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Mit der Drehorgel auf Reisen in andere Welten

12.11.2022 • 22:00 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
Hier trat die Geschichtenerzählerin in der alten Stickerei in Höchst auf.<span class="copyright">Hartinger</span>
Hier trat die Geschichtenerzählerin in der alten Stickerei in Höchst auf.Hartinger

Mit Märchen, Geschichten und der Drehorgel möchte Miriam Jaeneke Menschen glücklich machen.

Kennst du dieses Lied?“, fragt Miriam Jaeneke, als sie in ihrem Wohnzimmer an ihrer hölzernen Drehorgel die Kurbel betätigt, um deren Wirkung zu demonstrieren.

Sie ist nämlich überzeugt, dass die Drehorgel ein Türöffner zu den Herzen der Menschen ist. Vor der Drehorgel würden Erwachsene zu Kindern werden, meint sie. Auch als Eisbrecher dient das Instrument. Durch die Töne würden Leute sofort zuhören und Kinder auf sie zukommen und sich ein Lied wünschen oder auch mal selbst kurbeln wollen. So hat etwa das sechsjährige Nachbarsmädchen begeistert auf das Instrument reagiert und wollte „Biene Maja“ immer wieder hören. Beschwerden der Nachbarn gab es über die lauten Klänge bisher keine. Normalerweise spielt sie auch nicht zu Hause, sondern transportiert den Leierkasten mit ihrem Auto zu verschiedenen Bühnen, um dort zu musizieren. Die Drehorgel hat sie für ihre Auftritte der Nostalgie wegen gewählt und da sie als Stimmungsmacher funktioniere.

Neben dem Musizieren ist auch das Erzählen von Märchen Teil des Programms. <span class="copyright">Hartinger</span>
Neben dem Musizieren ist auch das Erzählen von Märchen Teil des Programms. Hartinger

640 Musikstücke verfügbar

Dieses Mal ist es der Song „Über den Wolken“ von Reinhard May, welcher in ihrem Wohnzimmer erklingt, indem Luft durch manche der 20 Pfeifen strömt. Das ist nur eines von vielen Liedern, welche die Künstlerin im Repertoire hat. Derzeit sind ganze 640 Musikstücke auf der Speicherkarte ihrer digitalen Drehorgel verfügbar. Diese hat sie gemeinsam mit ihrem Mann alle durchgespielt, um die besten auszusuchen. Für das Instrument müssen diese speziell komponiert und programmiert werden, damit die Drehorgel das Stück abspielen kann. Das Instrument braucht nämlich Informationen, welche Pfeife wann offen und wann geschlossen sein muss, damit sich die Luft den richtigen Weg durch die Röhren sucht.

Jaeneke will durch ihr Kostüm auf keine Geschlechterrolle eingeschränkt werden. <span class="copyright">Hartinger</span>
Jaeneke will durch ihr Kostüm auf keine Geschlechterrolle eingeschränkt werden. Hartinger

Erst seit Ende des Sommers hat sie die Drehorgel. Jaeneke ließ sie extra für sich im Wienerwald aus Kirschen- und Birnenholz anfertigen. Die Höhe und das Design ist auf ihre Bedürfnisse abgestimmt worden. Ganze sechs Monate wurde daran gebaut. Der Wagen, auf dem das Instrument befestigt ist, wurde in Berlin hergestellt. Eine Leiste am Holzkasten bietet die Möglichkeit, dass ein für das Event angefertigtes Bild oder Schild angebracht werden kann. Wie etwa ein Bild des Brautpaars.

Einladung zum Mitsingen

Wenn die im deutschen Lörrach aufgewachsene Künstlerin auf Veranstaltungen „Er hat ein knallrotes Gummiboot“ oder Weihnachtslieder spielt, singt das Publikum auch manchmal mit, wie sie erzählt. So war es auch beim Auftritt in der alten Stickerei in Höchst vergangene Woche. Firmenfeiern, Gartenfeste, Kindergeburtstage, Familienfeste, Hochzeiten und Weihnachtsmärkte sind die Bühnen der Künstlerin. Die Wahldornbirnerin verbindet dabei je nach Wunsch des Auftraggebers Märchen und andere Texte mit der Musik der Drehorgel und auch Gesang. So kann es sein, dass sie etwa ein in der Handlung vorkommendes Karussell mit der Drehorgel musikalisch untermauert.

Märchen als Leidenschaft

Dass sie beim Geschichten­erzählen zu Hause ist und Märchen ihre Leidenschaft sind, ist schnell zu spüren. Dafür muss die gebürtige Baslerin nicht einmal auf der Bühne stehen. Beim Erzählen über die Drehorgel-Auftritte verfällt sie spontan ins Märchenerzählen. Schon bei einem Gespräch abseits ihrer Rolle als Geschichtenerzählerin schafft Jaeneke es, einen in das Märchen reinzuziehen. Auch wenn die in Deutschland aufgewachsene Texterin nur ein Märchen über die drei Freunde Hirsch, Affe und Schildkröte kurz nacherzählt, gewinnt ihre Stimme schon an Kraft und Ausdruck. Sie erzählt spontan verschiedenste Märchen aus dem Stegreif, ohne irgendwo ablesen zu müssen.

Märchen übers Furzen

Märchen haben eine besondere Bedeutung für sie. Die 41-Jährige wurde unter anderem durch kulturelle Unterschiede bei der Erzählweise, wie eines japanischen Märchens übers Furzen, zum Schreiben inspiriert. Ihr gefällt, dass sich Märchenfiguren Gefahren und Aufgaben stellen und sich schwierigen Situationen nicht entziehen, wie es manche Menschen im realen Leben tun. Auch fasziniert sie, dass jeder Zuhörer Märchen anders wahrnimmt und daraus unterschiedlichste Erkenntnisse fürs Leben schöpft. Zudem schätzt sie, dass Märchen zwar simpel wirken, aber trotzdem Botschaften beinhalten.

In fremde Welten entführen

Neben der Vermittlung des Inhalts ist auch das Auslösen einer Stimmung ihr Ziel: „Ich will Leute auf Reisen mitnehmen und glücklicher zurückzulassen, als sie davor waren.“ Sie möchte dem Publikum Gedanken und Gefühle schenken, welche es noch nie hatte, und es in Welten entführen, wo es nie war. Die Texte schreibt sie beispielsweise selbst zur Melodie „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ von den Beatles.

Der Auftritt war im kleinen Rahmen. <span class="copyright">Hartinger</span>
Der Auftritt war im kleinen Rahmen. Hartinger

Jaeneke ist als Geschichtenerzählerin noch ein Neuling auf der Bühne. Erst seit Kurzem tritt sie mit ihrem Kostüm im 20er-Jahre-Stil und der extra für sie angefertigten Drehorgel auf. Ihr erster Auftritt war auf einem Gartenfest in Hard, wo sie neben einem Feuerschlucker und Märchenerzähler Teil des Programms war. Obwohl dort der Strom ausfiel und sie sich unter einen Sonnenschirm retten musste, damit der Regen die Holzorgel nicht beschädigt, ließ sie sich nicht unterkriegen. Sie erzählte trotz dieser äußeren Umständen ihre Geschichten. Belohnt wurde sie mit positiven Rückmeldungen über unerwartete Wendungen in ihren Texten, wie sie erzählt.

Baskenmütze und Fliege

Singen und Schreiben ist zwar getrennt voneinander schon lange ein Teil ihres Lebens. So singt sie etwa seit vielen Jahren im Vorarl­berger Madrigalchor klassische und moderne Stücke. Schreiben ist auch nichts Unbekanntes für die 41-Jährige. Doch bisher hat sie vor allem über reale Begebenheiten Texte verfasst. Denn sie ist freie Journalistin und schreibt für die NEUE am Sonntag über Ein-Personen-Unternehmen. Damit könne sie sich identifizieren, denn sie selbst sei auch ein Ein-Frau-Unternehmen, sagt sie.

“Coronageburt”

Im Rahmen ihrer Geschichtenwerkstatt verfasst sie nun auch Märchen, Liedtexte und Geschichten. Sie bezeichnet den Entstehungsprozess der Geschichtenwerkstatt als „Coronageburt“. Bisher hat sie meist für Bekannte geschrieben. Etwa die Geschichte über einen blühenden Tulpenbaum für eine Freundin, deren an Parkinson erkrankter Vater verstorben war. Jetzt bietet sie solche Texte und Programmpunkte auch gegen Entgelt an. Der Preis ist je nach Auftrittsart verhandelbar. „Ich dachte, ich will noch etwas Kreatives machen und mich einbringen“, begründet sie den Schritt.

Im Publikum gab es Interaktion. <span class="copyright">Hartinger</span>
Im Publikum gab es Interaktion. Hartinger

Kreativität kennt keine Uhrzeit

Auch coacht sie Personen, die beispielsweise biografische Texte schreiben wollen, aber noch Startschwierigkeiten haben. Mit Aufgabenstellungen und Gesprächen gibt sie ihnen Input und unterstützt sie. Für sie unterscheidet sich das journalistische vom kreativen Schreiben durch die eigene Rolle, die sie einnimmt. Während sie beim redaktionellen Schreiben als Person in den Hintergrund trete und anderen Menschen eine Stimme gebe, würde sie sich bei den Märchen und Vorstellungen nicht verstecken. „Ohne mich gibt es keinen Auftritt“, erklärt sie. Es brauche sie, um anzuleiten, wann dieser beginne und aufhöre. Dabei gefällt es ihr, in unterschiedliche Rollen zu schlüpfen. Deswegen hat sie sich für eine Baskenmütze, Fliege, Hose und Jackett entschieden. „Mir gefällt das Spiel mit der Androgynität“, erklärt sie die Kostümwahl. Durch das Tragen von männlich konnotierten Kleidungsstücken als Frau symbolisiere sie beide Geschlechter gleichzeitig und lege sich nicht auf eine Rolle fest.

Ideen kommen auch nachts

Die Texte entstehen an ihrem Schreibtisch oder am Sofa im Wohnzimmer ihrer Wohnung. Kreativität kennt keine fixe Zeiten. Jaeneke beginnt in die Tasten zu tippen, sobald sie Ideen hat. Diese kommen auch Nachts. „Manchmal muss ich noch drei mal aufstehen, wenn ich schon im Bett bin, weil ich dann Ideen habe“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Als Inspiration dienen ihr Wünsche der Kunden. Auch an Informationen über ein Unternehmen orientiert sie sich etwa, wenn sie für die Weihnachtsfeier dichtet.

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