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Schuld und Ernüchterung

24.10.2022 • 19:18 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Der ermordete Unternehmer und seine dafür verurteilte Frau im Streitgespräch. <span class="copyright">(C) cornelia_hefel</span>
Der ermordete Unternehmer und seine dafür verurteilte Frau im Streitgespräch. (C) cornelia_hefel

„Fünf zu drei“ von Annette Raschner wurde in Feldkirch uraufgeführt.

Vor fünfzehn Jahren wurde der Unternehmer Wolfgang (Karl Müller) in seiner Villa erschossen, nun kehrt er zurück an den Ort des Geschehens und rollt seinen eigenen Fall nochmal auf. In verwickelten Gesprächen mit den Beteiligten von damals versucht er, Erklärungen und Motive zu finden.

Streitigkeiten

Der Abend der Tat wird rekonstruiert, unterschiedliche Sichtweisen prallen aufeinander und schon beim Essen beginnen die ersten Ungereimtheiten und Widersprüche. Mit großer Emotionalität werden gegenseitige Beleidigungen und Vorwürfe an die Oberfläche gebracht, die Ehe selbst „war ein Alptraum“, meint Wolfgang, der überzeugt ist von der Schuld seiner Frau Susanne (Elke Kikelj-Schwald). Genauso wie die fünf der acht Geschworenen, deretwegen sie schließlich zwölfeinhalb Jahre im Gefängnis verbrachte.

Möglicherweise ein Justizirrtum?

Doch nicht einmal Susannes treu ergebener Geliebter Egon (Dominik Meusburger) ist sich zweifelsfrei ihrer Unschuld sicher.

„So schnell kann es gehen und man ist Geschichte.“
Wolfgang, das Mordopfer

Erst mit der Zeit eröffnen sich die komplexen Beziehungskonstellationen und die verschiedenen Rollen, welche die Figuren im Leben der anderen einnehmen. Das Publikum erfährt so einiges über das dunkle und gescheiterte Privatleben des Paares, und auch die Ehepartner werden überrascht von den Motivationen ihrer jeweiligen Geliebten. Julia (Sarah Ritter) wurde ursprünglich als „Geschenk“ angeheuert und habe sich dann doch verliebt, auch wenn sie sich das mit der Liebe immer ganz anders vorgestellt habe, wie sie sagt.

Zwischendrin steht der gemeinsame Geschäftspartner Marcel (Sepp Gröfler), der sich nur zu gerne in anderer Leute Angelegenheiten einmischt, wenn sich dadurch ein Vorteil ergibt. Mit Zaubertricks versucht er die „Jury“ bei Laune zu halten, balanciert eine Pfauenfeder auf der Hand und erzählt großzügig brisante Details. Die Zuschauer werden zu Geschworenen und damit auch hineingezogen in die Geschichten, Vorstellungen und Enttäuschungen der einzelnen Protagonisten. Am Ende müssen sie selbst entscheiden, wer nun für den Mord verantwortlich zu machen ist.

Russisches Roulette

Es ist ein spannend kriminalistisches und mitreißend inszeniertes Kammerspiel, welches sich subtil mit den bitteren Irrtümern im Rechtssystem auseinandersetzt. Die an dem Mord ihres Mannes verurteilte Susanne hat nie gestanden, und nun nach Absitzen ihrer Strafe bietet sich die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge darzulegen. Das Publikum wird auf unterschiedliche Fährten gelockt, ein vertuschter Selbstmord steht im Raum, und auch der verschmitzte Marcel hatte möglicherweise seine Hände im Spiel. Es wird hingewiesen auf ein „Justizsystem, das russisches Roulette spielt“ und auf den Film „Die zwölf Geschworenen“, bei dem ein einzelner Geschworener die Argumente der anderen entkräftet, woraufhin ein Freispruch erfolgt. Zudem sei die Regisseurin Annette Raschner von einem ähnlichen tatsächlichen Fall in Tirol inspiriert gewesen.

Dennoch ist es nicht der kritische Blick auf das Rechtssys­tem, sondern die komplizierte und sehr amüsante Auseinandersetzung mit dem Innenleben und den Verhältnissen der Figuren, die dieses Stück ausmacht. Inmitten von Täuschungen, sexuellen Begierden, gegenseitigen Verletzungen und Schuld gibt es Momente der Selbstreflexion und eine „Ernüchterung auf Raten“. Fünfzehn Jahre später kommen dann doch die wahren Absichten ans Licht.

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