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Stimmen aus der Sperrzone

29.11.2022 • 19:36 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Kornelia Lüdorff in "Tschernobyl/MyLove". <span class="copyright">Robert Aeberhard</span>
Kornelia Lüdorff in "Tschernobyl/MyLove". Robert Aeberhard

Im Solostück „Tschernobyl/My Love“ inszeniert Kornelia ­Lüdorff die ersten Tage nach der atomaren Katastrophe.

Mit Kreide schreibt sie das Datum auf den Tisch. Die Nacht des 26. April 1986 war es, an dem das Hoffen und Bangen von Ljudmila Ignatenko seinen Anfang nahm. Sie solle schlafen gehen, er komme später, sagt ihr Mann am Telefon. Sie wartete während Wassili als einer der ersten Feuerwehrmänner mit seiner Einheit ohne Schutzkleidung den brennenden Grafit vom Dach des Kernkraftwerks schob. Die Männer wurden isoliert und nach Moskau geflogen, dennoch konnte sich die schwangere Ljudmila mit Kontakten, Bestechungen und falschen Angaben immer wieder Zugang zu ihrem verstrahlten Mann verschaffen, in der naiven Hoffnung auf seine Genesung.

Minutiöse Schilderung

Das sehr berührende und mitreißende Gastspiel „Tschernobyl/Mylove“ der Regisseurin Annina Dullin-Witschi war am Wochenende in der Box des Vorarlberger Landestheaters zu sehen. Im Solostück blickt die Schauspielerin Kornelia Lüdorff als Ljudmila zurück auf das Geschehen jener Tage, die auf die atomare Katastrophe folgten. Detailreich schildert sie Einzelheiten und versucht Atmosphären und Stimmungen in der Bevölkerung mithilfe von Musik, Nebel- und Lichtinstallationen nachzubilden. Der Rest passiert in den Köpfen der Zuschauer, die wie gebannt von Lüdorffs klarer und glaubhafter Stimme der tragischen Geschichte lauschen.

Die Inszenierung mit Licht- und Nebelinstallationen. <span class="copyright">Robert Aeberhard</span>
Die Inszenierung mit Licht- und Nebelinstallationen. Robert Aeberhard

Zwischen Liebe und Tod

Mit zeitlichem Abstand erzählt Ljudmila vom Chaos in jenen Tagen nach der Katastrophe, wo viele nicht begriffen, dass sie sich in einem lebensgefährlichen Strahlungsfeld befanden, ohne Wertung und ohne Rechtfertigung. Sie beschreibt die Leichtigkeit und die Ahnungslosigkeit in der Bevölkerung, die in der verstrahlten Stadt ihre Gewohnheiten fortsetzten und während der Evakuierung den 1. Mai feierten. Sie inszeniert direkt und schonungslos die Gefühle der jungen Frau, die dabei zuschaut, wie Wassili von der Strahlenkrankheit zum wissenschaftlichen Objekt wird. Sie reflektiert nicht kritisch, sondern erklärt ein moralisches Handeln des jüngeren Ichs, das aus Liebe zu ihrem Mann nicht anders möglich gewesen wäre. Unverständliches wird nachvollziehbar gemacht.

Ljudmila Ignatenkos Erfahrungen wurden von der Literaturnobelpreisträgerin (2015) Swetlana Alexijewitsch in ihrem Buch „Tschernobyl – Eine Chronik der Zukunft“ aufgeschrieben. Bis heute ist dieses Buch, das zu den wichtigsten Dokumenten der Atomkatas­trophe von 1986 zählt, in Belarus verboten.

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