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Frei ist der, der die Wahl hat

20.11.2022 • 14:13 Uhr / 9 Minuten Lesezeit
In so manchem Wirtshaus laufen keine Bilder von der Fußball-WM. <span class="copyright">DPA</span>
In so manchem Wirtshaus laufen keine Bilder von der Fußball-WM. DPA

Die einen freuen sich auf die Fußball-WM, die anderen boykottieren die WM. Gedanken über die beiden Weltansichten.

Darf man sich als Fußball-Fan auf die WM freuen, oder gilt es, wenn man schon nicht anders kann und sich der Weltmeisterschaft hingibt, mit schlechtem Gewissen vor dem TV-Gerät zu sitzen? Hilft es der Sache, die WM in Katar als TV-Konsument zu boykottieren, oder ist diese Weltmeisterschaft letztlich einfach nur ein Beleg dafür, wie es in dieser Welt läuft? Stellt die WM-Vergabe nach Katar einen Tiefpunkt in der Sportgeschichte dar, oder gab es solche Vergaben schon immer? Wie so oft im Leben ist alles eine Frage der Perspektive.

Keine Relativierung
Klar muss eines sein: Nicht jeder Fußball-Fan, der sich auf die WM freut und voller Enthusiasmus die Spiele verfolgt, ist ein unsensibler Holzkopf, dem die Welt da draußen egal ist. Und auch nicht jede Argumentation, mit der man seinen Spaß am WM-Fußball erklärt, ist eine Relativierung der schrecklichen Missstände in Katar. Gleichzeitig ist nicht jeder, der von dieser WM nichts sehen und hören will, ein moralischer Heuchler, der den Fußball nur als Bühne für seine Weltanschauung benützt. Es macht keinen von uns zum schlechteren Menschen, nur weil er sich heute Abend das Eröffnungsspiel Katar gegen Ecuador anschaut – umgekehrt schafft man es auch nicht auf die Shortlist für den Friedensnobelpreis, wenn man die WM ignoriert.

Diversität zulassen
Eine Demokratie macht aus, dass jeder Bürger in Freiheit leben kann. Und frei nach Immanuel Kant endet diese Freiheit erst dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt. Der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau drückte es im 18. Jahrhundert so aus: „Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will.“
Es hat also jeder recht: Derjenige, der sich auf die WM freut genauso wie derjenige, der die WM boykottiert. Würden wir dem Andersdenkenden sein Recht auf seine eigene Meinung verwehren, würden wir ja just in jene Welt eintreten, in der sich die katarischen Vordenker und andere demokratiefeindliche Regime bewegen: nämlich der Welt der geistigen und körperlichen Eingesperrtheit. In Katar wird keine Diversität geduldet. Was einer geistigen Vergewaltigung gleichkommt. In Europa und den freien Ländern dieser Welt haben in der Geschichte viele Menschen ihren Kampf für die Freiheit mit dem Leben bezahlt. Das hat jetzt zwar ursächlich nichts mit dem aktuellen Diskurs über einen möglichen Boykott der WM zu tun, aber manchmal ist es wichtig, eine Vogelperspektive einzunehmen; um das große Ganze zu betrachten.

Frei ist der, der die Wahl hat
Prunk und Protz in Doha – nichts war und ist den Kataris zu teuer, um die Welt von ihren schier unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten zu beeindrucken. Reuters

Frage des Preises
Sicher ist, die WM in Katar ist keine WM wie jede andere. Weil in dem Wüstenstaat Menschenrechte verletzt werden, weil Menschen unter widrigsten Bedingungen die Stadien erbaut haben und dabei viele ihr Leben verloren. Die WM in Katar ist zum Sinnbild dafür geworden, dass man sich alles kaufen kann: weil am Ende auf dieser Welt nahezu immer alles nur eine Frage des Preises ist. Das ist obszön – aber wie lässt sich dieser Kreislauf durchbrechen? Der FC Bayern zum Beispiel erhält von Mobilitätspartner Qatar Airways 20 Millionen Euro im Jahr, davor kassierten die Münchner von der Lufthansa 2,5 Millionen Euro jährlich. Nun lässt sich leicht das Lied über die moralisch verkommenen Bayern singen; aber wie würde man denn selbst entscheiden, wenn plötzlich ein anderer Arbeitgeber das achtfache Gehalt bieten würde und obendrauf noch ein paar Annehmlichkeiten? Einige wenige würden bestimmt standhaft bleiben, aber die breite Masse würde ihr schlechtes Gewissen mit einem neuen Auto oder einer teuren Reise beruhigen.

So ganz neu ist das nicht
Am Ende läuft die gesamte Diskussion auf die Ungleichheit hinaus, die auf dieser Welt herrscht: Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt mehr als die Hälfte der Vermögen. Und weil es eben in Katar unvorstellbar reiche Menschen gibt, findet in den kommenden vier Wochen die Fußball-WM in dem Emirat statt. Solche Auswüchse werden in Zukunft nur zu verhindern sein, wenn sich die Entscheidungsträger Kriterien auferlegen, die solche Vergaben ausschließen. Man traut es sich kaum zu sagen, aber durch die Umstellung des WM-Wahlprozederes hat die FIFA inzwischen eine richtige Maßnahme gesetzt.
Es tut sich also schon was. Weil die Mächtigen im Sport nicht mehr so einfach davonkommen mit ihrer Gier und ihren Ideologien. Das war früher durchaus anders. Und dafür muss man sich nicht einmal auf den jahrzehntelangen IOC-Alleinherrscher Avery Brundage, der 1934 als Präsident von Amerikas nationalem olympischen Komitee prüfen sollte, inwieweit Juden in Nazideutschland diskriminiert würden. Antisemit Brundage verfasste seinen Bericht bereits vor der Abreise, die Abstimmung über einen amerikanischen Boykott manipulierte er so lange, bis es eine 58:56-Mehrheit für die Teilnahme gab.
Von 1952 bis 1972 leitete er das IOC und wollte die von ihm verhassten Winterspiele abschaffen. Zielführender ist schon eher ein Vergleich mit der in Österreich so heiß und innig geliebten Fußball-WM 1978 in Argentinien. Das süd­amerikanische Land wurde seinerzeit von einer Militärdiktatur regiert. Folterungen sowie das Verschwindenlassen und Ermorden von vermeintlichen Regimegegnern waren in Argentinien an der Tagesordnung. Das volle Ausmaß dieses schmutzigen Krieges, wie solche Taten genannt werden, wurde zwar erst nach dem Ende der Diktatur 1983 bekannt, aber es gab bereits vor der WM viele Hinweise auf die gravierenden Menschenrechtsverletzungen. Deutschlands Flankengott Manni Kaltz sagte vor dem WM-Turnier: „Ich fahr’ da hin, um Fußball zu spielen, nichts sonst. Belasten tut mich das nicht, dass dort gefoltert wird. Ich habe andere Probleme.“ Sein Teamkollege und spätere DFB-Teamchef Berti Vogts betonte nach dem Turnier: „Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.“ Solche Aussagen würden heute in diesen Breitengraden eine mediale Lawine auslösen.
Das heißt also: Die Gleichgültigkeit auf dieser Welt nimmt ab, deshalb sind die Proteste über die Lebens- und Arbeitsbedingungen, über die Menschenrechts- und Freiheitsverletzungen in Katar auch so wichtig. Aber hat es mit Gleichgültigkeit zu tun, wenn man eben heute Abend auf einen Kanal schaltet, auf dem die Fußball-WM läuft?

Kein falsch oder richtig
Die WM in Katar findet statt. Das gefällt sehr vielen zu recht nicht. Ein TV-Boykott in Vorarlbergs Wohnzimmern wird die Weltmeisterschaft nicht unterbrechen, aber es ist ein verständlicher Protest. Letztendlich gibt es kein falsch oder richtig auf die Frage, ob man sich denn nun die WM-Spiele ruhigen Gewissens anschauen soll oder nicht. Das kann und darf hierzulande jeder für sich entscheiden. Wichtig ist aber, dass ob der WM in Katar fast in allen Ländern dieser Welt aktuell eine Diskussion um die Menschenrechte entbrannt ist, dass die Menschen Veränderungen fordern, dass sie hierarchische Muster und Dogmen aufbrechen wollen.
Ja, vielleicht haben die geldgierigen alten Säcke, die 2010 ihre Stimme an Katar verkauft haben, sogar etwas bewirkt: nämlich, dass hingeschaut wird. Denn weggeschaut wurde lange genug. Und das war und ist viel schlimmer, als es sich in den kommenden vier Wochen im TV-Sessel bei den WM-Spielen gemütlich zu machen.

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