnemann eine Schippe drauflegen würde bei seinen Gags. Wobei, der geneigte Leser ahnt es, er natürlich eigentlich sagte: ­„Kannscht du net a Schüfele druf lega?“
Aber es blieb beim Nein zum politischen Kabarett. Bis heute. Linder ist sich nämlich treu geblieben. Er ist mit neun Solo-Programmen in den Knochen nur lockerer geworden und eben spontaner. Seine Frau Sabine führt inzwischen Regie und ist hinter der Bühne für die Qualitätssicherung zuständig. Sie vergleicht den Vortrag ihres Göttergatten mit dem transkribierten Programm, merkt an, welche Pointen besser und welche schlechter liefen. Und wenn sich ein spontaner Einwurf von Linder als großer Lacher erweist, dann kann es schon sein, dass aus dem Witz im wahrsten Sinne des Wortes Programm wird und er in eben jenes aufgenommen wird. Seine besten Gags, gesteht Linder, würden zweifellos auf das Konto seiner besseren Hälfte gehen. Viele Ideen entstünden im Alltag: „Du luog amol, des wär doch was?“

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Linder mit seiner Frau, Ideengeberin und Regisseurin Sabine. NEUE-Archiv

Spaß
Vom Bar-Pianisten zum Riebl-Man. Vom Piano-Man zum klavierspielenden Lachmuskel-Schwarzenegger. Über Markus Linder nicht lachen zu können ist möglich, aber bedenklich. Weil Linder vormacht, wie gut es tut, auch dann zu lachen, wenn im Publikum das Handy klingelt und das anschließende Gespräch mal wieder etwas länger dauert. Denn der Spaß fängt dort an, wo man den Ernst zurücklässt. Markus Linder weiß das.

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