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Schuld ohne Vergeltung

14.11.2022 • 19:34 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die dreieckige Sitzordnung der Musiker und Schauspieler im Festsaal der Stella Vorarlberg. <span class="copyright">(C) lucas breuer</span>
Die dreieckige Sitzordnung der Musiker und Schauspieler im Festsaal der Stella Vorarlberg. (C) lucas breuer

Am Freitag thematisierten Montforter Zwischentöne die Ballade „Füße im Feuer“.

Von Katharina von Glasenapp

Text, Reflexion und Improvisation rückten am Freitag im Rahmen der Montforter Zwischentöne im Festsaal der Stella Vorarlberg die 1882 entstandene Ballade „Die Füße im Feuer“ von Conrad Ferdinand Meyer in den Mittelpunkt: Ein Reiter des französischen Königs bittet um Obdach im Schloss eines Edelmanns. Zu spät bemerkt er, dass er im Zuge der Hugenottenkämpfe drei Jahre zuvor in diesem Schloss war und die Frau des Hausherrn gefoltert und getötet hat. Die Kinder erkennen ihn, trotzdem wird ihm das Gastrecht gewährt. Der Hausherr, über Nacht ergraut, übt keine Rache und lässt ihn am nächsten Morgen ziehen…

Moralische Interpretationen

Lukas Kientzler und David Kopp rezitierten die Ballade mit ihren starken Bildern und wiederholten Strukturen eindringlich mit verteilten Rollen, aufgeteilt in mehrere Abschnitte nahmen die Gäste dann dazu Stellung. In der ersten Runde näherten sich die Richterin Yvonne Summer und der Autor Wolfgang Mörth dem Text, assoziativ interpretierend „in den Kopf des Protagonisten schlüpfend“ der eine, aus ihren beruflichen Erfahrungen schöpfend die andere.

Da bezog Wolfgang Mörth Roman Polanskis Film „Der Tod und das Mädchen“ ein, der ebenfalls um Strafe und Vergebung kreist. Yvonne Summer zeigte sich beeindruckt von der Reaktion der Kinder, die eigentlich in ihrem Zuhause, ihrem Schutzraum angegriffen werden und spannte ihre Überlegungen weiter zu den Kinderrechten damals wie heute. In ihren Verhandlungen stößt sie natürlich auf Täter und Opfer, auf Emotionen, Taten und ihre Folgen, betont aber, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß sei.

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lucas breuer

Mörth rückte den Blick auf den Soldaten, der sich noch im Kriegsmodus befinde und kein Unrechtsbewusstsein habe und erinnerte sich an die Fangfragen bei der „Gewissensprüfung“ vor dem Zivildienst. Auf die Fragestellungen nach Gut und Böse, Schuld und Sühne ging auch Summer ein mit Verweis auf den Film „Revanche“ von Götz Spielmann (2008): Gibt es nur das Eine und das Andere oder gibt es auch eine Zwischenlösung? Im Verzicht des Edelmanns auf Rache bei C.F. Meyer meinte Mörth, der Ritter habe seine Rache auf die „Strafe Gottes“, das biblische „Mein ist die Rache“ delegiert.

Opferrolle und Schuld

In der zweiten Diskussionsrunde positionierten sich dann die deutsche Philosophin Ariadne von Schirach (sie ist die Cousine des Juristen und Autors Ferdinand von Schirach) und der Theologe Walter Schmolly, der Direktor der Caritas Vorarlberg, der kurzfristig für den erkrankten Propst Martin Werlen eingesprungen war. Während sie sich des Themas der Opferrolle der Frau in Meyers Gedicht annahm, nahm er zu theologischen Fragen des Kämpfens, der Gerechtigkeit, der Schuld und der Versöhnung Stellung.

Die sicherlich klugen Gedanken der Philosophin blieben leider durch Mängel der Tontechnik und ihr zu schnelles Sprechen so gut wie unverständlich, während seine Beiträge durch die meditative Grundstimmung ebenfalls schwer verständlich waren.

Die interessante Sitzordnung im Dreieck jeweils Rücken an Rücken mit den Musikern und Schauspielern unterstützte einerseits diese improvisierte „Versuchsanordnung“, erschwerten andererseits den Austausch im Dialog. Einen wesentlichen Beitrag brachten dazu Oliver Rath mit der E-Gitarre und Georgios Mikirozis an verschiedenen Perkussionsinstrumenten: Zur Einstimmung und in der Mitte des Settings brachten sie ein spannendes Frage-Antwort-Spiel, zwischen die einzelnen Themenblöcke streuten sie kurze, atmosphärische Kommentare. Ein schwieriger, aber anregender Abend!

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