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Konfrontation und Kapitulation

03.11.2022 • 19:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Louis Combeaud, Marion Bosetti, Gregory Fraateur in der Performance „Zooming in on Loss“<span class="copyright">Christian Haiböck</span>
Louis Combeaud, Marion Bosetti, Gregory Fraateur in der Performance „Zooming in on Loss“Christian Haiböck

Eine sehr eindringliche Performance erlebte das Publikum am Mittwoch bei österreichischen Erstaufführung von „Zooming in on Loss“ im Spielboden Dornbirn.

Demenz ist ein sehr abstraktes Thema für eine Tanzperformance, besonders dann, wenn keine Geschichte erzählt wird, sondern lediglich der Verlust selbst als zentrales und eindringliches Gefühl zum Ausdruck gebracht wird. So wie in Ann Van den Broeks Choreografie „Zooming in on Loss“, die ein intensives Erleben der Leere und des Verlorenen möglich macht.

Fragmente des Verlusts

Die Performance hat etwas befremdlich Wirkendes, fast etwas Quälendes, als würde sie den Blick öffnen für die rohen Emotionen des Unterbewusstseins, für einen Ort, wo man lieber nicht ist. Die Darsteller Louis Com­beaud, Marion Bosetti, Gregory Fraateur reflektieren tänzerisch und stimmlich intensive emotionale Empfindungen und konfrontieren die Besucher mit den Gefühlen rund um die Hilflosigkeit und Verlorenheit, die mit dem Gedächtnisverlust, aber auch mit dem Verlust ganz allgemein einhergehen.
In einem Prozess, der unaufhaltsam ist und lange andauert, werden Ausschnitte und Momente der Vergessenheit und der Abwesenheit herausgenommen und durch Wiederholungen und Bewegungsabläufe verdichtet und intensiviert. Mithilfe von tänzerischen Bewegungen, melodischer Sprache, Sound- und Lichtelementen werden Zuschauer hineingezogen in eine sehr vehemente Verkörperung der Gefühle.

Düstere Effekte

Die Zuschauer werden in einen abgedunkelten Raum geführt, Kabel verlaufen auf dem Boden entlang zur Mitte, wo ein aus Stäben und Elektronik gebauter Raum steht, um und in dem sich die Tänzer bewegen. Gehend, laufend, langsam oder ruckartig und schnell.
Sie drücken Knöpfe und gestalten den Sound mit ihren Stimmen und Effektpedalen live, die Musik wird eingefroren, verzögert und verzerrt. Mikrofone schwingen von der Decke über ihre Köpfe hinweg. Das Licht verändert sich, geht ganz aus. Alles ist düster, und man wird absorbiert in eine rhythmische und intime Gefühlswelt.
Die multidisziplinäre Performance ist nicht ästhetisch verpackt, sondern experimentell und herausfordernd. Rohe Emotionen wie Wut, Frustra­tion, Trauer, Schmerz, Resignation und Gleichgültigkeit werden von Körper und Technik realisiert. Das allmähliche Verschwinden breitet sich aus. Die Tänzer verfallen einer Ausweglosigkeit und stellen sich in wiederholenden Bewegungsmustern und Stimmen dem stattfindenden Prozess des Verlierens.
In Videos werden die vergrößerten verzerrten Gesichter der Tänzer projiziert. Grelles Licht blendet in der Dunkelheit und lässt einen starken schwarz-weißen Kontrast entstehen. Die Stimmen kommentieren das Geschehen: „Von jetzt an in sieben Jahren bist du jemand anderes.“ „Ich will nach Hause“ oder „Handle it“. Die Performance symbolisiert, wie schwierig es für Betroffene ist, mit dem Prozess des Verlierens klarzukommen.

Ein innerer Kampf

Seit dem Jahr 2000 widmet sich Ann Van den Broek mit ihrer niederländisch-flämischen Company Ward/waRD ganz der Choreografie, in der menschliche Verhaltens­muster die Basis für ihre Arbeiten darstellen. In der Trilogie „The Memory Loss“ beschäftigt sie sich intensiv mit der Krankheit Demenz und verschiedenen Aspekten des Gedächtnisverlusts. „Zooming in on Loss“ ist der zweite Teil, der sich auf den inneren Kampf und den Verlust an sich fokussiert.
Der erste Teil „Blueprint on Memory“ zeigt den linearen Prozess, den Demenzkranke körperlich durchlaufen. Im finalen Teil „Memory Loss“ werden die zwei vorherigen Produktionen zusammengeführt und mit neuen Elementen erweitert.

Die Choreografin Ann Van den Broek   <span class="copyright">Ann Van den Broek</span>
Die Choreografin Ann Van den Broek Ann Van den Broek

Wie Van den Broek im anschließenden Gespräch beschreibt, werde jede Emotion durch eine eigene Bewegung dargestellt. In den letzten zwölf Jahren untersuchte sie, wie sich Emotionen auf den Körper und die Muskeln auswirken, und entwickelte daraus eine Bewegungssprache, die sie mit Video-, Text- und Soundelementen erweiterte. Sie startete ihre autobiografischen Werke über Demenz, nachdem ihre Mutter die Krankheit bis zum Endstadium durchlebt hatte, wodurch die Performance von sehr persönlichen Erfahrungen geprägt ist. Während sie zuschaute, wie sich ihre Mutter veränderte, erkannte sie, wie viele Betroffene, Angehörige und Pflegende es gibt, die mit ähnlichen Problem zurechtkommen müssen.

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