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„WM-Vergabe an Katar war ein Riesenfehler“

20.11.2022 • 13:47 Uhr / 15 Minuten Lesezeit
VFV-Boss Horst Lumper spricht auch unbequeme Aspekte bei der Diskussion um die WM offen an. <span class="copyright">Paulitsch</span>
VFV-Boss Horst Lumper spricht auch unbequeme Aspekte bei der Diskussion um die WM offen an. Paulitsch

VFV-Boss Horst Lumper, einst bei zwei Weltmeisterschaften im Einsatz, erklärt, wie die WM-Vergabe nach Katar möglich war – und warum die Wertediskussion auch andere Sportarten und Lebensbereiche betrifft.

Wie sieht es bei Ihnen mit der Vorfreude auf die Fußball-WM aus?
Horst Lumper: Die ist leider getrübt. Die vorherrschenden Begleitumstände in Katar und auch die Korruption bei der Vergabe liegen wie ein Schatten über dieser Weltmeisterschaft. Ich werde mir die Spiele anschauen und bin mir auch recht sicher, dass ich dann schon auch mitfiebern werde. Ich liebe Fußball, Fußball war Zeit meines Lebens ein großer und wichtiger Bestandteil in meinem Alltag. Aber ich habe für mich beschlossen, dass ich nicht nach Katar reisen werde. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, doch es hätte sich für mich nicht richtig angefühlt. Das ist einfach keine WM wie jede andere.

Dementsprechend wären Sie auch nicht als Delegierter zur Verfügung gestanden? Sie waren ja jahrelang Funktionär bei der FIFA, bei der WM 2010 in Südafrika arbeiteten Sie als Mitglied der Disziplinarkommission und 2014 bei der WM in Brasilien als Mitglied des Rechtskomitees.
Lumper: Nachdem ich mittlerweile meine Funktionen bei der FIFA niedergelegt habe und für die UEFA arbeite, hat sich diese Frage zum Glück nicht gestellt. Ich kann mir aber eher nicht vorstellen, dass ich für einen Einsatz in Katar bereit gewesen wäre.

Wenn sogar Sepp Blatter sagt, dass die Vergabe nach Katar ein Irrtum war, sagt das sehr viel aus.
Lumper: Die Vergabe an Katar war ein riesengroßer Fehler. Als Katar 2010 den Zuschlag bekam, bestand das Wahlgremium noch aus einem Exekutivkomitee mit 25 Mitgliedern. Je weniger Personen über einen Ausrichtungsort entscheiden, desto anfälliger ist das System für Korruption, das ist ja beim IOC und der Vergabe von Olympischen Spielen nicht anders. Bei der FIFA hat man inzwischen Gott sei Dank gehandelt, jetzt stimmen beim FIFA-Kongress alle Nationen über die WM-Vergabe ab. Dadurch ist es unmöglich geworden, sich eine WM zu kaufen. Weil der Kreis der Delegierten viel zu groß ist und man auch gar keine Überprüfungsmöglichkeit mehr hätte, wer wie abgestimmt hat. Der Fairness halber muss ich aber anfügen, dass die katarische Bewerbung schon sehr professionell gemacht war.

„WM-Vergabe an Katar war ein Riesenfehler“
Selbst der ehemalige Strippenzieher und FIFA-Boss Sepp Blatter findet, dass die Vergabe an Katar ein “Irrtum” war. Man sieht bei der Bekanntgabe des Siegers am 2. Dezember 2010 durchaus an, dass sich seine Freude in Grenzen hält. AP

Können Sie uns da ein bisschen in den inneren FIFA-Zirkel mitnehmen?
Lumper: Ich erinnere mich noch gut daran, wie die Kataris bei dem FIFA-Kongress in Südafrika ihre WM-Präsentation hielten. Jetzt mal einen Augenblick lang das Land mit all seinen Menschenrechtsverletzungen und klimatischen Voraussetzungen außen vor gelassen, war das Konzept mit den kurzen Wegen schon nicht so schlecht. Auch die präsentierten Stadien waren beeindruckend. Aber, und jetzt kommt das ganz große Aber: Bei einer WM-Vergabe kann man die äußeren Umstände wie die massiven Menschenrechtsverletzungen und demokratiepolitischen Missstände selbstverständlich nicht ausblenden.

Die Gegenkandidaten waren USA, Japan, Südkorea und Australien.
Lumper: Bei der Evaluierung der WM-Bewerbungen war Katar nicht an erster Stelle gereiht. Das heißt, man hat sich bei der FIFA noch nicht mal an die Empfehlung der Evaluierungskommission gehalten. Es gab aber schon wenig später Gerüchte um Korruption bei der Vergabe an Katar. In der Folge wurden auch Verfahren gegen drei Delegierte aus Süd- und Mittelamerika eingeleitet, die sich offensichtlich beeinflussen ließen. Es geht um unvorstellbare Summen bei einer Weltmeisterschaft. Grundsätzlich glaube ich, dass auch eine WM-Vergabe in den arabischen Raum schon seine Berechtigung hat. Weil die Menschen dort sehr fußballbegeistert sind und es natürlich eine Region verändert, wenn die Welt zu Gast ist.

Fußball ist eine Weltsportart.
Lumper: Wir Europäer müssen weg von dem Gedanken kommen, dass die WM entweder in Europa oder zwischendurch mal in Südamerika ausgetragen wird. Der Fußball ist, wie Sie es richtig sagen, wahrscheinlich sogar die größte Weltsportart überhaupt, und manchmal hat die WM-Vergabe auch den Zweck, Fußball in nicht ganz so fußballaffinen Regionen noch populärer zu machen. Jetzt kann man darüber streiten, ob in Südafrika nach der WM 2010 der erhoffte Boom eingetreten ist oder nach 2002 in Japan und Südkorea der Fußball dort einen Sprung gemacht hat. Aber vom Prinzip her ist der Ansatz schon richtig, die WM nicht immer nur an dieselben ausgewählten Fußballnationen zu vergeben. Die Vergabe in den arabischen Raum halte ich für gewagt, aber nachvollziehbar; an Katar hätte man die WM jedoch niemals vergeben dürfen.

„WM-Vergabe an Katar war ein Riesenfehler“
Die ersten Fans treffen in der katarischen Hauptstadt Doha ein. Reuters

Braucht es bei der Vergabe aller Sportgroßereignisse übergeordnete Vergabekriterien wie einen Bezug auf den Demokratieindex oder den Ethikkodex? So würde man vermeiden, dass in den gastgebenden Ländern Menschenrechte verletzt werden.
Lumper: Das würde ich sehr begrüßen. Es stellt sich nämlich die Frage, wo die Grenze zu ziehen sind? Die Winterspiele in Sotschi und die Fußball-WM in Russland sind doch auch hinterfragenswert. Aus heutiger Sicht ist es ja unvorstellbar, dass Russland vor wenigen Jahren innerhalb kürzester Zeit die zwei größten Sportveranstaltungen der Welt ausgetragen hat. China hat in diesem Jahrtausend sowohl die Sommer- als auch die Winterspiele ausgerichtet. Das macht die WM-Vergabe an Katar nicht besser, aber mich stört schon, dass jetzt so getan wird, als wäre Katar der erste Ausrichter einer Großveranstaltung, bei dem es massive Demokratiedefizite gibt. In Wahrheit müsste man aber die Diskussion um die Abhaltung von anderen Großveranstaltungen erweitern. In Katar gas­tiert jährlich die Formel 1, und auch die Handball-WM wurde in Katar ausgerichtet. Jetzt kann man natürlich sagen, die Fußball-WM ist gemessen an den TV-Zuschauern weltweit die größte Sportveranstaltung, und deshalb gelten andere Regeln. Aber dann bewegen wir uns auf eine Doppelmoral zu.

Es sollten für alle dieselben Maßstäbe gelten.
Lumper: Es heißt, die Stadienbauten in Katar sollen in den vergangenen Jahren etwa vier bis fünf Prozent aller Bauvorhaben in dem Land ausgemacht haben. Vier bis fünf Prozent sind viel und nicht viel. Wenn man sich vorstellt, in Österreich würde jede 20. Baustelle einen Stadionbau betreffen, dann würden sehr, sehr viele Stadien entstehen. Aber dieser Stadionbau-Anteil von 5 Prozent heißt auch, dass 95 Prozent der Bauten in Katar keine Fußballstadien waren. Und es braucht bitte ja niemand glauben, dass die Bedingungen auf den anderen Baustellen besser waren und sind als beim Bau der Fußballstadien. Wieso gibt es hierzulande zu diesen Bauvorhaben keine so lautstarken Proteste? Bei vielen Unternehmen ist Katar ein gern gesehener Geschäftspartner, so hat auch eine österreichische Firma ein Stadion erstellt, und auch unabhängig von der WM pflegen viele Unternehmen Geschäftsbeziehungen nach Katar. Ich will hier nichts verteidigen, was nicht zu verteidigen ist – und sage es nochmals: die Fußball-WM hätte niemals, ich wiederhole, niemals nach Katar vergeben werden dürfen. Aber während vom Fußball moralisch motivierte Entscheidungen erwartet werden, scheint man diese Ansprüche an viele andere Wirtschaftstreibende nicht zu stellen, deren Geschäftsbeziehungen nach Katar werden längst nicht so massiv hinterfragt wie die WM in Katar.

„WM-Vergabe an Katar war ein Riesenfehler“
Lumper nimmt sich im Interview kein Blatt vor dem Mund. Paulitsch

Waren Sie selbst mal in Katar?
Lumper: Ja, mit dem ÖFB und beim Besuch der österreichischen Botschaft haben wir erfahren, dass es gesellschaftspolitisch in Katar sehr wohl Fortschritte gibt; aber es geht nur sehr langsam voran. Wie nachhaltig das ist, weiß sowieso keiner. Zumal der katarische WM-Botschafter ja gerade gesagt hat, dass Homosexualität ein geistiger Schaden sei. Dazu fällt einem nichts mehr ein. Als Jurist frage ich mich überhaupt, wieso man die Wahl nicht einfach für ungültig erklärt hat. Als Hinweise und dann Beweise für die korrumpierte Wahl aufgetaucht sind, hätte die FIFA die Wahl neu ansetzen können. Zeit für eine Neuvergabe wäre genug geblieben. Leider hat man das versäumt. Und so sehr ich argumentativ bei den Kritikern der WM bin – jetzt ist es einfach zu spät, etwas zu ändern.

Als es bei der Bundespräsidentschaftswahl 2016 zu Verstößen gegen das Wahlgesetz kam, wurde die Wahl wiederholt.
Lumper: Ein gutes Beispiel, genau so hätte man das bei der FIFA machen können. Ich weiß auch, dass sich nicht alle beim Weltverband über die WM in Katar freuen. Die Probleme bestehen auch darin, dass es zu wenige Hotels in Katar gibt, deshalb müssen täglich unzählige Shuttle-Flüge von Dubai nach Katar organisiert werden. An den Häfen liegen sogar MSC-Kreuzfahrtschiffe, die als Unterkünfte umfunktioniert werden. Man muss sich mal vorstellen, dass den Spielern exzessives Jubeln verboten wurde, in Stadionnähe ist Bier verboten, das ist alles so absurd.

„WM-Vergabe an Katar war ein Riesenfehler“
Das Kreuzfahrtschriff MSC Word Europa liegt vor Doha und bietet rund 7000 Fans eine, freilich sehr exklusive, Unterkunft. Reuters

Ob man bei der FIFA die Langzeitwirkung der Entscheidung unterschätzt hat, die Wahl nicht zu wiederholen? Und die WM trotz der gekauften Mehrheit in einem Land stattfinden zu lassen, in dem die Menschenrechte massiv verletzt werden.
Lumper: Ich glaube, ganz am Anfang des Bewerbungsprozesses hat niemand gewusst, welche Probleme auf die FIFA zukommen. Aber spätestens bei der Evaluierung der Bewerbung muss allen klar geworden sein, was auf die FIFA und den Fußball zukommt. Dieses Interview ist ja im Kleinen das beste Beispiel dafür: Jetzt sitzen wir hier, Sie leiten die Sportredaktion der NEUE, ich bin der Präsident des Vorarlberger Fußballverbands, und wir haben noch kein einziges Wort über Fußball gesprochen.

Was die perfekte Überleitung ist. Was erwarten Sie für ein Niveau bei der WM?
Lumper: Ich glaube, das Niveau wird letztendlich hoch sein, die Spieler sind im Rhythmus, die Frage ist, wie müde und fit sie nach einer langen Herbstrunde sind. Aber das Problem haben wir auch im Sommer. Bei Weltmeisterschaften ist es ja oft so, dass das Niveau im Laufe des Turniers deutlich steigt. Damit rechne ich auch dieses Mal, weil die Nationalteams praktisch keine Vorbereitungszeit hatten. Viel einstudieren konnten die Teams nicht, das heißt, die Mannschaften werden sich erst im Laufe des Turniers finden.

Ihre Favoriten auf den Titel?
Lumper: Mein Top-Favorit ist Argentinien. Weil sie sehr gute Einzelspieler haben und Messi alles daran setzen wird, nicht als Unvollendeter in die Geschichte einzugehen. Pele, Beckenbauer, Maradona – sie alle sind Weltmeister geworden. Wenn Messi das nicht gelingt, wird seine Karriere einen Makel haben. Bei Brasilien wird viel davon abhängen, wie Neymar in Form ist. Vom Kader her kann es eigentlich nur Frankreich werden, die Franzosen haben so viele ­überragende Spieler in ihren Reihen, wenn die ins Rollen kommen, wird es für alle anderen ganz schwer. Deutschland ist eigentlich nicht gut drauf, aber wie oft hat man das vor einem Turnier schon gesagt? Die Deutschen sind eine Turniermannschaft, die sich Spiel für Spiel steigern.

„WM-Vergabe an Katar war ein Riesenfehler“
Für Lionel Messi ist das Turnier die letzte Chance auf den Weltmeistertitel. 2014 stand er mit Argentinien im Finale, verlor aber nach Verlängerung gegen Deutschland. Seine Enttäuschung danach war riesengroß. Reuters

Was trauen Sie den Engländern zu?
Lumper: Ich glaube nicht, dass es Harry Kane im Alleingang richten kann. Die Engländer haben schon eine gute Mannschaft, aber sie haben es im EM-Finale verpasst, die vielen negativen Erlebnisse aus den vergangenen Jahrzehnten abzustreifen. Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass die Engländer weiter auf ihren ersten Titel seit 1966 warten müssen. Da habe ich schon eher die Dänen auf dem Zettel. Die sind zwar offensiv nicht so namhaft besetzt wie früher, aber in der Defensive haben sie ein Bollwerk. Außerdem könnte ich mir gut vorstellen, dass einer der jungen Stürmer den Durchbruch schafft.

Wer wird der Superstar der WM?
Lumper: Kevin de Bruyne würde alles dafür mitbringen, wenn es ihm läuft, wird auch Belgien eine gute Rolle spielen. Bei Messi stellt sich die Frage, ob er nicht verkrampft, er weiß, das ist seine letzte Chance. Von den jungen Spielern könnte es Jamal Musiala werden. Dem traue ich alles zu. Ein ganz feiner Kicker. Ganz allgemein hoffe ich einfach, dass die WM ohne Zwischenfälle abläuft und der Fußball in den Fokus rückt. Die Spieler können nichts dafür, dass die Weltmeisterschaft nach Katar vergeben wurde, für die ist die WM der Höhepunkt ihrer Karriere. Und irgendwie hat man das Gefühl, dass sie sich rechtfertigen müssen, dass sie nach Katar gefahren sind. Das ist einfach nicht fair. Ich glaube, sportlich wird die WM ein Highlight. Und wissen Sie was? Ich merke gerade, dass ich mich trotz allem schon langsam auf die WM freue. Möge es trotz allem eine gute WM und einen verdienten Weltmeister geben.

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