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Von Seelenlöchern und Seelenmystikerinnen

29.10.2022 • 22:20 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Im Mexiko (im Bild ein Friedhof am Stadtrand von Mexiko City) wird zu Allerseelen mit den Verstorbenen gefeiert.                  <span class="copyright">AP/Marco Ugarte</span>
Im Mexiko (im Bild ein Friedhof am Stadtrand von Mexiko City) wird zu Allerseelen mit den Verstorbenen gefeiert. AP/Marco Ugarte

Mit der Seele beschäftigt sich ein neues Buch aus der Lesebuch-Reihe der Unartproduktion von Ulrich Gabriel.

Zumeist in den Stuben, bisweilen auch in den Schlafzimmern von alten Bauernhäusern findet man manchmal ein kleines Loch in der Wand. Laut Volksglauben konnten durch diese Öffnungen die Seelen der Verstorbenen entweichen und in den Himmel gelangen. Wenn kein Verstorbener im Haus aufgebahrt war, wurden die Löcher zumeist verschlossen, damit die Seele nicht zurückkommen und keine bösen Geister eintreten konnten.

Auf diese „Seelenlöcher“ wird in einigen der Texte eingegangen, die Ulrich Gabriel für sein „Aller Seelen Lesebuch“ ausgewählt hat. Die neue Publikation, die im Rahmen der Lesebuch-Reihe der Unartproduktion erschienen ist, ist dieses Mal nicht geografisch verortet wie die übrigen Bände der Reihe. Ihr Fokus liegt auf der Seele und die ist ja, wie wir von Schnitzler wissen, „ein weites Land“.

“Día de los Muertos”

Gabriels Interesse an der Auseinandersetzung mit der Seele resultiert nicht zuletzt aus dem Umgang, den Lateinamerikaner und -amerikanerinnen, vor allem in Mexiko, mit ihren Toten pflegen. Diese feiern am „Tag der Toten“ („Día de los Muertos“) ein Fest, an dem die Verstorbenen laut vorchristlichem Glauben aus dem Jenseits zurückkommen, um mitzufeiern. Es wird gegessen, getanzt und musiziert, die Toten werden geehrt, bis sie dann am 2. November um Mitternacht wieder für ein Jahr ins Jenseits zurückkehren.

„Es ist ein anderer Zugang zu den Seelen und den Ahnen“, sagt Gabriel. Ein Gegensatz zur Schwere, mit der hierzulande der Allerseelentag beziehungsweise vor allem der Allerheiligentag, da ja nur dieser ein gesetzlicher Feiertag ist, begangen wird. Deshalb war es dem Herausgeber ein Anliegen, sich anhand von zumeist literarischen Texten mit dem Begriff „Seele“ auseinanderzusetzen. Unterstützung bei der Textsuche bekam er vom Germanisten Norbert Huber.

Ulrich Gabriel mit seinem neuen „Aller Seelen Lesebuch“. <span class="copyright">Sylvia Dhargyal</span>
Ulrich Gabriel mit seinem neuen „Aller Seelen Lesebuch“. Sylvia Dhargyal

Einen ganz speziellen Kontakt zum Überirdischen hatte angeblich Maria Simma. Die 1915 in Sonntag im Großen Walsertal Geborene wurde als „Arme-Seelen-Mys­tikerin“ bekannt. Ihren ersten diesbezüglichen Kontakt hatte sie laut ihren Angaben im Jahr 1940. Damals sei sie erwacht, weil sie jemandem in ihrem Zimmer hin und her gehen gehört hatte. Ein fremder Mann sei im Raum gewesen, der sich nicht fassen ließ und plötzlich nicht mehr da war. In der folgenden Nacht sei er wieder gekommen und nachdem sie am Vormittag von ihrem „Seelenführer“, dem Ortspfarrer, belehrt worden sei, was sie zu fragen hätte, bekam sie auch eine Antwort.

Der Unbekannte habe um drei Messen gebeten, die für seine Erlösung gelesen werden sollten. „Da wusste ich, dass muss eine Arme Seele sein“, schreibt Simma in einem ihrer Texte, die im „Aller Seelen Lesebuch“ enthalten sind. Und: „Von 1940 bis 1953 kamen jedes Jahr nur zwei bis drei Seelen, meistens im November.“ In den folgenden Jahrzehnten wurde Simma auch überregional bekannt. 2004 starb sie in Bezau.

Buchpräsentation

Allerseelentag, Mittwoch, 2. November, 18.30 Uhr, Raiffeisen Forum Friedrich Wilhelm Dornbirn.

Lesung mit Apero und Musik mit Ulrich Gabriel, Norbert Huber, Franz Gassner und Gong-Seelenmusik von Karin Amann.

„Aller Seelen Lesebuch“: Ausgewählt und zusammengestellt von Ulrich Gabriel. unartproduktion Dornbirn. 134 Seiten, 29 Euro.

Weit weniger mystisch geht es in einem anderen Beitrag des Buches zu. Dabei handelt es sich um die Dialoge und Regieanweisungen aus dem Abschnitt „Der Tod“ der Monty-Python-Filmsatire „Der Sinn des Lebens“. Ein zum Tode verurteilter Verbrecher, der die Art der Vollstreckung selbst aussuchen konnte, wird von Furien in den Tod gejagt. Gevatter Tod mit großer Sense kommt auf eine Dinnerparty – und wird nicht ernst genommen. Und im Himmel feiern alle im Film Verstorbenen ein großes Weihnachtsfest mit Gesang.

Von 1940 bis 1953 kamen jedes Jahr nur zwei bis drei Seelen, meistens im November.

Maria Simma, „Arme Seelen Mystikerin“ aus dem Großwalsertal

Sylvia Taraba schreibt über die Gestaltung eines Familiengrabes in Schwarzach des Künstlers Gottfried Bechtold. Von Marcel Proust ist ein kurzer Text enthalten, der unter anderem den Satz enthält: „Aber man muss sich eben abfinden mit dem Tod.“ Und Franz Kalb befasst sich anhand der Dornbirner Sterbebücher mit Familiennamen.

Sammelsurium

Es ist ein ziemliches Sammelsurium an Texten, das im Buch enthalten ist – formal geht es von Lyrik über Prosa zu Dramatik und Liedtexten – inhaltlich vom frommen Volksglauben über strengen Katholizismus bis hin zu philosophischen und poetischen ­Deutungen rund um Seele und Tod. Aber auch ein Rezept für eine „Schwäbische Seele“ ist dabei.

Der wilde Mix wurde allerdings ganz bewusst so gewählt, sagt der Herausgeber, der die Seele als „positives Chaos“ bezeichnet. Wenn man sich mit der Seele befasse, stoße man eben auf einen „wilden Mix“. Zugleich findet es Gabriel spannend, beim Lesen von einer „Seelenwelt“ unvermittelt in eine andere einzutauchen. Daher wurde die Reihung der Texte auch gewürfelt und somit dem Zufall überlassen.

Zeichnungen

Ganz besondere Akzente setzen aber elf Zeichnungen bzw. Lithografien von Franz Gassner. Die reduzierten, zarten und einnehmenden Kompositionen gliedern das Buch in verschiedene Abschnitte und bilden zugleich einen bezaubernden Blickfang. Vier leere Seiten stehen dann noch am Ende des Buches. Das heißt, ganz leer sind sie nicht. „Ahnen Seiten“ steht ganz oben und „da kann dann jeder reinschreiben, was ihm dazu einfällt“, sagt Gabriel. „Erinnerungen, ein Gedicht oder auch ein Gebet“ – „oder die Einkaufsliste“, fügt er noch mit einem Grinsen hinzu.

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