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Zwischen Wahrheit und Fake News

08.11.2022 • 18:20 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
"Das Begräbnis der Fakten"   <span class="copyright">lucas breuer</span>
"Das Begräbnis der Fakten" lucas breuer

Die Montforter Zwischentöne zum „Begräbnis der Fakten“ und einem „Nachruf auf die Wahrheit“ mit Alexandra Föderl-Schmid, Nico Raschner und dem Trio Opus 3.

Die Montforter Zwischentöne verknüpfen in ihrem anspruchsvollen Programm immer wieder Wort und Musik, stellen Fragen, stoßen an, stellen überraschende Querverbindungen her. Am Sonntag gestaltete die österreichische Journalistin Alexandra Föderl-Schmid einen „Nachruf auf die Wahrheit“ und bezog dazu einen beklemmend aktuellen Text von Hannah Ahrendt aus dem Jahr 1972 mit ein. Die vom Trio Opus 3 ausgewählten Streichtrios schienen ein Spiegel für das Gesagte zu sein.

Im Licht der Tatsachen

Im alten Hallenbad in Feldkirch hatte Ulli Grassmann, der Geschäftsführer der Baumschlager Eberle Architekten Niederlassung in St. Gallen, dazu einen ovalen Bühnenraum aus Licht geschaffen, das zunächst wie der Dunst in einem Schwimmbad wirkt und dessen Lichtsäulen das Publikum wie mit einem Gaze-Vorhang umgeben – auch dieser Raum passte also zum Thema Wahrheit und (Vorspiegelung von) Tatsachen.

Hannah Ahrendts Text „Die Lüge in der Politik“, in seinen philosophischen Verflechtungen kunstvoll vorgetragen von Nico Raschner vom Ensemble des Vorarlberger Landestheaters, stellt unbequeme Fragen nach der verschlungenen Geschichte von Wahrheit und Politik, die nichts an Aktualität verloren haben. Dies zeigte auch Alexandra Föderl-Schmid, die stellvertretende Chefredakteurin der Süddeutschen Zeitung und frühere Chefredakteurin des Standard, in ihrem „Abgesang auf die Wahrheit und das Faktische“.

Alternative Fakten

Wahr und falsch, Tatsachen, Fakten und alternative Fakten, „Fake news“ und Lügen liegen in ihrer Darstellung nahe beieinander. Sei es beim Blick auf Donald Trump und sein Netzwerk „Truth“ mit seiner ganz eigenen Wahrheit, sei es beim Eintauchen in die „Niederungen der österreichischen Politik“ und dem Bemühen um Aufklärung. Kants Wahlspruch „Sapere aude“ – „Wage, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“ bleibe gültig, auch im Dschungel von Faktenwissen, Faktenchecks und alternativen Fakten, die einen viel grundsätzlicheren Angriff auf die Wahrheit darstellten als die Verbreitung von „Fake News“, so die Referentin. Zum Abschluss formulierte sie einige „Fürbitten“ – um Verstand, Weisheit, Wissen, Medienkompetenz als Unterrichtsfach und um „Zweifeln, nicht Verzweifeln an der Welt“.

Der ovale Bühnenraum aus Licht im Alten Hallenbad in Feldkirch.   <span class="copyright">lucas breuer</span>
Der ovale Bühnenraum aus Licht im Alten Hallenbad in Feldkirch. lucas breuer

Musikalische Reflexionen

Zur Einstimmung und Reflexion, zum Nachwirken und Vertiefen luden die Musikbeiträge ein, geht es doch auch in der Musik um Sprache, um Rhetorik, um Aussage, die es aus den Noten, sozusagen den Fakten, herauszufiltern gilt. Pawel Zalejski an der Geige, Bratscher Klaus Christa und Cellist Mathias Johansen, die bestens in Vorarlberg vernetzten Musiker, haben sich im Mai zum Trio Opus 3 zusammengetan und widmen sich der ebenso intimen wie verdichteten Gattung Streichtrio.

Sie vermittelten zu Beginn die c-Moll-Dramatik in Beethovens op. 9/3 mit der für diese Tonart so typischen aufgewühlten Ener­gie. In Mozarts Adagio und Fuge d-Moll KV 404a geht es um Frage und Antwort, um Licht und Schatten und in der Fuge um große Klarheit in der Gestaltung der Themen.
Alfred Schnittke taucht in seinem Streichtrio ein in eine zerbrechliche Welt mit Beleuchtungswechseln, raunenden und sich hochschraubenden Klängen: Großartig wirkte der Höhepunkt mit seinen weit gespannten Akkorden, umso beklemmender dann das Verlöschen im Pianissimo. Ein Satz aus dem 1988 entstandenen Streichtrio von Sofia Gubaidulina, deren Werke Klaus Christa seit vielen Jahren in Vorarlberg bekannt macht, war geprägt von großer Intensität und Emotionalität mit angstvoll bohrenden Klängen und extremen Lagen.
Auch diese Komponistin wusste in ihrer russischen Heimat schließlich ein Lied von Unterdrückung und Verdrehung der Tatsachen zu singen. Die Musiker brachten all dies mit großer Hingabe und authentischer Kraft nahe.

von Katharina von Glasenapp

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