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Illusionen einer Hausfrau und Mutter

02.11.2022 • 20:56 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Szenebild aus "Nora oder ein Puppenhaus" <span class="copyright">anja koehler</span>
Szenebild aus "Nora oder ein Puppenhaus" anja koehler

Morgen kommt Henrik Ibsens „Nora oder ein Puppenhaus“ zur Premiere im Landestheater. Birgit Schreyer Duarte spricht über ihre zeitgenössische Inszenierung.

Nora Helmer ist in ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter gefangen und kann auch ohne Genehmigung ihres Mannes Torvald keine Schulden aufnehmen. Aus diesem zentralen Konflikt entsteht das Drama, in dem Henrik Ibsen die patriarchalen Rollenverständnisse von Mann und Frau, wie sie im 19. Jahrhundert als „natürlich“ gelebt wurden, schildert. Ein Stück, in dem Ibsen die Probleme und Widersprüche seiner Zeit darstellt und das dennoch „ganz aktuell“ sei, weil es viele Bezüge gibt, die sich auf heute übertragen lassen, beschreibt Birgit Schreyer Duarte im Interview.

Maria Lisa Huber, Zoe Hutmacher und Silvia Salzmann in "Nora".<span class="copyright">anja koehler</span>
Maria Lisa Huber, Zoe Hutmacher und Silvia Salzmann in "Nora".anja koehler

Stellung der Frau

Es gehe nicht nur um die Ehe zwischen Nora und Torvald, sondern auch um die verschiedenen Positionen, die Mann und Frau in der Gesellschaft einnehmen. „Es gibt immer noch aufrechterhaltene Geschlechterungerechtigkeiten und Ungleichheiten wie beispielsweise die Unterschiede im Gehalt, die fehlenden Führungspositionen für Frauen“, sagt die Regisseurin, die sich aber auch dafür interessiert, wie schwierig die Vereinbarkeit von Kindern, Haushalt und Beruf für Frauen ist und wie schnell diese in alte Geschlechterrollen zurückfallen, wie das beispielsweise durch die Coronapandemie passiert sei. „Die Pandemie hat so viel extra Kinderbetreuung und Haushaltsarbeit verlangt, dass dann ganz automatisch vom Partner, aber auch von der Gesellschaft erwartet wurde, dass die Frauen ihre Berufe aufgeben und wieder daheimbleiben. Das hat mich schon sehr nachdenklich gestimmt und uns ganz konkretes Diskussionsmaterial für diese aktuelle Nora-Inszenierung gegeben.“

In der Inszenierung von Schreyer Duarte spielt Ibsens Stück nicht im 19. Jahrhundert und funktioniert auch ohne Kindermädchen und Hauspersonal. Die Regisseurin erzählt die Geschichte aus der Perspektive von Noras jüngster Tochter Emmi, gespielt von Silvia Salzmann, die sich fünfzehn Jahre später als junge Erwachsene daran erinnert, wie ihre Familie damals gelebt hat und mit welchen Konflikten ihre Mutter in einer ausschließlich männlichen Gesellschaft zu kämpfen hatte. „Wir haben Emmi (die im Stück vorkommt, aber nur erwähnt wird) als Figur auf die Bühne gestellt, aber keine Sprechrolle, sondern eine Tänzerin draus gemacht“, beschreibt Schreyer Duarte.
„Wir haben uns damit auch eine Freiheit genommen, all das, was bei Ibsen vorkommt, ganz subjektiv zu erzählen, also nur in einer Art zu erzählen, wie sie uns interessiert und wie es die Emmi erlebt hat. Das kann zum Teil auch fragmentarisch, stilistisch überhöht, ein bisschen grotesk und körperlich ausgedrückt erzählt werden, um theatralisch darzustellen, dass Erinnerungen immer unvollständig sind und das Erzählte immer nur aus der Sicht des Erzählers gültig ist.“

In die aktulle Zeit verlegt

Durch diese Vorgehensweise konnte sich die Regisseurin vom historischen Vorbild lösen und eine „zeitgenössische Emmi von 2022“ erschaffen, die auf die Vergangenheit in den 50er, 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts zurückblickt. „Das ist das Schöne an den Klassikern, die haben eben diese Grundkonflikte und Grundkonfigurationen zwischen den Figuren, die ins Heute verlegt werden können und trotzdem immer noch stimmig sind“, sagt Schreyer Duarte.
Ihr sei es wichtig gewesen, sich ohne Voreingenommenheit auf die Figur einzulassen und diese neu zu entdecken. Auch Emmi durchläuft in ihrem Erinnerungsprozess eine Entwicklung, was in der Inszenierung auch durch Videoprojektionen verdeutlicht wird. „Mit der Kamera in der Hand hat Emmi „die Kontrolle darüber, wie sie die Nora darstellt.“ Zuerst nutzt sie Bilder, um die Vorstellung, die sie von ihrer Mutter hat, zu bestätigen. „Nach und nach kommen Zweifel auf und Emmi entdeckt neue Details in der Geschichte“, beschreibt Schreyer Duarte die Inszenierung.

Zoe Hutmacher und Maria Lisa Huber.   <span class="copyright">anja koehler</span>
Zoe Hutmacher und Maria Lisa Huber. anja koehler

Für Nora hat die Choreografin Silvia Salzmann eine Körperlichkeit entwickelt, um zu veranschaulichen, wie sie von den Männern in ihrer Familie als „Puppe“ gesehen wird und dadurch ihre Selbstbestimmung verliert. Sie will Torvald gefallen, „hüpft eifrig hin und her“ und habe „sowas Flatterhaftes, Nervöses und Leichtes, wenn sie mit ihm spricht. Andererseits wird sie von ihm kleingemacht und nicht ernstgenommen, das sind die Momente, wo sie zu einer Puppe erstarrt, sich selbst in der Bewegung stoppt und mechanisch wird.“

Nach „Else (ohne Fräulein), das mit dem Stella*22 ausgezeichnet wurde, ist „Nora oder ein Puppenhaus“ die zweite Produktion, die Birgit Schreyer Duarte für das Vorarlberger Landestheater inszenierte. Für „Nora oder ein Puppenhaus“ arbeitete Schreyer Duarte wieder mit dem Großteil des Produktionsteams zusammen.

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