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„Diskriminierung macht Leben HIV-Positiver schwer“

30.11.2022 • 19:29 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Angela Knill mit der roten Schleife – dem Symbol für Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken. <span class="copyright">Klaus Hartinger</span>
Angela Knill mit der roten Schleife – dem Symbol für Solidarität mit HIV-Infizierten und AIDS-Kranken. Klaus Hartinger

Angela Knill, Geschäftsführerin der Aids-Hilfe Vorarlberg, über den Unterschied zwischen HIV und Aids, medizinischen Fortschritt und Diskriminierung.

In den vergangenen beiden Jahren gab es in Vorarlberg jeweils 17 Neuinfektionen mit HIV. Wie schaut diese Zahl für heuer aus?
Angela Knill: Das kann ich leider nicht genau beantworten, weil unterschiedliche Stellen HIV-Tes­tungen anbieten. Die positiven Testungen werden dann anonym gesammelt und erst im Folgejahr durch die Ages veröffentlicht.

Ist der Umgang mit der Infektion fahrlässiger geworden, hat Aids seinen Schrecken verloren?
Knill:
Aids ist aus der Öffentlichkeit verschwunden – verglichen etwa zu den 1980er-Jahren. Das hat gute Gründe. Denn Aids kommt zum Glück in seinem ganzen schrecklichen Ausmaß kaum mehr vor – zumindest nicht in den sogenannten reichen Ländern. Heutzutage können Menschen mit HIV leben wie alle anderen auch. Vorausgesetzt sie haben Zugang zur medizinischen Versorgung. Egal, ob es um Arbeit, Freizeit, Sexualität oder Familienplanung geht: HIV ist heute bei erfolgreicher Behandlung keine Beeinträchtigung mehr. Diskriminierung macht HIV-positiven Menschen das Leben aber oft immer noch unnötig schwer.

Knill: "Menschen mit HIV können leben wie alle anderen auch."  <span class="copyright">Hartinger</span>
Knill: "Menschen mit HIV können leben wie alle anderen auch." Hartinger

In Vorarlberg leben rund 240 Menschen mit dem HI-Virus. Wie geht es den Betroffenen, mit denen Sie in Kontakt sind?
Knill:
Die HIV-Infektion selbst stellt für die wenigsten Betroffenen ein richtiges Problem dar. Der medizinische Fortschritt hat dazu geführt, dass HIV sehr gut behandelbar ist. Die Lebenserwartung HIV-Positiver ist gleich hoch wie die von Menschen ohne das Virus. Aids bricht unter Behandlung nicht mehr aus. Die Medikamente wirken sogar so gut, dass das HI-Virus so weit unterdrückt wird, dass es nicht an andere weitergegeben werden kann. Eine Ansteckung ist ausgeschlossen. Was allerdings problematisch ist, ist der gesellschaftliche Umgang mit dieser chronischen Erkrankung. Immer noch outen sich die wenigsten HIV-Positiven aus Angst vor der Reaktion ihrer Mitmenschen.

Wie groß ist die Stigmatisierung und Diskriminierung noch?
Knill:
Unserer Meinung nach immer noch zu groß. Solange Menschen nicht offen über ihre chronische Erkrankung HIV sprechen können, weil sie Angst vor Diskriminierung haben, muss noch einiges geschehen. Das Verheimlichen einer Diagnose, welche aus medizinischer Sicht gut behandelbar ist, kann auf die Dauer psychisch sehr belastend sein.

Der 1. Dezember ist seit 1988 Welt-Aids-Tag.  <span class="copyright">apa/Neubauer</span>
Der 1. Dezember ist seit 1988 Welt-Aids-Tag. apa/Neubauer

Wie hat sich das Bild von Aids Ihrer Erfahrung nach in der Öffentlichkeit verändert?
Knill:
Die breite Öffentlichkeit kennt noch immer nicht den Unterschied zwischen HIV und Aids. Außerdem ist den wenigsten bewusst, wie verletzend ein Gleichsetzen von HIV und Aids für Betroffene ist. Wie bereits erläutert, kann man mit HIV sehr gut leben. Aids hingegen ist die Folge der HIV-Infektion, wenn sie nicht behandelt wird und gleichzeitig auch ein Todesurteil. Aber Aids tritt bei uns zum Glück kaum bis gar nicht mehr auf. Wichtig ist hier auch sprachlich zu differenzieren. Menschen, die mit HIV leben sind nicht Aids-Kranke. Sie sind überhaupt nicht krank, sondern können – dank einer guten Therapie, die täglich in Form einer Tablette einzunehmen ist und dank enger medizinischer Kontrollen alle drei bis sechs Monate – gleich lang, gut und gesund leben, wie Menschen ohne HIV.

Mit bisher über 400 Testungen zu sexuell übertragbaren Krankheiten sind es heuer deutlich mehr als in den vergangenen beiden Jahren. Ist das Corona geschuldet oder gibt es noch andere Gründe?
Knill:
Zum einen sicherlich Corona – durch die Lockdowns wurden leider viele Bereiche im Gesundheitswesen vernachlässigt. Zum anderen bieten wir die Testungen zu Chlamydien und Gonorrhö aber auch erst seit 2020 an. Und gleichzeitig hoffen wir natürlich, dass durch unsere Arbeit ein wachsendes Bewusstsein für die sexuelle Gesundheit entsteht. Die Zahlen deuten zumindest in diese Richtung. Testungen sind zwar keine Vorsorgeuntersuchungen, aber dennoch können die meisten sexuell übertragbaren Krankheiten, wenn sie früh genug erkannt werden, sehr gut behandelt oder sogar geheilt werden.

Leitet seit 2020 die Aids-Hilfe-Vorarlberg: Angela Knill.  <span class="copyright">Hartinger</span>
Leitet seit 2020 die Aids-Hilfe-Vorarlberg: Angela Knill. Hartinger

Die Aids-Hilfe Vorarl­berg engagiert sich stark in der Präventionsarbeit. Was machen Sie konkret?
Knill:
Wir bieten Workshops, Infoveranstaltungen und Fortbildungen für Schülerinnen und Schüler, Lehrerinnen und Lehrer, Berufsgruppen im Gesundheits- und Sozialbereich, Menschen, die an soziale Einrichtungen angebunden sind und andere. Pro Jahr erreichen wir dadurch zum Beispiel 2000 Jugendliche. Auch versuchen wir die breite Öffentlichkeit durch Infostände, zum Beispiel bei Messen oder Festivals, zu erreichen. Heute sind wir zum Beispiel in der Vereinshütte am Bregenzer Weihnachtsmarkt.

Wozu braucht es den heutigen Welt-Aids-Tag?
Knill:
Der Welt-Aids-Tag wurde erstmals 1988 von der WHO ausgerufen. Er erinnert an die Menschen, die an der Krankheit verstorben sind und teilweise immer noch daran sterben, etwa im globalen Süden. Er ruft dazu auf, Zugang für alle zu Prävention und medizinischer Versorgung zu schaffen und will nicht zuletzt Solidarität mit Menschen mit HIV einfordern und Diskriminierung entgegenwirken. Es braucht den Welt-Aids-Tag also, um das Thema nicht zu vergessen und um Verantwortliche in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Medien daran zu erinnern, dass diese HIV/Aids-Pandemie noch nicht vorüber ist. Immer noch nimmt die Zahl der Neudiagnosen weltweit und auch in Österreich nur sehr langsam ab. 2021 waren es weltweit circa 1,5 Millionen Menschen, in Österreich 378 – mehr als eine Person pro Tag. Dies könnte vermieden werden, wenn alle Möglichkeiten der Prävention ausgeschöpft würden.

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