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Verlust der eigenen Identität als Tanz

01.11.2022 • 21:24 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Performance "Zooming in on Loss"   <span class="copyright">Rio Staelens</span>
Die Performance "Zooming in on Loss" Rio Staelens

Heute startet das tanz-ist Festival mit der Österreichpremiere von Ann Van den ­Broeks Performance im Spielboden Dornbirn.

In der Kunst gehe es auch darum, dass man gewisse Dinge reflektiert, die vielleicht nicht so schön sind. Ein Aspekt, den der künstlerische Leiter Günter Marinelli sehr wichtig findet.
Kunst könne eben auch wehtun und unangenehm sein. Daher dreht sich das tanz-ist Fes­tival diesmal um ein ernstes Thema, eines, das im Moment verstärkt in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird: Demenz. Eine Gegenwartskrankheit, die „sehr viele unheimliche und unklare Aspekte hat und deshalb die Menschen sehr bewegt“, auch weil sie sich ebenfalls stark auf Angehörige und Pflegende auswirkt, sagt Marinelli im Interview.

Menschliche Dimensionen

Demenz ist eine Krankheit, die nicht therapiert werden kann und so sind Betroffene dem schleichenden Prozess des Gedächtnisverlusts und einer gewissen Hilflosigkeit ausgeliefert. Diesen menschlichen Dimensionen der Tragödie widmet sich das Festival. Dabei werden, abgesehen von den wissenschaftlichen Fakten, die Auswirkungen der Krankheit auf das ganz persönliche Leben thematisiert, so Marinelli.
Für ihn sei es der richtige Zeitpunkt, sich in künstlerischer Art mit der Krankheit zu beschäftigen und die verschiedenen Aspekte auf einer Tanz- und Performance-Ebene zu erkunden.

Österreichpremiere

Die niederländische Starchoreografin Ann Van den Broek kommt mit ihrer Produktion „Zooming in on Loss“ das erste Mal überhaupt nach Österreich. Es ist der zweite Teil der Trilogie, in der sich die Choreografin intensiv mit dem Gedächtnisverlust auseinandersetzt. „Die Performance kommt ganz leicht daher, die Musik ist sehr feinfühlig“, weshalb sie auch starke Emotionen beim Publikum auslöse, beschreibt Marinelli. Tänzerinnen und Tänzer vermitteln das Gefühl des Verlustes und bringen zum Ausdruck, was es bedeutet, die eigene Identität zu verlieren. „Es ist keine einfache Geschichte, aber es funktioniert“, ist Marinelli überzeugt.
Die Performance konzentriert sich auf den inneren Kampf, den Verlust und die Beziehungen zwischen den Individuen und ihrem sozialen Umfeld, wobei Stimmungslagen wie Wut, Frus­tration, Traurigkeit, Schmerz, Resignation und Gleichgültigkeit über Tanz und Musik verkörpert werden.
Ann Van den Broek ist eine Künstlerin, die Marinelli schon seit zehn Jahren ins Festival integrieren wollte. In der Auseinandersetzung mit ihrem mitgebrachten Thema sei ein besonderes Projekt gewachsen. Denn die Performance alleine stehen zu lassen, wäre zu wenig gewesen und so wurde ein ganzes Programm aufgebaut, in dem sich Besucher intensiver mit dem Thema auseinandersetzten können: Eine Fotoausstellung, die von Demenzerkrankten selbst gestaltet wird, zeigt Einblicke in den Alltag mit Demenz. Der Wiener Verein „Kunst und Gesundheit“ greift in einer Soiree die verschiedenen Aspekte auf, wo sich Kunst und Gesundheit berühren. In der Dokumentation Memory Loss Inside von 2020 beleuchtet Ann Van den Broek die Entstehung ihrer Trilogie und das Filmdrama „The Father“ von Florian Zeller zeichnet das berührende Portrait eines Alzheimerkranken (Anthony Hopkins), der verzweifelt versucht, die Kontrolle über sein Leben zu behalten. Anschließend können Interessierte in einer Gesprächsrunde mit dem Psychiater Dr. Albert Lingg Fragen stellen.

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