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Zeichnungen auf Ton, Stoff und Papier

04.11.2022 • 19:36 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Die Künstlerin Sophie Thelen   <span class="copyright">Wolfgang Ölz</span>
Die Künstlerin Sophie Thelen Wolfgang Ölz

Kunst Vorarlberg zeigt in seinen Räumlichkeiten in Feldkirch Zeichnungen von fünfzehn Künstlerinnen.

Selten hat man so eine Fülle an guten Arbeiten in der Villa Claudia gesehen. So-phie Thelen Weinmann, Bianca Lugmayr und Amrei Wittwer zählen für mich zu den besten künstlerischen Positionen, die es zur Zeit im Land zu sehen gibt.

Meisterhaft gezeichnete Tiere

Die Bregenzer Künstlerin Sophie Thelen Weinmann (Jahrgang 1985) trifft traumwandlerisch ins Zentrum guter Kunstproduktion. Ein Wandpanorama zeigt figurativ gezeichnete Tiere, wie sie heute kaum zu finden sind. Da ist der Blick der Giraffe, der Körper des Tigers im Schatten, der Flügelschlag des Schmetterlings – alles meisterhaft gelernt an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern, der Universität für Angewandte Kunst in Wien, der „La Cambre“ in Brüssel und der Hochschule der Bildenden Künste in Dresden.

Folgerichtig hat Thelen neben mehreren Comic-Illustrationen und Buchveröffentlichungen auch verschiedene Auszeichnungen erhalten und an zahlreichen internationalen Ausstellungen teilgenommen. Zuletzt überzeugte sie als krönender Abschluss der Klara-Edition, einem künstlerischen Konzept von Marbod Fritsch, das Spiritualität und Kunst auf überzeugende Weise zusammenbrachte. In Feldkirch zeigt sie eine Serie abstrakter Arbeiten namens „Linienstaub“, die seit 2016 immer wieder zu konkreten Gestalten finden, in einer raumgreifenden, sehr ansprechenden Installation, die nichts weniger als „eine verwunschene Tür zu einem Teil ihres Innersten eröffnen“, wie sie sich selber ausdrückt.

Bianca Lugmayr <span class="copyright">Wolfgang Ölz</span>
Bianca Lugmayr Wolfgang Ölz

Tonspuren auf Stoffen

Die aus Wels stammende freischaffende Künstlerin Bianca Lugmayr (Jahrgang 1979) lebt seit elf Jahren in Vorarlberg und studierte Pharmazie an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck und Textil/Kunst & Design an der Kunstuniversität Linz unter ­Marga Persson. In einer kongenialen Kooperation mit dem Trompeter Alexander ­Kranabetter im März zeichnet Lugmayr mit der Nähmaschine visuelle Tonspuren auf. Sie „­versucht auf ihre Weise mit der elektronisch verzerrten ­Trompete zu kommunizieren und das Ganze visuell aufzuzeichnen.“

Das Stichwort ist „auf ihre Weise“: Seien es nun auf Stoff zeichnerisch genähte Stiche der Schriftzüge „dringend / unwichtig“, die unsere gängigen Auffassungen von Dringlichkeit und Wichtigkeit ad absurdum führen, seien es nun Verdichtungen der Wälder-Juppe, die die Linien des Faltenwurfs zu einer abstrakten Formation konzentrieren und so Rollenklischees und traditionelle Muster in Frage stellen oder sei es eben die Aufzeichnung der Trompetenklänge in Zeichnung, hier ist eine ganz eigentümliche Künstlerin am Werk.
In ihren Worten heißt das: „Die schnelle, frei genähte Linie ist zentrales Element der aktuellen Werke und steht für Individualität, Befreiung von Perfektionismus, rohe Schönheit und den Wert des Fehlers.“ Lugmayr wird übrigens 2023 in der Galerie 9und20 und in der Mitgliederausstellung „Alle“ ab 26. November im Künstlerhaus Bregenz zu sehen sein.

Amrei Wittwer    <span class="copyright">Wolfgang Ölz</span>
Amrei Wittwer Wolfgang Ölz

Aus der prähistorischen Zeit

Die in Nüziders arbeitende und lebende Amrei Wittwer (Jahrgang 1980) hat sich in Kunstwerke der prähistorischen Zeit vertieft. Ihre Gebrauchskeramiken und Steinskulpturen, die sorgfältig doppelt gebrannt werden, tragen Zeichnungen, die an versunkene Zeiten der Menschheit denken lassen, und sind doch von der Künstlerin gegenwärtig gestaltet.

Das Fremdwort dazu lautet „Apotropaion“ und wird als ein Gegenstand oder Bild zur Abwehr von bösen Kräften definiert. Dabei habe „ein Liebeszauber den Zweck, echten Affekt und wahrhaftes Begehren in der betroffenen Person hervorzurufen.“ Die Abwehr von Bösem scheint ein Bedürfnis des Menschen schlechthin, ein Teil der conditio humana zu sein. Freilich ist im Christentum allein der Gottmensch Jesus Christus, der vom Bösen befreien kann. Jedenfalls sind die Arbeiten von Amrei Wittwer von herausragender Qualität. Allein wie sie den Kopf eines Hundes in einer Schale begreift, zeugt von präzisem, klarem und überzeugendem Kunstwollen.

Zeitgenössische Positionen

Auch die weiteren Künstlerinnen lohnen einen zweiten Blick. Lisa Althaus mit ihren Animationsfilmen, Melanie Berlinger mit ihrer Auseinandersetzung mit der Kulturpflanze Mais und dem Begriff Heimat, Cornelia Blum-Satler mit ihren Collagen zum Alltag, Gabriele Bösch, die aus der Natur einen Fließtext bildet, und Ursula Dorigo mit Aktzeichnungen rund um den menschlichen Körper im Zeichenformat. Judith P. Fischer zeichnet das menschliche Herz mit seinen feinen Aderungen. Gabrielle Grässle zeigt mit automatischem Zeichnen, das an den Surrealismus erinnert, ihre Kindheit. Sophie Grell parallelisiert die menschliche Natur mit dem Universum der Ameisen. Hilda Keemink fasst die menschliche Figur aus Eisendraht. May Britt Nyberg steuert zwölf geritzte Tierzeichnungen auf kleinformatigem Karton bei. Michaela Ortner Moosbrugger fokussiert den Wald als Sehnsuchtsort der Gegenwart und Franziska Stiegholzer sprengt in ihren Arbeiten den Rahmen der Zeichnung in einen dreidimensionalen Raum.

Gibt es so etwas wie eine feministische Kunst? In Zeiten von der Auflösung der Geschlechter ist es vielleicht nicht mehr en vogue etwas Frauenspezifisches in der Kunstproduktion zu entdecken. Es ist jedenfalls Initiativen wie „Female Art Market“ zu verdanken, dass Kunstwerke von Frauen ins Schaufenster gestellt werden, die von ungewöhnlicher, ja herausragender Qualität in Vorarlberg sind.

Von Wolfgang Ölz

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