Allgemein

„Advent ist wie eine Zeit der Schwangerschaft“

26.11.2022 • 21:17 Uhr / 8 Minuten Lesezeit
Caritas-Seelsorger Wilfried Blum.                         <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Caritas-Seelsorger Wilfried Blum. Klaus Hartinger

Caritas-Seelsorger Wilfried Blum spricht über das Warten, leere Luft, Armut und das Kind in Bethlehem.

Das Wort Advent kommt vom lateinischen „adventus“. Das bedeutet Ankunft. Haben Sie den Eindruck, dass in der Adventzeit noch irgendwer auf eine Ankunft von irgendjemand wartet?
Wilfried Blum: Ja, die Kinder auf das Christkind! Und dann hat es sich schon in breiten Kreisen. Natürlich sind da noch jene Menschen, die dem Advent eine spirituelle Note geben. Sie gehen zum Beispiel in das morgendliche Rorate, nehmen an einer Besinnung teil oder schmücken ihr Zuhause mit einem Adventkranz und sonstigem Grün. Der Großteil wartet aufs Weihnachtsgeld, auf Firmenfeiern oder einen gemeinsamen Besuch der Advent- bzw. Weihnachtsmärkte.

Worum geht es aus christlicher Sicht im Advent?
Blum: Der Advent ist wie eine Zeit der Schwangerschaft. Es ist ein Leben in Erwartung und dabei – um einen alten Ausdruck zu verwenden – guter Hoffnung zu sein. Die liturgischen Texte haben eine große Breite, die mehr als aktuell ist: Sie sprechen von großen Bedrohungen und Untergangsszenarien, um dann doch – durch biblische Gestalten wie Propheten, Josef oder Maria – gegen alle Ängste mit Hoffnungszeichen auf eine neue Ankunft Gottes hinzuweisen. Ich finde dies in unserer von massiven Krisen verunsicherten Welt zuversichtlich. Diese Hoffnung leuchtet nicht im Glitzer und Glanz der Schaufenster und Marktstände oder bei sinnlosen Krampusläufen auf.

Zur person

Wilfried Blum

Geboren am 14. Oktober 1949 in Bregenz und dort aufgewachsen. Theologiestudium in Innsbruck, 1975 in Dornbirn St. Martin zum Priester geweiht.

Zunächst Kaplan in Götzis. von 1982 bis 1987 Jugendseelsorger, von 1990 bis 2004 Pfarrer in Göfis. Bis 2019 Pfarrer in Rankweil.

Seit Oktober 2019 Caritas-Seelsorger.

Lebt in Feldkirch.

Welche Erinnerungen haben Sie an den Advent Ihrer Kindheit?
Blum: Damals war das ganze Umfeld kirchlicher, und es gab auch keine großen öffentlichen Veranstaltungen. Morgens zum Rorate aufzustehen und ministrieren zu gehen, war sicher nicht immer das Angenehmste – abgesehen von den frischen Bosniaken-Brötchen zum anschließenden Frühstück. Selbstverständlich saßen wir am Abend um den Adventkranz beisammen, um zu singen und zu beten. Nicht zu vergessen: Fast alle Jahre lag spätestens im Dezember schon Schnee auf unseren Straßen.

Der Advent bedeutet für für viele mehr Stress als Ruhe und Besinnung. <span class="copyright">apa/Gindl</span>  <span class="copyright"> </span>
Der Advent bedeutet für für viele mehr Stress als Ruhe und Besinnung. apa/Gindl

Weihnachtsmärkte, Einkaufstouren, vieles, das noch vor Jahresende zu erledigen ist, machen den Advent mittlerweile für viele zu einer stressigen Zeit. Wie haben Sie diese Entwicklung über die Jahrzehnte erlebt?
Blum: Seit Jahren geschieht ein Wandel. Die Angebote in den Straßen werden vielfältiger. Alles Drumherum verbinde ich mit dem Weihnachtsgeschäft und auch dem Bedürfnis, gemeinsam bummeln und feiern zu können. Des Geschäftes wegen fängt man ja schon Anfang November an. Ich bin nicht überzeugt, dass dieses Ausdehnen besonderer Zeiten wirklich Sinn macht und etwas bringt – außer viel Stress für die Handelsangestellten und Marktständlerinnen und Marktständler.

„Die Hoffnung leuchtet nicht im Glitzer und Glanz der Schaufenster.“

Wilfried Blum. Caritas-Seelsorger

Viele kritisieren diesen vorweihnachtlichen Stress, spielen allerdings dennoch mit. Wieso klaffen da Wunsch und Realität so auseinander?
Blum: Das ist wohl ein innerer Zwiespalt, der da herrscht: vom Hausverstand her sich gezielt herauszuhalten und sich dann doch dieses Vergnügen nicht entgehen zu lassen. Was ich schon auch bemerke, ist, dass manche Menschen in ihrer Situation einfach solche Erlebnisse brauchen. Der Alltag schlägt vielen immer mehr auf den Magen und vergrößert die Sorgen, wie es weitergehen wird. Vielleicht tut es manchen Menschen einfach gut. Dann soll es auch gut sein.

Auf der anderen Seite hat man den Eindruck, dass die Vorweihnachtszeit auch mit sehr viel Kitsch aufgeladen wird, der mit dem eigentlichen Sinn nicht viel zu tun hat. Reicht die christliche Botschaft nicht?
Blum: Leider gibt es heutzutage Kitsch auf allen Ebenen. Man kann auf den Friedhof gehen, oft auch in Kirchen oder zu sonstigen Plätzen: Da gibt es elektrische Kerzen – welch ein Unsinn –, Weihnachtsbäume aus Plastik und ähnliches. Wir als Kirche haben hier das Narrativ vollständig verloren. Wer sich da etwas anderes einredet, hat ein Problem mit der Realität.

Wie reagiert die Kirche auf diese Entwicklungen?
Blum: Das ist von Pfarre zu Pfarre vor Ort verschieden. Manche lassen im Advent Sitzungen aus, feiern Rorate-Gottesdienste oder verstärken spirituelle Angebote des Innehaltens. Manche lassen sich ebenso vom Zeitgeist mitschieben und stressen sich mit allen möglichen Initiativen. Da steigt dann nur leere Luft auf. Die Kirche gibt es an sich nicht, wohl aber alle, die getauft und gefirmt sind – ob Kirchenbeitrag zahlend oder nicht. Da liegt oder läge das eigentliche Potenzial: Advent von innen her zum Leuchten zu bringen. Es geht um eine tiefe Sehnsucht, dem Leben verstärkt echte Erwartung zu geben: Gott wird Mensch. Er solidarisiert sich im Kind von Betlehem mit dieser Welt, mit jedem und jeder von uns. Wunderbar: Im Jesuskind wird Gott greifbar, zärtlich und zugleich auch ohnmächtig. Gegen alle Demenz im Glauben wird das Jahr für Jahr verkündet – seit 2000 Jahren. Das ist doch was!

Kinder warten auf das Christkind.   <span class="copyright"> apa/Jäger</span>
Kinder warten auf das Christkind. apa/Jäger

Glauben Sie, dass es möglich ist, dem Advent wieder etwas von seiner ursprünglichen Bedeutung zurückzugeben? Muss man das überhaupt?
Blum: Wenn Pfarrgemeinden in der Sprache von heute und mit einfachen Zeichen einen positiven Stachel ins Fleisch unserer Realität setzen und alle, die noch eine Sehnsucht nach dem Kind von Betlehem haben, diese wachhalten, dann kann schon etwas zu grünen beginnen und Leben entstehen – wie eine Oase in der Wüste. Doch der entschiedenste Ansatz für eine Wende wird künftig sein: Armut. Wir sind bei uns immer noch eine sehr, sehr reiche Kirche. Der Jesuit Pater Georg Sporschill hat vor vielen Jahren bei einem Besinnungstag in St. Arbogast für unsere damaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendstelle ein wahres Wort gesagt: Nur wirklich Armen eröffnet sich die frohe Botschaft Jesu. Papst Franziskus rüttelt unablässig mit demselben Anliegen auf. Die zu Ende gegangene Klimakonferenz in Ägypten, die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar oder auch der Ukraine-Krieg ernüchtern mehr, als der Welt lieb ist und ihr nachhaltig gut tun wird.

Wie begehen Sie persönlich den Advent?
Blum: Heuer begleitet mich ein Satz von Helmut Thielicke: „Wir wissen nicht, was kommt, aber wir wissen, wer kommt!“ Damit ich Gott nicht aus dem Blick verliere und glauben darf, dass er im Kind von Bethlehem für mein Leben relevant geworden ist, bemühe ich mich, Lärmquellen zu meiden, in der Bibel zu lesen. Mit offenen Augen auf Menschen in Nöten zu schauen und zu helfen, wie ich es mit meinen Möglichkeiten tun kann. Wie alles in der Welt und in meinem Leben weitergehen wird, weiß ich nicht, aber ich weiß, „wer kommt“. Das werde ich am Christtag wie jedes Jahr auch mit großer Freude feiern – zuerst im Hospiz am See und dann in einer Pfarre im Rheintal.

Du hast einen Tipp für die NEUE Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@neue.at.