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Nur Frauenpower wird in New York nicht ausreichen

07.11.2022 • 19:09 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kathy Hochul (Mitte) mit ihren Unterstützerinnen: Vizepräsidentin Kamala Harris und Hillary Clinton
Kathy Hochul (Mitte) mit ihren Unterstützerinnen: Vizepräsidentin Kamala Harris und Hillary Clinton IMAGO/ZUMA Wire (IMAGO/Ron Adar)

Der Bundesstaat New York gilt als Hochburg der Demokraten.

Ein freundlicheres Publikum hätte Kathy Hochul nicht finden können als die Professorinnen und Studentinnen vom Barnard College. Die Gouverneurin des Staates New York, flankiert von Hillary Clinton und Kamala Harris, setzt auf Frauenpower im Endspurt. “Eure Rechte sind in Gefahr!”, ruft Clinton. “Lee Zeldin” – der republikanische Gegenkandidat – “will hier in New York, wo die Suffragetten das Wahlrecht erkämpft haben, die Uhr um fünfzig Jahre zurückdrehen!”

In dem elitären, ultraliberalen College am oberen Broadway muss Hochul nicht für ihre Ziele werben. Zwar protestiert draußen eine Handvoll Linke gegen die Kriegstreiberin Clinton, aber drinnen, auf der Bühne vermitteln die Politikerinnen nur eine Botschaft: Wählt! Denn das Rennen ist denkbar knapp.

New York mit zwei Gesichtern

Fernab vom Big Apple, für den der Bundesstaat berühmt ist, an der kanadischen Grenze, am Eriesee, in den Bergen oder den düsteren ehemaligen Industriestädten wie Buffalo sieht New York aber ganz anders aus. Hier wehen Trump-Flaggen, Pickups parken vor den Garagen, die Waffenlobby ist mächtig und die Angst vor Kriminalität hoch. Und für die meisten ist Barnard College sehr weit weg.

Hochul stammt aus Buffalo, ganz im Westen des Bundesstaates. Die Juristin kommt aus einer armen irisch-katholischen Familie. Sie habe, sagt sie, die Härte der Stahlstadt im Blut. Sie hat sich in der Partei hochgearbeitet; fleißig, aber nicht glamourös. Zeldin hingegen wuchs am östlichsten Ende des Staates auf, in Long Island jenseits der feinen Hamptons. Dass ein Anwalt jüdischen Glaubens den Republikanern angehört und nicht den Demokraten, ist ungewöhnlich. Zeldin preist Ex-Präsident Donald Trump, der in seiner Heimatstadt nicht sonderlich beliebt ist. Er selbst hat die finanzielle Unterstützung von Ronald Lauder, dem ultrakonservativen New Yorker Milliardär, Philanthrop und Präsident des World Jewish Congress, der einst gegen Rudy Giuliani kandidierte, der ihm nicht rechts genug war. Lauders Bruder Leonard allerdings unterstützt Hochul.

Harte Jahre

New York hat harte Jahre hinter sich. Nirgends gab es so viel Coronatote wie hier, als die Toten in gekühlten Lastwagen lagerten, weil die Leichenhäuser voll waren und als Theater, Geschäfte und Restaurants dichtmachten. Nun haben sich mit der Inflation nicht nur die Lebensmittelpreise fast verdoppelt, die Mieten in Manhattan haben die 5000-Dollar-Marke durchschossen; Häuser sind auch jenseits der Stadtgrenzen unbezahlbar.

Die Kriminalität ist um 30 Prozent gestiegen. Dass junge Männer vor den Augen der Polizei über die Sperren der U-Bahnstationen hüpfen, ist inzwischen normal. Eine asiatische Frau wurde nahe dem Times Square von einem Obdachlosen zusammengetreten, eine andere vor die U-Bahn geschubst. Im April schoss ein Mann auf U-Bahn-Passagiere, im Juli ermordete ein rechtsradikaler Attentäter in Buffalo zehn Afroamerikaner. Auch Zeldin wurde auf offener Bühne mit einem Messer angegriffen.

“Sie wollen euch verängstigen”

Hochul setzt auf Waffenkontrolle. Aber sie hält die stetigen Warnungen für Panikmache. “Die Republikaner wollen nicht, dass ihr sicher seid, die wollen, dass ihr verängstigt seid”, ruft sie ins Publikum. Ähnlich reden viele liberale New Yorker, zumindest öffentlich. Dennoch schauen sich auch viele von ihnen im U-Bahnhof heute zweimal um. In San Francisco wurde der Staatsanwalt abgewählt, weil die Behörde nicht genug gegen die Straßenkriminalität getan hat. Und bislang hat auch in New York ein Anstieg der Kriminalität stets dafür gesorgt, dass Republikaner ans Ruder kamen, sogar im liberalen New York City, wo Rudy Giuliani mit harter Hand aufräumte.

Derzeit allerdings schüren die Republikaner eher die Probleme. Als Protest gegen die Immigrationspolitik haben die Gouverneure von Florida und Texas ganze Busladungen voller Mexikaner nach New York City geschickt, die dort nun die Obdachlosenquartiere überfüllen. Mit Frauensolidarität alleine wird Hochul es nicht schaffen.

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