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Abtreibungsarzt: “Mord ist etwas anderes als töten”

29.10.2022 • 17:00 Uhr / 16 Minuten Lesezeit

Benedikt-Johannes Hostenkamp über Schwangerschaftsabbrüche, zur Frage ob diese auch in Krankenhäusern durchgeführt werden sollten und wie es nach seiner Pensionierung weitergeht.

Wie ist die Rechtlage in Österreich beim Thema Abtreibungen?  
 Benedikt-Johannes Hostenkamp: Wir haben in Österreich die Situation, dass eine Abtreibung legal ist, wenn vier Bedingungen erfüllt sind. Erstens die unbeeinflusste Entscheidung der Frau, zweitens der Arztvorbehalt, drittens die ärztliche Beratung und viertens die Frist. Das sind Bedingungen für die Straffreiheit. Grundsätzlich ist es also rechtswidrig, bleibt aber straffrei, wenn diese Bedingungen erfüllt sind. Nur dann ist es legal. 

Wie verläuft der Prozess vom Erfahren der Schwangerschaft bis zum tatsächlichen Abbruch? 
Hostenkamp: Das ist eine schwierige Frage. Nicht jede Frau ist glücklich, wenn sie einen positiven Schwangerschaftstest hat. Sie ist vielleicht erstmal geschockt und kommt dann aber auf den Boden der Tatsachen zurück und sie fragt sich, was man aus der Situation machen kann. Da ist es dann ganz wichtig, dass ein gut ausgebautes Beratungsangebot da ist, wie es in Vorarlberg derzeit der Fall ist. 

Wie genau läuft so ein Beratungsgespräch ab? Was wird da, außer den Gründen, sonst noch besprochen?  
Hostenkamp: Ein ganz wichtiges Thema ist die Verhütung, da es in 95 Prozent der Fälle eine Verhütungspanne war. Da muss man Alternativen aufzeigen für die Zukunft. 

Benedikt-Johannes Hostenkamp im NEUE-Interview. Der Arzt möchte aufgrund des Wiedererkennungsfaktors sein Gesicht nicht vollständig zeigen.<span class="copyright">HARTINGER</span>
Benedikt-Johannes Hostenkamp im NEUE-Interview. Der Arzt möchte aufgrund des Wiedererkennungsfaktors sein Gesicht nicht vollständig zeigen.HARTINGER

Halten Sie dieses verpflichtende Beratungsgespräch für notwendig? 
Hostenkamp: Es muss ein Angebot da sein. Ich habe immer wieder erlebt, dass es als Erleichterung empfunden wird, wenn nach den Gründen gefragt wird und nicht als Bedrohung.  

Es gibt in Österreich eine Gewissensklausel für Ärzte. Wieso wollen so viele Ärzte keine Schwangerschaftsabbrüche durchführen? 
Hostenkamp:
Eigentlich darf keiner Nachteile haben dadurch, dass er es macht oder nicht macht. Allerdings wird es nicht so gehandhabt, wie es sich der Gesetzgeber in den 70er-Jahren vorgestellt hat. Das heißt, man hat Nachteile und diese sind so groß, dass es keiner machen will. 

Was sind das für Nachteile? 
Hostenkamp: Beispielweise wird der Mietvertrag gekündigt und man findet keinen neuen mehr. Wir haben, bevor wir umgezogen sind, verschiedene Mietverträge unterschriftsreif gehabt, aber als die Vermieter erfuhren, dass wir Schwangerschaftsabbrüche machen, wurden die Verträge storniert. 

Was für Frauen kommen hierher, wie nehmen Sie diese wahr? 
Hostenkamp: Ganz normale Frauen. Eine unerwünschte Schwangerschaft ist eine Tatsache des Lebens. Über die letzten Jahre konnten wir einen permanenten Rückgang beobachten, doch mit der endgültigen Aufhebung der Coronamaßnahmen stiegen die Zahlen wieder etwas. Es wird wieder gefeiert und dann gibt es auch wieder mehr Teenagerschwangerschaften. 

Arzt Holstenkamp in seiner Praxis. <span class="copyright">Hartinger</span>
Arzt Holstenkamp in seiner Praxis. Hartinger

Wo beginnt Leben? 
Hostenkamp: Das ist ganz einfach: Es beginnt mit der Empfängnis, also bei der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle, gar keine Frage. Aber hier ist unser Grundproblem, dass auf der einen Seite das Selbstbestimmungsrecht der Frau steht und auf der anderen das Lebensrecht des Ungeborenen. Bei den Embryonen haben wir zwar menschliches Leben, aber keine Person, die denken und fühlen kann. Nicht der Herzschlag ist entscheidend, sondern die Denkfähigkeit. Das sind zwei Grundrechte, die gegeneinanderstehen und kein Gericht der Welt kann die Entscheidung treffen, welches mehr gewichtet sein sollte.   

Ist Abtreibung Mord? 
Hostenkamp: Nein, es hat mit Mord nichts zu tun. Mit töten, das ist ganz klar, aber nicht mit Mord. Hier wird als Gegenargument oft das 6. Gebot der hebräischen Bibel angeführt. Das darin vorkommende Wort רָצַח (gesprochen: razach) heißt auf Deutsch aber morden und nicht töten. Mord ist etwas anderes als töten. Juristisch gesehen ist Mord heimtückisch, aus niedrigen Beweggründen und gegen eine Person gerichtet. Hier handelt es sich nicht um eine Person. 

Holstenkamp geht nächstes Jahr in Pension. <span class="copyright">hartinger</span>
Holstenkamp geht nächstes Jahr in Pension. hartinger

Ist diese Thematik in unserer Gesellschaft noch tabuisiert? 
Hostenkamp: Ja, in den 70er-Jahren wurde eine fortschrittliche Gesetzgebung beschlossen und es ist trotzdem noch ein Tabuthema. So denken streng konservative Mitbürger, dass sie etwas bewegen können, indem sie den Frauen Mordvorwürfe machen, damit nehmen sie aber die Frauen in ihrer Entscheidungsnot nicht ernst. Bei den Teenager-Schwangeren kommen die Bordsteinberater dann oft zum Erfolg, aber diese Frauen kommen dann, wenn sie alleinerziehende Mutter sind, beim zweiten Mal hierher. 

Spürt der Embryo bei der Abtreibung etwas?  
Hostenkamp: Wir haben es hier vor allem mit Frauen zu tun, die bis zur neunten Woche kommen. Da kann man 100 prozentig sagen, dass kein Empfinden und kein Schmerz beim Embryo da ist. Ich wage es sogar zu sagen, dass Schmerz, wie wir ihn bezeichnen, bis Anfang der 16. Woche nicht da ist. Das sind dann graue Übergangszonen. Nur dass schon Nerven da sind, heißt nämlich nicht, dass sie auch funktionieren. 

Wollten Sie schon immer Abtreibungen durchführen?  
Hostenkamp: Nein, also im Gegensatz zu anderen, bin ich von Haus aus Geburtshelfer. Ich hatte 1987 in Lindau ein ambulantes Operationszentrum mit integriertem Geburtshaus eröffnet. Zwei Jahre später konnte ich, als ich den Krankenhausstatus hatte, auch Schwangerschaftsabbrüche bei meinen Patientinnen durchführen. Das hat sich dann aufgrund der Mangellage herumgesprochen und dann kamen immer mehr fremde Patientinnen. Dadurch bin ich immer mehr in diese Richtung gegangen, weil ein Bedarf da war. Ich hätte es auch stoppen können, aber ich habe eine Aufgabe darin gesehen. 

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Sollten Schwangerschaftsabbrüche zukünftig auch in Krankenhäusern durchgeführt werden? 
Hostenkamp: Das ist nicht das richtige Setting. Die Beratung und die Psychosomatik sind dort schwierig und es bedarf einer gewissen Empathie. Es ist zwar ein leichter Eingriff, aber das sollte kein Turnusarzt machen, der erst seit 14 Tagen da ist, sondern ein Facharzt. Voraussetzung für eine ambulante Durchführung ist Facharztstandard im Anästhesiebereich und im gynäkologischen Bereich. Ich sehe allerdings kein optimales Setting im Krankenhaus, weil es dann eine A- und eine B-Mannschaft gibt. Die aus Mannschaft A sind bereit es zu machen und die aus der Mannschaft B weigern sich, bekommen dann die Arbeit von Mannschaft A, zum Beispiel umkämpfte Operationen. So bekommen sie schneller ihren Operationskatalog voll und die Mannschaft A bleibt auf der Strecke. Es ist schwierig, hier eine gerechte Lösung zu finden, darum ist das im Krankenhaus sehr problematisch. 

„Alle sind bemüht, eine Lösung zu finden“

In ganz Vorarlberg gibt es nur einen einzigen Arzt, der Schwangerschaftsabbrüche durchführt: Benedikt-Johannes Hostenkamp, der seine Praxis in Bregenz hat, wird allerdings nächstes Jahr in Pension gehen.

Vorarlberg zählt, gemeinsam mit Tirol und Burgenland, zu den einzigen drei Bundesländern in Österreich, in denen Schwangerschaftsabbrüche nicht in Krankenhäusern oder in an Krankenhäuser angehängten Ambulatorien durchgeführt werden, außer es handelt sich um einen medizinischen Notfall.

In einer Presseaussendung stellen die Klubobleute der beiden Vorarlberger Regierungsparteien, Eva Hammerer (Grüne) und Roland Frühstück (ÖVP) klar, dass es auch nach der Pensionierung von Dr. Hostenkamp in Vorarlberg ein Angebot für Schwangerschaftsabbrüche geben soll. „Es ist auf jeden Fall sinnvoll und nötig, dass diese Möglichkeit weiter besteht und die Frauen diese – wenn nötig – selbstbestimmt in Anspruch nehmen. Hierzu sind wir in guten Gesprächen“, so Frühstück und Hammerer. Auch die Opposition stimmt dem zu. „Alle sind bemüht, eine Lösung zu finden“, erklärte Landesrätin Katharina Wiesflecker in der Landtagssitzung am 6. Juli.

Wiesflecker sprach außerdem darüber, dass ihr junge Frauen und Mädchen Mut machen würden, weil sie sich „hinstellen und sich nicht von irgendwelchen Menschen ihr Recht auf Selbstbestimmung beschneiden lassen.“ Leah Birnbaumer, Bundesvorstandsmitglied der Grünen Jugend und Vorstandsmitglied der Grünen Jugend Vorarlberg, erklärt, dass dieses Thema von der Grünen Jugend als sehr wichtig erachtet werde. Sie setze sich aber auch dafür ein, dass Schwangerschaftsabbrüche flächendeckend möglich sind und dass Frauen, die einen Abbruch durchführen wollen, es sich aber nicht leisten können, finanzielle Unterstützung erfahren. „Das sollte keine Frage der Geldbörse sein“, so Birnbaumer.

Was für Erfahrungen haben Sie mit Abtreibungsgegnern gemacht? 
Hostenkamp: Sie belästigen meine Patientinnen, das ist gerade vor einer Operation gesundheitsschädlich. Außerdem verstoßen sie gegen die Berufsfreiheit. Wenn die beten wollen, dann dürfen sie beten, aber bitte nicht vor meiner Haustüre, wenn Patientinnen kommen.  

Womit werden die Frauen da konfrontiert? 
Hostenkamp: Ich habe die Tendenz gesehen, dass es etwas weniger aggressiv als früher ist. Da haben sie den Frauen Embryopuppen in die Hand gedrückt, sind denen nachgelaufen und haben gerufen „Du willst doch nicht zur Mörderin werden!“. Einmal ist eine Bordsteinberaterin einer Patientin sogar bis ins Zimmer, ans Bett gefolgt. Die habe ich dann festgehalten, bis die Polizei kam. Ein einziges Mal habe ich einen Drohbrief bekommen, dass ein Scharfschütze mich erschießen werde. Das ging dann zur Polizei, es kam aber nichts dabei heraus, weil es anonym war. 

Die Praxisräumlichkeiten.  <span class="copyright">Hartinger</span>
Die Praxisräumlichkeiten. Hartinger

Am 5. Juni. 2020 hat das Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen (BASG) beschlossen, dass nicht nur Krankenhäuser, sondern auch niedergelassene Fachärztinnen bzw. Fachärzte für Frauenheilkunde die Abtreibungspille Mifegyne ausgeben dürfen. Wie denken Sie darüber? 
Hostenkamp: Wir haben Mifegyne schon seit 1998 in Lindau eingesetzt, weil die rechtlichen Voraussetzungen da waren, ich habe also große Erfahrung damit. Seit 2020 setze ich sie hier ein. Ich sehe das als Erweiterung unseres Arsenals an, da das vor allem bei Gebärmutterfehlbildungen oder ganz frühen Schwangerschaften eine gute Sache ist. Man sollte aber nicht daraufsetzen, dass dadurch die Mangellage verbessert wird, denn eine Abtreibung dieser Form sollte trotzdem mit ärztlicher Hilfe passieren, da der Abbruch mit mehr Schmerzen und Blutungen verbunden ist als der chirurgische Eingriff. Das kann nicht sein, dass man einfach nur Tabletten gibt und dann die Frauen sich selbst überlässt. 

Führen Sie auch Spätabbrüche durch? 
Hostenkamp: Ja, bei medizinischen Indikationen, aber Spätabbrüche sind nicht der Schwerpunkt. In Einzelfällen habe ich schon Abbrüche bis zur 18. Woche gemacht, bei einem Missbrauch und einer psychischen Indikation. Die medizinische Indikation ist so geregelt, dass eine Gefahr für den körperlichen oder seelischen Gesundheitszustand droht. Spätabbrüche dürften also zum Beispiel durchgeführt werden, wenn eine Frau oder ein Paar sich nicht dazu entschließen kann, ein Kind mit beispielsweise Down-Syndrom großzuziehen, oder wenn eindeutige Beweise oder starke Hinweise da sind, dass eine massive Fehlbildung vorliegt. 

Darf ein Kind, das beispielsweise Trisomie 21 hat, aber lebensfähig ist, abgetrieben werden? 
Hostenkamp: So etwas kam bis jetzt nie vor, dass jemand in der 22. Woche kommt, weil ein kleiner Finger fehlt, das würde ich auch ablehnen. Es gab häufiger die Situation, dass Frauen kommen, die einen wirklich schlechten somatischen Befund beim Embryo oder frühen Fötus haben. Das entspricht wieder der medizinischen Indikation, also einer schweren psychischen Belastung. 

Benedikt-Johannes Hostenkamp im NEUE-Interview. Der Arzt möchte aufgrund des Wiedererkennungsfaktors sein Gesicht nicht vollständig zeigen.<span class="copyright">HARTINGER</span>
Benedikt-Johannes Hostenkamp im NEUE-Interview. Der Arzt möchte aufgrund des Wiedererkennungsfaktors sein Gesicht nicht vollständig zeigen.HARTINGER

Woher kommen Ihre Patientinnen? 
Hostenkamp: Wir haben beispielweise Patientinnen aus Liechtenstein, weil die eine ganz rigide Gesetzgebung haben, die vertrauen darauf, dass die Nachbarn alles regeln. Auch aus Süddeutschland haben wir einige Fälle, weil es im ganzen Allgäu keinen Arzt gibt, der das macht. Vor allem haben wir aber auch viele Patientinnen aus den slawischen Ländern, die im Gastrobereich arbeiten, jetzt wieder vermehrt, nachdem die Coronabeschränkungen weitgehend aufgehoben wurden. 

Gesetzliche Regelung

In Österreich sind Schwangerschaftsabbrüche seit 1975 gesetzlich mit einer Fristenlösung geregelt. Diese besagt, dass eine Frau innerhalb der ersten drei Monate nach Beginn der Schwangerschaft diese legal abbrechen darf. Der Abbruch darf nur von einem Arzt oder einer Ärztin durchgeführt werden und es muss zuvor ein Gespräch bei einer staatlich anerkannten Beratungsstelle stattgefunden haben. Ein Schwangerschaftsabbruch nach Ablauf der ersten drei Monaten darf legal durchgeführt werden, wenn eine ernste Gefahr für die Gesundheit der Frau besteht, oder das Kind voraussichtlich eine schwere geistige oder körperliche Behinderung aufweist, oder wenn die Frau zu dem Zeitpunkt der Befruchtung das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet hatte.

Es gab früher eine Kostenübernahme durch die BH bei Grundsicherungsbezieherinnen. Um was ging es da genau? 
Hostenkamp: In den ersten fünf Jahren, als wir hier angefangen haben, war das so, doch diese Praxis wurde eingestellt. Das kann doch nicht sein, dass bei so einer liberalen Gesetzeslage Frauen gegen ihren Willen gezwungen werden, weil die Mittel fehlen, schwanger zu bleiben. Das bringt dann nur Probleme und könnte im Extremfall in die Illegalität führen, da ist der Aspekt des Gesundheitsschutzes wieder sehr wichtig. Deswegen verstehe ich nicht, warum man diese Volumen nicht zur Verfügung stellt. Auf Kreditbasis, zinslos und unbefristet. Wenn die entsprechende Person dann zu Geld kommt, muss sie es eben zurückzahlen. Es gab mit der Abwicklung der Zahlung durch die BH auch keine Probleme. 

Wann gehen Sie in Pension? 
Hostenkamp: Ich hatte heuer im August den 70. Geburtstag und da habe ich gesagt, ein Jahr noch. Wenn sich aber bis in einem Jahr nichts tut, dann verkaufe ich das hier. Das wäre schade, weil ja alles gut läuft. Wir haben eine ärztliche Leitung, eine Anästhesiefachärztin und gutes Personal. Es müssten vielleicht mehrere Schultern tragen, aber alle haben Angst vor den Bordsteinberatern oder Protesten vor der Praxis. Einige fragen sich, wieso ich das denn überhaupt noch mache, obwohl ich schon längst pensionsreif bin, aber das ist einfach eine Berufung, auch wenn es altväterlich klingt. 

Gibt es schon Lösungsvorschläge für die Zukunft, wenn Sie in Pension sind? 
Hostenkamp: Wir haben gerade eine Fachgruppensitzung gehabt, in der die politisch Verantwortlichen und die Krankenhausleiter da waren. Alle sehen es als notwendig an, dass so eine Möglichkeit besteht und ich habe diesbezüglich in letzter Zeit einige positive Rückmeldungen von der Politik bekommen. 

Norea Ertl

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