Allgemein

Das Tier in der Kunst der Gegenwart

10.11.2022 • 23:14 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Arbeit von Rafet Jonuzi im Bildraum Bodensee in Bregenz.     <span class="copyright">Wolfgang Ölz</span>
Arbeit von Rafet Jonuzi im Bildraum Bodensee in Bregenz. Wolfgang Ölz

Michael Kos’ qualitativ hochwertige Schau zum Thema Tier in der zeitgenössischen Kunst im Bildraum Bodensee.

Das Tier als Symbol für transzendente Realitäten ist nicht nur eine Konstante der prähistorischen Zeit, sondern findet sich auch in der aktuellen Kunst, die von den animalischen Vorstellungen der Massenmedien geflutet wird.Der Künstlerkurator Michael Kos ist in Vorarlberg knapp vor Beginn der Pandemie bereits mit der Ausstellung „Tabernakel“ im Bildraum Bodensee in Bregenz hervorgetreten. Die damalige Schau zu einem sakralen Möbel hat die Künstlerinnen und Künstler zu wahren Fantasieräuschen mit metaphysischen Ingredienzien animiert und ist vorarlbergweit sehr positiv aufgenommen worden.

Auch dieses Mal gelingt ihm ein künstlerischer Coup mit kulturhistorischer Tiefe. Das Thema Tier und Kunst scheint in der Luft zu liegen. Immerhin hat das Museum für Moderne Kunst in Wien, das Mumok, derzeit ebenfalls eine Ausstellung zu Tier und Kunst am Laufen.

Querschnitt

Die 13 Positionen, die derzeit im Bildraum Bodensee in Bregenz zu sehen sind, umfassen einen Querschnitt durch die österreichische Kunst. Die Auswahl der lebenden Künstlerinnen und Künstler erfolgte nach Qualität – was man sofort sieht – und nach dem Kriterium, dass das Tier in ihrem Werk eine markante Rolle spielt. Schweinekopf auf Menschenkörper (Deborah Sengl) stehen Menschenkopf auf Tierkörper (Julia Hanzl) gegenüber.

Als Bildhauer interessiert Michael Kos das Artefakt Tier­skulptur. Ein Löwenmensch, der vor 40.000 Jahren geschaffen wurde und in Hohlenstein bei Ulm entdeckt wurde, zeigt eine menschliche Gestalt mit Löwenkopf. Dieser Löwenmensch erinnert an ägyptische Gottheiten. Der Löwenkopf lässt die Individualität verschwinden, weil für Identität im anthropologischen Sinn braucht es ein Gesicht. Hier scheint ein Tiergott vorzuliegen. Interessant ist, dass die frühe Kulturgeschichte Tiere vergötterte, vielleicht auch, weil der Mensch sich dem Tier noch viel mehr ausgeliefert fühlte, wie das heute der Fall ist.

Skulptur von Deborah Sengl.  <span class="copyright">Ölz</span>
Skulptur von Deborah Sengl. Ölz

Der Vorarl­berger in der Ausstellung ist Tone Fink (Jahrgang 1944), der mit einer Gruppe von Lämmern und seinen charakteristischen Masken vertreten ist. Die Maske spielt auf das Antike Theater an, wo die Maske dazu diente, als „Persona“ das Göttliche durch den Schauspieler durchtönen zu lassen. „Oder auch das Teuflische“, wie Michael Kos zu bedenken gibt.

Alois Mosbacher (Jahrgang 1954, lebt in Wien) hat in Anspielung auf das berühmte Klonschaf ein Gemälde mit lauter gleichen Schafen – „Dolly“ genannt – geschaffen. Die Tirolerin Charlotte Simon (Jahrgang 1968) hat einen Zebramann als Zeuge eines zeitgenössischen Bestiariums gemalt. Anna Stangl (1961 in Salzburg geboren) fasst in Träumen nach der beschützenden Dimension der Tiere.

Affen mit Orden. Rafet Jonuzi, der 1964 im Kosovo geboren wurde, 1982 bis 1986 an der Kunstakademie in Pristina studiert hat, und in Bregenz lebt und arbeitet, hat seine Menschenaffen mit militärischen Orden geschmückt. In Zeiten des Krieges in Europa eine verzweifelt pazifistische Geste gegen die menschengewollte Massenvernichtung. Die Wahlwienerin Ramona Schnekenburger (Jahrgang 1980) spielt mit einem Vexierbild, das einen Walfisch und einen Elefanten zeigt – je nach Perspektive des Betrachters.

Arbeit von Ina Hsu.   <span class="copyright">Ölz</span>
Arbeit von Ina Hsu. Ölz

Auch Alexandra Kontriner (1980 in Lienz geboren) lebt in Wien. Sie dreht den Spieß um und zeigt Insekten, die in ihrer Heimat Tirol bereits ausgestorben oder stark bedroht sind. Ina Hsu (1976 in Innsbruck geboren) lebt und arbeitet in Innsbruck, Kufstein und Berlin. Sie zeigt, wie der Körper einer Frau zu einem Lebensraum für einen Waschbären werden könnte. Die Schülerin von Michelangelo Pistoletto, Karin Frank, 1972 in Wien geboren, zeigt in treffsicherem postexpressionistischem Stil eine krude Erotik der Haustiere, die ihre wilde Natur nicht verleugnen können. Lisa Huber (1959 in Villach geboren, Studium bei Prof. Frohner) hat einen großen Tiger ins Bild gesetzt.

Auch Guido Katol (geboren 1962 in Villach) hat sich dem Expressionismus verschrieben und feiert in seinen Ölbildern – seiner akademischen Lehrerin Maria Lassnig nicht unähnlich – in schreienden Farben die Gefährlichkeit der Tierwelt für die Menschenkinder. Wolfgang Ölz

Bis 14. Jänner 2023. Dienstag und Donnerstag, 13 bis 18 Uhr, Freitag und Samstag, 11 bis 16 Uhr. https://www.bildrecht.at/bildraum/

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.