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Nachzahlung von über 1000 Euro

05.11.2022 • 18:23 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Cornelia Matt am Tatort. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Cornelia Matt am Tatort. Stiplovsek

Cornelia Matt erschrak, als sie die Forderung zur Nachzahlung im Briefkasten vorfand. Laut dieser soll sie 26 Mal so viel Kaltwasser wie sonst verbraucht haben.

Die gebürtige Feldkircherin Cornelia Matt hat durch ein Erlebnis einiges fürs Leben gelernt, wie dass eine Rechtsschutzversicherung auch am Zweitwohnsitz wichtig ist und dass Wasser in der Wohnung bei Nichtaufenthalten immer abgedreht werden muss. Für Matt begann dieses Jahr mit einem Schock. Denn laut der Betriebskostenabrechnung des Jahres 2021 soll sie ganze 419 Kubikmeter Kaltwasser verbraucht haben. Das wäre eine Steigerung von über 2500 Prozent im Vergleich zum Verbrauch im Vorjahr. Denn 2020 waren es nur 16 Kubikmeter. Bisher habe sie immer Geld zurückbekommen, erklärt die Wahlschweizerin. Dieses Mal wartete im Juni jedoch eine unangenehme Überraschung im Briefkasten: eine Nachzahlung von 1314,17 Euro. Selbst hat sie den Betrag nicht zur Verfügung: „Mein Mann müsste mir das Geld leihen.“

Mehr als achtköpfige Familie verbraucht

Geliehen und bezahlt hat sie den Betrag noch nicht. Denn sie ist überzeugt, dass der abgelesene Verbrauch nicht stimme. „Der Installateur hat zu mir gesagt, dass die Wassermenge, die ich verbraucht haben soll, nicht einmal eine achtköpfige Familie verbraucht“, so die 52-Jährige. Laut der Arbeiterkammer Vorarlberg beträgt der durchschnittliche Verbrauch pro Kopf und Tag 135 Liter. Doch Matts Verbrauch müsste sogar noch niedriger sein, denn laut ihren Angaben hat sie im vergangenen Jahr wenig Zeit an ihrem Zweitwohnsitz verbracht. Sie sei wöchentlich nach Feldkirch gefahren, habe 2021 aber keine Nacht in Tosters verbracht. Denn sie wohnt seit acht Jahren in Kesswil im Schweizer Kanton Thurgau und arbeitet aktuell als Psychologin und Lerntherapeutin. Durch die Coronapandemie sind ihre Besuche in ihrer Heimat weniger geworden. Die Eigentumswohnung dient für sie ursprünglich als Sicherheit und Investition fürs Leben, sowie als Möglichkeit, ihre Mutter besuchen zu können. Doch nun ist aus der Sicherheitsoase ein negativer Ort geworden.

Nicht das Warmwasser, sondern das Kaltwasser wurde für die Feldkircherin zum Verhängnis. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Nicht das Warmwasser, sondern das Kaltwasser wurde für die Feldkircherin zum Verhängnis. Stiplovsek

Matts Überzeugung, dass der Wasserzähler defekt war, teilt die zuständige Hausverwaltung jedoch nicht. Die Geschäftsleitung schließt einen kaputten Zähler als Ursache für den hohen Verbrauch aus: „Wir haben sämtliche möglichen Fehler­quellen sukzessive abgearbeitet und es konnten etwaige unrichtige Messergebnisse ausgeschlossen werden.“ Auch sei es technisch nicht möglich, dass ein fehlerhafter Wasserzähler einen höheren Verbrauchswert anzeige: „Das im Zähler befindliche Rädchen kann sich nicht schneller als der Wasserfluss, sondern nur langsamer drehen.“ Auch Energiedienstleister Techem sieht eine größere Wahrscheinlichkeit für eine Mindermessung. Matt hätte zwar der Hausverwaltung gegenüber nachvollziehbar geschildert, dass die Messwerte nicht stimmen könnten, weshalb die Firma Techem zum Austausch des Zählers beauftragt wurde, so Stefan Kopf von Mag. Kofler Vermögenstreuhand. Bei der Überprüfung des ausgebauten Kaltwasserzählers sei man aber zum Ergebnis gekommen, dass dieser entgegen der Schilderung von Matt ordnungsgemäß funktioniere. Gleichzeitig legt Kopf die seltene Anwesenheit von Matt so aus, dass sie rinnendes Wasser wohl länger nicht bemerkt haben könnte. Außerdem meint er, dass eine defekte, rinnende WC-Spülung Ursache für den Verbrauch gewesen sein könnte.

Nach jedem Aufenthalt notiert Matt nun ihren Wasserverbrauch. <span class="copyright">Stiplovsek</span>
Nach jedem Aufenthalt notiert Matt nun ihren Wasserverbrauch. Stiplovsek

Im Gegensatz zur Darstellung der Hausverwaltung meint Matt, ihre Abwesenheitsperioden seien nicht ausreichend lang gewesen. In der Zeit von höchstens zwei Wochen hätte nicht so eine hohe Menge an Wasser durchrinnen können, ist sie überzeugt. Matt meint auch, dass sie die rinnende Klospülung als Ursache mittlerweile nach einem Gespräch mit einem Installateur ausgeschlossen habe. Als sie diese bei einem Vorarlbergaufenthalt entdeckte, habe sie die hängende Spültaste sofort gelöst, bekräftigt sie.

Unterlassene Eichpflicht

Sie ist stattdessen überzeugt, dass der Zähler defekt ist. Beweisen kann sie das aber nicht. Der Zähler wurde längst ausgetauscht und Anwaltskosten oder einen Gutachter könnte sie nicht stemmen. Ein gerichtlicher Weg ist somit keine Option. Eine Rechts­chutzversicherung hat sie in Österreich nicht abgeschlossen. Sie habe nicht gedacht, dass sie eine an ihrem Zweitwohnsitz brauche, erklärt sie. Sie hat aber bereits bei der Bezirkshauptmannschaft die Verwaltungsübertretung angezeigt, dass die Eichpflicht unterlassen wurde.

Denn unabhängig davon, ob der Zähler richtig funktionierte, wurde dieser entgegen der Vorschriften in Öster­reich nicht regelmäßig geeicht. Doch wer hat dies verabsäumt zu tun? Das Maß- und Eichgesetz (MEG) sieht vor, dass Messgeräte, die den Wasser-, Wärme- oder Kälteverbrauch messen, alle fünf Jahre nachgeeicht werden. Davon sind Zähler betroffen, die zur Verrechnung, Abrechnung oder Aufteilung von verbrauchsabhängigen Kosten herangezogen werden. Verantwortlich für die Eichung ist, „wer ein Messgerät verwendet oder bereitstellt“. Bei internen Subzählern ist die Hausverwaltung verantwortlich. Doch was bedeutet das?

Die Hausverwaltung ist überzeugt, dass in ihrem Fall das MEG nicht anwendbar ist, da das Verhältnis der Wohnungseigentümer untereinander als „gesellschaftsähnlich“, nicht jedoch als Vertragsbeziehung vom Obersten Gerichtshof anerkannt werde. Außerdem weist Kopf darauf hin, dass das Ablaufen der Frist nicht bedeute, dass automatisch die Messgeräte danach defekt seien. Sowohl Techem und der Konsumentenschutz der Arbeiterkammer Feldkirch müssen nach Anfrage der NEUE am Sonntag mehrfach zu dem besagten Problem recherchieren. Wenn sich schon Experten zu einem Thema derart ausführlich informieren müssen und auch nach zehn Tagen keine klaren Antworten liefern können, ist es für einen Laien wie die Eigentümerin schwierig, die richtige Information bei den diversen Auskünften herauszufiltern. Mit den Stadtwerken Feldkirch, der Hausverwaltung, einem Anwalt und der Versicherung war sie im Gespräch. Dabei wurde sie meist weiterverwiesen oder „vertröstet“.

Der alte und der neue Wasserzähler. <span class="copyright">Stiplovsek/Matt</span>
Der alte und der neue Wasserzähler. Stiplovsek/Matt

Die Eichpflicht sei kein präsentes Thema in der Beratung der Arbeiterkammer heißt es. Der Referent der Arbeiterkammer Feldkirch, Markus Unterhofer, interpretiert das MEG so, dass die Hausverwaltung für die Veranlassung der Eichung zuständig ist, wenn diese die Aufteilung der Kosten vornimmt. Dies wäre der Fall, denn die verbrauchsabhängigen Gebühren werden mit der Betriebskostenabrechnung an die jeweiligen Eigentümer durch die Hausverwaltung verteilt. Wenn ein Eigentümer einen direkten Vertrag mit den Stadtwerken hat, sieht Unterhofer den Wasserversorger in der Zuständigkeit für die Eichung.

Maß- und Eichgesetz (MEG)

Das MEG schreibt vor, dass Mesgeräte, die den Wasser-, Wärme- oder Kälteverbrauch messen, regelmäßig geeicht werden. Es sind die Zähler betroffen, die zur Verrechnung, Abrechnung oder Aufteilung von verbrauchsbhängigen Kosten herangezogen werden. Die Nacheichung muss alle fünf Jahre erfolgen. Die erfolgte Eichung wird durch einen Eichstempel gekennzeichnet. Verantwortlich für die Eichung ist laut § 7. (2), wer ein Messgerät verwendet oder bereitstellt. Bei internen Subzähler ist die Hausverwaltung verantwortlich. Das Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen (BEV) führt stichprobenweise Kontrollen durch. Unterlassung der Eichung kann als Verwaltungsübertretung mit einer Geldbuße von bis zu 10900 Euro bestraft werden.

Andere Eigentümer zahlen mit

Nicht nur die Eichung, auch die Bezahlung sorgt für Uneinigkeit. Erst kürzlich hat die Hausverwaltung zur Eigentümerversammlung geladen und das Problem besprochen. Auch wenn es sich um sie drehte, war Matt nicht anwesend. „Ich habe mir gedacht, wenn ich da reinsitze und sie fangen an zu diskutieren, dann werde ich wahnsinnig“, begründet sie dies. Ein Nachbar habe ihr von einer langen Diskussion erzählt, wie der Wasserverbrauch zustande gekommen sei. Die Eigentümer hätten dem Angebot zugestimmt, dass Teile der Rechnung aus dem Reparaturfonds gezahlt werden. Dies sei an die Voraussetzung gekoppelt, dass die Bewohner bereit sind, dass nicht alle fünf Jahre der Wasserzähler ersetzt wird. Durch so eine Vereinbarung kann jedoch die Eichpflicht nicht umgangen werden. Matt äußert sich als dankbar gegenüber den Eigentümern, wünscht sich aber stattdessen eine Aufteilung von jeweils eines Drittels der Kosten zwischen ihr selbst, der Hausverwaltung und Techem. Jeder hätte eine Teilschuld, meint sie.

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