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Meine Fluxkompensation – ein Blick zurück

27.11.2022 • 13:21 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Kopfkino von Heidi Salmhofer <span class="copyright">NEUE</span>
Kopfkino von Heidi Salmhofer NEUE

Heidi Salmhofer in ihrer Sonntags-Kolumne in der NEUE am Sonntag.

Ich habe kein verklärt romantisches Bild meiner Kindheit. Schon als Kind selbst war ich meist furchtbar angenervt, ein solches zu sein. Als Pippi Langstrumpf sich im letzten Kapitel die Krummeluspille gegen das Altwerden einwarf, hat es mir das ganze Buch vergrault. Nichtsdestotrotz komme auch ich nicht umhin, von wohligen Erinnerungen aus meiner Zeit als Klein-Heidi heimgesucht zu werden. Neben diversen Gerüchen und Geschmäckern, die mir vergangene Bilder vor meinem inneren Auge aufscheinen lassen, sind es vor allem die zwei Mädels, die mit mir in einem Haushalt wohnen, die mein eigenes Kindsein aus den Untiefen der Gedankenwelt hervorholen. Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich voller Hoffnung bin, dass meine kindlichen Vorlieben auch die meiner Kids sind. Ein klassisches Beispiel sind Krautfleckerl. Ein Essen, dass ich mir bis heute kiloweise zuführen könnte und welches in jungen Jahren zu meinen absoluten Favoriten-Speisen gehört hat (neben Omas Marillenknödeln). Seit meine Mädels feste Nahrung zu sich nehmen können, versuche ich – meine Geschmackserinnerungen zelebrierend – sie davon zu überzeugen, dass Krautfleckerl das absolut beste Essen der Welt sind. Sie verweigern sich bis heute, mit mir auf diese Reise zu gehen. Oder Bücher! Ich habe alles verschlungen, was geht, habe mich durch die ganze Geschichte des Zweiten Weltkrieges gelesen, habe mit Christine Nöstlinger die Maikäfer fliegen lassen oder mit Judith Kerr das rosa Kaninchen gesucht. Und wenn nicht das, dann war ich mit Astrid Lindgren und ihrer Ronja Räubertochter auf der Flucht vor den Druden. Voller Freude über die Erinnerung an die Abenteuer, die ich mit diesen Büchern erlebt habe, hatte ich jedes davon meinen Kindern unter den Weihnachtsbaum gelegt. Wenn ich sie nicht verräumt hätte und als Zierde in ihren Zimmern aufgestellt, würden sie noch immer dort liegen, nur ohne Weihnachtsbaum. Also wieder nichts! Auch in den seltenen Momenten, in denen meine Mädels noch mit mir spazieren gehen, kippe ich auf dieses Zeitreisefeeling hinein. Ich sehe sie und entdecke immer ein wenig von mir in ihnen, und wenn ich davon inspiriert querfeldein auf Schatzsuche gehen will, bekomme ich wieder dieses typische Augenrollen zu sehen. „Mamaaaaaa, das ist peinlich!“ Mir persönlich ist das egal, ich umarme meine zwei Fluxkompensatorinnen, sprich meine Töchter, die mir meine kleine Heidi zeigen, und mache mich daran, die vergessenen Münzen des alten Grafen von Ems zu finden. Irgendwo muss das Zeug ja sein!


Heidi Salmhofer ist freiberufliche Theatermacherin und Journalis­tin. Sie lebt als alleinerziehende Mutter mit ihren Töchtern in Hohenems.

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