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Nora im Schein des Surrealen

07.11.2022 • 19:29 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Szenenbilder aus Nora oder ein Puppenhaus in der Inszenierung von Birgit Schreyer Duarte. <span class="copyright">(C) Anja Koehler (5)</span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span>
Szenenbilder aus Nora oder ein Puppenhaus in der Inszenierung von Birgit Schreyer Duarte. (C) Anja Koehler (5)

Birgit Schreyer Duarte brachte „Nora oder ein Puppenhaus“ ins Landestheater.

Das Puppenhaus ist ausgepackt. Es schneit. Mit Weihnachtsgeschenken für ihre Kinder kommt Nora nach Hause, hüpft und tänzelt um ihren Mann als sein „Eichhörnchen“ herum. Es ist ein vergnügte und unbeschwerte Nora, die „nach Lust und Laune“ lebt und wenig „vom Ernst des Lebens versteht“, an die sich die Tochter Emmi erinnert. „Alles ist wunderbar“ – und das Bild der Eheleute friert ein, die Tänzerin Emmi (Silvia Salzmann) stoppt den Moment. Im Hintergrund erscheint das scheinbare Familienglück.

"Nora oder ein Puppenhaus"
"Nora oder ein Puppenhaus"

Moderne Inszenierung

Birgit Schreyer Duarte inszeniert Henrik Ibsens Stück von 1879 auf sehr kreative und künstlerische Weise. Sie stellt die Geschichte nicht in den historischen Zusammenhang, sondern erzählt sie zeitlos und bringt dabei die Absurdität von Noras Situation hervorragend zum Ausdruck. Es ist eine Geschichte über eine Frau, die aus Liebe zu ihrem Mann selbstbestimmt Probleme löst und dadurch nach Ansicht ihres Mannes moralisch verdorben wird. Denn „viele, die es früher aus der Bahn geworfen hat, hatten verlogene Mütter“.

„Die letzten acht Jahre waren eine glückliche Zeit“, ein Glück, das langsam zu bröckeln beginnt und dahinter die Lügen, Täuschungen und Geheimnisse freigibt, die allein den patriarchalen Verhälntissen geschuldet sind, denen Nora als Frau im 19. Jahrhundert ausgeliefert ist. Doch Nora ist eine starke Frau, die im Verborgenen nach ihren eigenen Überzeugungen die Unterschrift des Vaters auf dem Schuldschein fälscht. Eine Straftat, die sie auch vor ihrem Ehemann geheim hält, denn für „Torvald mit seinem männlichen Selbstwertgefühl“ wäre es eine Demütigung, „wenn er wüsste, dass er mir etwas schuldet“. Als Nora von Nils Krogstad erpresst wird, wartet sie auf das „Wunderbare“, das schließlich darin mündet, sich vom gemütlichen Leben im Puppenhaus und damit der Herrschaft der Männer zu befreien und ein unabhängiges Leben zu führen.

Surreal und abstrakt

Diese groteske und verzerrte Welt hat Schreyer Duarte auf sehr gelungene Weise herausgehoben und surreal wie einen Traum auf die Bühne gebracht. Die Figuren haben etwas Spielerisches, Wandelbares, und bringen Gefühle und Emotionen durch überzogen und teilweise bizarr wirkende Bewegungen zum Ausdruck. Nora schwankt, erstarrt, bewegt sich abgehackt und wird zu einer Puppe, die wie auf Knopfdruck ihres Mannes das gewünschte Programm liefert. Krogstadt (Tobias Krüger) und Christine Linde (Zoe Hutmacher) lehnen sich in fließenden Bewegungen aneinander, während sie in einer modernen Partnerschaft zueinanderfinden.

Schreyer Duarte inszeniert mit abstrakten Elementen eine Scheinwelt, in der sich Nora befindet. Eine künstliche Welt aus Marshmallows in rosa-türkise Farben getaucht mit sanfter und stimmungsvoller Musik. Ein Schein, aus dem Nora langsam ausbricht. Emmi übersetzt die Vergangenheit der Familie ins Tänzerische, während sie wie ein Schatten ganz nah an ihrer Mutter die Ereignisse verfolgt, auch mal eingreift und Momente heranzoomt und festhält. Emmi filmt, die Mutter lacht. Das Haus wird zur Oberfläche der eingefangenen Gesichtsausdrücke, die dem Publikum eine besondere Nähe ermöglichen und für eindrucksvolle Bilder sorgen.

Gefüttertes Geld

Immer wieder gibt es überspannte skurrile Szenen: „Hamhamham“, macht Nora, damit der Ehemann Geld in ihre Hände füttert. Krogstad kommt zu Besuch und Nora reißt einen Würfel des Hauses aus der Wand. „Gehen Sie hinauf in sein Büro!“, woraufhin Krogstat auf allen Vieren durch das Loch in der Wand krabbelt. Die Figuren balancieren auf der Holzkonstruktion des umgestürzten Hauses, und die gefürchtete Kündigung Krogstats wird als Papierflieger zum Postamt geschickt.

Maria Lisa Huber durchläuft in der Rolle der Nora eine große Entwicklung und verkörpert die wechselnden Stimmungslagen von dem unruhigen lustigen „Vögelchen“ ihres Mannes über die unterdrückte und kleingemachte Puppe bis zum Nervenzusammenbruch, der sehr eindrucksvoll umgesetzt wird. David Kopp spielt überzeugend einen irrationalen bevormundenden Torvald im Strickpullover, der sich stur in eigenen Vorstellungen verliert und in Wutausbrüche verfällt.

Surreale Elemente durchziehen auch das Bühnenbild (Bartholomäus Martin Kleppek) und überzeugen mit leuchtenden Farben und einem variablen Haus, in dem sich nach Belieben Räume und Fenster öffnen lassen. Aufblasbare Sitzpolster dienen als „Lehnstühle“, werden durcheinandergeworfen und dienen verkehrt aufeinandergestapelt auch als Versteck für die Tänzerin Emmi.
www.landestheater.org

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