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Berührend und zeitlos: Händels Oratorium

22.11.2022 • 19:16 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Das Oratorium "Triumph der Zeit" <span class="copyright">Lucas Breuer </span>
Das Oratorium "Triumph der Zeit" Lucas Breuer

Am Samstag präsentierte das Ensemble Concerto Stella Matutina das Oratorium „Triumph der Zeit“ von Georg Friedrich Händel

Ein Fest für die Freundinnen und Freunde der Barockmusik boten die Montforter Zwischentöne ihrem Publikum im Feldkircher Montforthaus: Unterstützt von sparsamen visuellen Mitteln und knappem Bühnenaufbau (Festivalleiter Folkert Uhde und Lichtdesigner Jörg Bittner) übernahm Alfredo Bernardini teils von der Oboe aus die Leitung des Ensembles Concerto Stella Matutina. Gemeinsam mit vier Sängerinnen und Sängern gestaltete die Regisseurin Ilka Seifert Georg Friedrich Händels Oratorium „Der Triumph der Zeit und der Weisheit“ als halbszenisches Sinnstück.

Vergänglichkeit

Der Text des römischen Kardinals Benedetto Pamphili behandelt ein beliebtes Thema des Barockzeitalters, die Vergänglichkeit alles Irdischen und das Streben nach ewiger Wahrheit und Weisheit. Dem jungen Georg Friedrich Händel, der mit 21 Jahren aus Sachsen nach Italien kam, um sich mit dem dort gepflegten Stil vertraut zu machen, hatte der geistliche Herr, der die italienische Oper liebte, ein biegsames Libretto geschaffen. Einerseits treten Bellezza (Schönheit), Piacere (Vergnügen), Tempo (Zeit) und Disinganno (Weisheit, Enttäuschung) als allegorische Figuren auf, die in gelehrter Weise ihre Argumente vorbringen. Andererseits bot die bilderreiche Sprache des Barocks dem Komponisten vielfältig Gelegenheit, die sinnesfreudige Darstellung der menschlichen Leidenschaften in eine ungeheuer vielschichtige Musik zu übertragen, die Nähe zur Operndramatik ist in jedem Takt greifbar. Affekte, Emotionen, Bilder von den Stürmen der Seele, Schiffbrüchen oder lieblichen Gärten durchziehen das Libretto und Händel komponierte herrliche Arien und Duette, die auch in später entstandene Werke einflossen.

Bewegte Ouvertüre

Wieder haben Folkert Uhde, Hans-Joachim Gögl und ihr Team mit vergleichsweise wenig Aufwand eine musiktheatralische Form geschaffen, die das dicht um die Bühne platzierte Publikum hineinzieht ins Geschehen. Zur bewegten Ouvertüre wiegt sich Bellezza im roten Kleid und mit seligem, selbstverliebtem Lächeln – die Sopranistin Sunhae Im ist nur wenige Tage vorher eingesprungen und nimmt mit ihrer schlank geführten Stimme für sich ein: Der Spiegel zeigt die personifizierte Schönheit in ihrer Blüte, doch die Zeit (Tempo, Jan Kobow mit fein beweglichem Tenor) und die Erkenntnis (Disinganno, mit weicher Altstimme und großem Ambitus verkörpert vom britischen Contratenor Rupert Enticknap) zeigen ihr, dass Schönheit vergänglich ist.
Das Vergnügen (Piacere, in Stimme wie Ausstrahlung ist die junge Deutsch-Französin Marine Madelin gleichermaßen überzeugend) versucht, die Schönheit vom Gegenteil zu überzeugen, muss aber zuletzt kapitulieren. Kurze Zusammenfassungen der Arien, Videos etwa von der Vergänglichkeit eines Blumenstraußes und Großaufnahmen der Ausführenden leiten das Publikum durch das Werk.

Egal, wie die Allegorien miteinander wetteifern: Die Musik und ihre Interpretation durch Concerto Stella Matutina siegen immer: Alfredo Bernardini und seine Kollegin Priska Comploi bringen die Oboenfarbe in den Streicherklang, Thomas Platzgummer (Violoncello) und Johannes Hämmerle an Truhenorgel und Cembalo bilden die wunderbar bewegliche Generalbassbasis, unterstützt von Bianca Riesner (Cello), Barbara Fischer (Kontrabass) und Barbara Meditz (Fagott). Der Reichtum an Farben und Charakteren in Händels Partitur scheint unendlich und beflügelt Musizierende wie Publikum.

von Katharina von Glasenapp

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